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Der Übervater der Reformpädagogik Päderastie aus dem Geist Stefan Georges?

 ·  Was hat es zu bedeuten, wenn im Zusammenhang der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule als geistiger Übervater der Reformpädagogik immer wieder der Name Stefan George fällt? Ein Gespräch mit Biograph Thomas Karlauf.

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Was lief da eigentlich sexuell, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Dichter Stefan George junge, gutaussehende und für Poesie empfängliche Männer auf der Straße ansprach und sie in seinen Kreis aufnahm? Und was hat es zu bedeuten, wenn im Zusammenhang der jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule als geistiger Übervater der Reformpädagogik immer wieder der Name Stefan George fällt? Gibt es eine historische Verbindung? Ist es zulässig, vom Missbrauch aus dem Geist Georges zu sprechen?

Thomas Karlauf, 55, der vor drei Jahren seine große George-Biographie veröffentlichte („Stefan George - Die Entdeckung des Charisma“, siehe auch: Zum Vorabdruck der Stefan-George-Biographie Thomas Karlaufs), hat uns auf diese Fragen Antworten gegeben. Karlauf ist nicht nur ein ausgezeichneter Kenner des Georgeschen Werks. Er hat nach dem Abitur selbst zehn Jahre lang in dem von Wolfgang Frommel betriebenen George-Kreis „Castrum Peregrini“ in Amsterdam gelebt.

In Ihrer Biographie nennen Sie den Dichter Stefan George einen Homosexuellen, der im Laufe seines Lebens eine eigene Weltanschauung entwickelte, in der die „Überwindung des Sexus“ durch die „übergeschlechtliche Liebe“ als Sieg des „pädagogischen Eros“ gefeiert wurde. Das klingt sehr abstrakt und, wie ich finde, ein wenig verklärend. Georges Obsessionen waren ja sehr real. War es nicht Päderastie, die den Männerbund zusammenschweißte?

Ich würde daraus, dass das Männer waren, keinen Punkt machen. Nehmen Sie die Leidenschaft des alten Goethe für die 17-jährige Ulrike von Levetzow. Das ist die gleiche Eruption, das gleiche Wissen, dass das gesellschaftlich eigentlich nicht geht, und es ist der gleiche Erregungsgrad, der dann zu ungeheuren Gedichten führt.

Sie beschreiben die Rituale im George-Kreis: das Ansprechen der Jungs auf der Straße, Fototermine, Besuche bei den Eltern, die „Erweckungs“-Zeremonien, bei denen dem Meister im Gemach Tee serviert werden musste. Was genau da sexuell ablief, benennen Sie nicht. Warum nicht?

Weil ich den Begriff „pädagogischer Eros“ trotz aller Problematik ernst nehme. George ist kein Mann, der sich vergnügt und die Jungs dann wieder wegschickt. Einen solchen Fall gibt es in der Vita Georges nicht. Es gibt Hinweise, dass George seine Sexualität, jedenfalls eine Zeitlang, mit Strichjungen ausgelebt hat. Da sitzt ihm natürlich die katholische Herkunft im Nacken: Sex ist etwas ganz Schlimmes, Schmutziges. So wie die Madonna rein bleiben muss, muss auch der Knabe rein bleiben. Das ist ja nicht leicht, zumal die gleichgeschlechtliche Liebe unter einem ungeheuren gesellschaftlichen Stigma stand und auch gesetzlich verfolgt wurde.

Er hat die Jungen vielleicht nicht weggeschickt. Trotzdem gab es deutliche Zwänge, die zu den Gesetzen des Kreises gehörten: Berthold von Stauffenberg zum Beispiel durfte nicht heiraten. Das wurde verhindert.

Sicher. Aber das war von Fall zu Fall unterschiedlich. Gerade im Fall Berthold von Stauffenbergs können Sie das genau sehen: Berthold, also der ältere der Brüder, der sehr eng mit George war, über viele Jahre bis zu Georges Tod, der darf nicht heiraten, weil George ihn nicht teilen will. Der jüngere Bruder Claus heiratet 1933, das steht überhaupt nicht zur Debatte.

Sie meinen, man kann die Zwänge nicht pauschalisieren?

Nein, das kann man nicht. Bei Max Kommerell zum Beispiel sieht der Fall wieder ganz anders aus. Da erkennen Sie übrigens die Ambivalenz der Päderastie am deutlichsten.

Inwiefern?

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