Wir können in der Tat von Goethe lernen, freilich anders, als die Islamkritikerin Necla Kelek es in ihrer Antwort (Goethe und der Islam: Herr, mache ihnen Raum in ihrer engen Brust) auf die Replik des Imams Hadayatullah Hübsch zu Thilo Sarrazins Bilanz andeutet. Sicherlich lässt Goethe sich nicht für den Islam vereinnahmen; die beeindruckende Spannbreite seines Denkens lässt sich ohnehin nur schwerlich einer bestimmten Weltanschauung zuordnen. Und gerade das zeichnet Goethe aus: Er hat die Weitsicht eines brückenschaffenden Freigeistes und sieht sich in der „Rolle eines Handelsmannes, der seine Waren gefällig auslegt und sie auf mancherlei Weise angenehm zu machen sucht“, wie Goethe in seinen „Noten und Abhandlungen“ zum „West-östlichen Divan“ erklärt.
Goethe hatte kaum persönliche Erfahrungen mit Muslimen, und doch versuchte er sich inhaltlich mit dem Islam zu beschäftigen, jenseits der einflussreichen, islamfeindlichen Paradigmen, die sich schon seit den Kreuzzügen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hatten und auch nach der Aufklärung bestehen blieben. Dies ist umso beachtenswerter, als erst kürzlich das Meinungsforschungsinstitut Emnid in einer repräsentativen Umfrage zum Islam feststellte, dass die Deutschen viel intoleranter gegenüber dem Islam sind als ihre westeuropäischen Nachbarn, und als Hauptursache die geringe Kontakthäufigkeit mit Muslimen ansieht.
Keleks vereinfachte Lesart
Der Islam als Prototyp für das Fremde taugt nur, wenn er fremd bleibt und somit zugänglich für alle möglichen Formen der Projektionen und Diffamierungen. Setzt man sich aber mit den Quellen des Islam auseinander, kommt man womöglich zu einem differenzierteren Bild, als Necla Kelek dies suggeriert.
Der Koranvers „In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben“ (Sure 2, 257) beziehe sich nur darauf, dass der Gläubige seinen religiösen Pflichten freiwillig nachkommen soll, so Kelek. Doch wie kommt sie zu ihrer so massiv einschränkenden Interpretation dieses Verses? Dass sie sich an jener buchstabengläubigen Lesart orientiert, die schon Goethe im „Divan“ kritisierte, müsste sie als Islamkennerin eigentlich schon diskreditieren. Sie müsste wissen, dass eine große Zahl islamischer Gelehrte diesen Vers als Beleg für die Verankerung der Glaubensfreiheit im Islam anführt. Heißt es im Koran doch auch: „Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden?“ (Sure 10, 100)
Es kommt demnach einer ungeheuerlich anmaßenden Hybris gleich, wenn ein Mensch meint, einem anderen Menschen einen Glauben aufzwingen zu dürfen. Und nur einen Vers später lautet es, Gott sende seinen „ Zorn über jene, die ihre Vernunft nicht gebrauchen“. Es ist dieses rationale Element der islamischen Religion, das sich in nahezu einem Achtel des Buches niederschlägt, in dem der Mensch in unzähligen Koranversen dazu aufgefordert wird, seine Vernunft zu gebrauchen, nachzudenken und die Natur zu studieren, und das Goethe wie Lessing fasziniert hat.
Islam und Vernunft
Wenn Frau Kelek jedoch meint, Goethe habe von der Himmelsreise des Propheten geschwärmt, dann verkennt sie, dass Goethe sich nicht für einen einfältigen Wunderglauben begeistern ließ. Im Gegenteil fühlte er sich wie Lessing gerade deswegen vom Islam angesprochen, weil er ihm als besonders rationale, vernünftige Religion erschien. Der „West-östliche Divan“ ist auch insofern west-östlich, als Goethe sowohl muslimische als auch christliche Eiferer und deren „spitzfindige Subtilitäten“ sowie die sich darin manifestierende Vernunftfeindlichkeit kritisiert.
Im europäischen Islambild heute gilt die Intoleranz geradezu als islaminhärent. Goethe wie Lessing haben jedoch das Gute im Islam gesehen und wussten vermutlich, dass der Koran auch Juden, Christen und Andersgläubigen das Paradies verspricht, wenn sie Gutes tun (Sure 5, 30 oder 2, 63). Und doch parodiert Goethe ironisch die ihm damals bekannten Paradiesvorstellungen der Muslime als realitätsfern und entlarvt sich damit als Kind seiner Zeit. Das Islambild war geprägt von der Vorstellung einer sensualistisch-üppigen Welt der odaliskenreichen Harems. Es diente als Projektionsfläche für die eigenen, nicht erfüllbaren erotischen Sehnsüchte und Wünsche. Heute ist das Gegenteil der Fall, der Islam gilt als lust- und sinnenfeindlich – was deutlich werden lässt, dass es nicht nur das Verhalten der Muslime selbst ist, sondern auch die Veränderung des Selbstbildes westlicher Gesellschaften, die das Fremdbild formt.
Der Kern islamischer Spiritualität
Auch im Islam gibt es eine Entmythologisierung. Der Koran spricht über das Paradies in „Gleichnissen“ (Sure 17, 90); es handelt sich dabei um einen immateriellen Ort, der anhand von Metaphern veranschaulicht wird. Vorurteile, nach denen die Frau im Islam keine Seele habe, die später durch Karl May weit verbreitet wurden, sind ebenso haltlos, wie Keleks Behauptung, das Paradies im Islam sei nur für Männer. Sogar bei einer buchstabengetreuen, wörtlichen Betrachtung gibt es genügend Verse, die dies widerlegen: „Allah hat den gläubigen Männern und den gläubigen Frauen Gärten verheißen, die von Strömen durchflossen werden, immerdar darin zu weilen, und herrliche Wohnstätten in den Gärten der Ewigkeit. Allahs Wohlgefallen aber ist das Größte. Das ist die höchste Glückseligkeit.“ (Sure 9, 72) Es ist ebenso von Gefährten und Jünglingen die Rede wie von Gefährtinnen und Jungfrauen.
Goethe hatte den Kern der islamischen Spiritualität verstanden. Wenn er dichtete: „Närrisch, dass jeder in seinem Falle / Seine besondere Meinung preist! / Wenn Islam Gott ergeben heißt, / Im Islam leben und sterben wir alle“, dann meinte er damit eben keinen institutionalisierten Islam, sondern die mystische Bedeutung des Begriffes „Islam“ als „Frieden finden durch Ergebung in Gottes Willen“.
Der innere Weg
Eines seiner berühmtesten Gedichte aus dem „Divan“ und gleichzeitig eines der Gedichte mit dem tiefsten Gehalt überhaupt in der deutschsprachigen Literatur, „Selige Sehnsucht“, ist durchtränkt vom sufistisch-mystischen Gedanken der unio mystica, der Auflösung der Seele im Licht des Schöpfers. Das „Stirb und Werde“ erinnert nicht zufällig an die Sufi-Weisheit „Sterbt bevor ihr sterbet“ oder den Koranvers „Tötet euch selbst“ (4, 67). Jedem vernunftbegabten Menschen ist verständlich, dass dieser Vers genauso wenig wie die Beschreibung des Paradieses buchstabengetreu verstanden werden kann, auch wenn verblendete Selbstmordattentäter dies so sehen mögen. Es geht hier vielmehr um den großen „Dschihad“, den Kampf gegen das Ego, den Ich-Tod, und darum, uneigennützig Gutes zu tun.
Jenseits von Körperlichkeit oder der Geschlechtszugehörigkeit geht es dem Islam um einen Weg nach innen, Selbstkritik und Arbeit an der Seele. Auch wenn Kritiker die islamische Frühgeschichte anders interpretieren sollten: Wichtig ist, welche Werte Muslime aus den islamischen Quellen für sich ableiten. In einer Überlieferung des Propheten Mohammed heißt es, dass derjenige einen Menschen zum Sünder macht, der ihn zum Sünder erklärt. Das Gute im Islam zu sehen heißt, ihn gut zu machen. Das Gute im Islam zu sehen heißt auch, dazu beizutragen, dass er zum Guten wirkt.
"Auf mancherlei Weise angenehm"
Joschua Hildemann (Hassias)
- 20.01.2011, 09:32 Uhr
„In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben“
Harry Danckert (harryDan)
- 20.01.2011, 09:40 Uhr
Damals und heute...
Christian Heiligmann (c.heiligmann)
- 20.01.2011, 10:16 Uhr
Egal ob der Mensch Moslem oder Christ ist
Ziad Yousef (ziadyousef)
- 20.01.2011, 10:16 Uhr
Sehr schön, dieses Islambild...
Ernö Nagy (ravens01)
- 20.01.2011, 11:01 Uhr