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David Foster Wallace Die Ausweitung der Literatursprache

18.08.2009 ·  In dieser Woche erscheint „Unendlicher Spaß“, das Hauptwerk des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, auf Deutsch. In seiner oszillierenden Sprachvielfalt ist das Werk eine Herausforderung für jede Übersetzung. Der deutsche Übersetzer Ulrich Blumenbach gewährt Einblick in seine Werkstatt.

Von Ulrich Blumenbach
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Der Übersetzer ist ein Hufschmied des Pegasus und hat alle Hände voll zu tun, bevor das Musenross über den Parnass galoppieren kann. Als Helga Frese-Resch mir Ende 2002 anbot, den Roman „Infinite Jest“ von David Foster Wallace für den Verlag Kiepenheuer & Witsch zu übersetzen, war ich begeistert: endlich mal keine Eintagsfliege, die spätestens zur übernächsten Buchmesse vergessen wäre.

Vor das Ziel haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt, und im Lauf der Jahre brachten mich diverse stilistische Eigenheiten dieses Romans ins Schwitzen. Ein erstes Hufeisen, das ich in der Übersetzung nachschmieden musste, war die Ästhetik des Autors: Wallace will die spielerische Postmoderne überwinden und sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinandersetzen, ohne auf Ironie zu verzichten. Das findet seine stilistische Umsetzung in einer Art Doppelcodierung: Ein und derselbe Erzähler kann im Roman zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen pendeln und plötzlich aus einem wissenschaftlichen Duktus in die flapsige Umgangssprache eines kleinkriminellen Exjunkies verfallen: „Als eine Substanz, deren zufällige Synthese den Sandoz-Chemiker in den vorzeitigen Ruhestand versetzte und zu anhaltend starren Wandbetrachtungen verführte, steht das unglaublich starke DMZ in weiten Kreisen chemischer Untergrundlaien im Ruf, der schlimmste Stoff zu sein, der je in einem Reagenzglas gezeugt wurde. Es ist heute außerdem die härteste Freizeitdroge, die in Nordamerika zu kriegen ist, abgesehen von vietnamesischem Rohopium, das, ach vergiss es.“

Oszillierendes Schreiben

Hier musste ich den komischen Kontrast zwischen der theoretischen Erörterung und dem plötzlichen Verstummen nachbilden, dem sprachlichen Äquivalent einer abtuenden Geste. Der Erzähler, von alters her das brandheiße Kabel vom Nabel der Fabel, ist bei Wallace ein Glasfaserkabel und befördert simultan mehrere Botschaften. Dieses oszillierende Schreiben hat etwas von Selbstgesprächen. Sprechen wir öffentlich, legen wir uns auf das in der jeweiligen Situation geltende Stilregister fest (bei einem wissenschaftlichen Vortrag erzähle ich keine Zoten; im Sportverein doziere ich nicht). Im Selbstgespräch dagegen herrscht muntere Anarchie, eine Gleichwertigkeit von Fachsprachen und Slang, gebildetem Ernst und kindlichem Spaß.

Bei Wallace werden Engagement und Distanzierung perfekt ausbalanciert. Man muss sich in der Gegenwartsliteratur genau umsehen, um einen zweiten Autor zu finden, der so lebendige Figuren erschafft und ihnen so viel Mitleid, Solidarität und Liebe entgegenbringt, der die amerikanische Gesellschaft von heute aber gleichzeitig mit der theoriegeleiteten Kälte eines Obduktionsberichts seziert. Angesichts dieser Doppelbödigkeit musste ich mich beim Übersetzen immer wieder fragen: Wie fremd ist Wallace’ Satzbau für Amerikaner? Wie fremd werden meine Sätze für deutsche Leser? Wo habe ich übertrieben, und wo bin ich nicht weit genug gegangen? Wo ist Fremdheit im Original schön, aber in der Übersetzung nur holprig?

Enzyklopädische Fülle

Fremdartig wirken in „Infinite Jest“ oft nicht nur Figuren und Ereignisse, sondern auch Wörter und Sätze. Ein zweites Hufeisen der Übersetzung war nämlich, dass Wallace komplexe gesellschaftliche Sachverhalte durch verschachtelte Satzkonstruktionen und einen großen Wortschatz darstellt. Im deutschen Sprachraum wagt kaum ein Autor, die Welt mit einer so enzyklopädischen Stofffülle in Literatur zu verwandeln – mit Ausnahme von Uwe Tellkamp vielleicht, der seinen Stil im „Turm“ ähnlich vielstimmig den Figuren und Situationen anpasst. Im Anhäufen von Spezialwissen ist „Unendlicher Spaß“ ein „Kampf um die Rückeroberung des vollständigen Gebrauchs der Sprache“, wie Hemingway einmal schrieb, und ich hoffe, dass sich die Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache durch die Übersetzung erweitern, für die ich auf das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm ebenso zurückgreifen musste wie auf Lexika für historischen Argot, um den Text mit Ausdrücken wie „bucklig“ (in der Astronomie der Begriff zur Bezeichnung einer der acht Mondphasen) oder „kobern“ (auf den Strich gehen) anzureichern.

Ein weiteres Hufeisen der Übersetzung bildete die Unauffälligkeit von Wallace’ Abweichungen von der Standardsprache. Manchmal war das Verstehen schwerer als das Übersetzen, wenn etwa der Groschen nicht fiel, dass ein im Wörterbuch fehlendes „underdue“ das simple Gegenteil von „overdue“ bildete: Ein Urologe, der Tennisspielern Urinproben entnehmen und auf Drogenspuren untersuchen soll, ist früher aufgetaucht als erwartet; er ist „unterfällig“. Dann gab es das Problem schiefer Sätze, die den Leser auf den ersten Blick nach dem Lektor rufen lassen, die auf den zweiten Blick aber sorgfältig nachgeahmt werden müssen. Gleich auf der ersten Seite des Romans steht der Satz: „Die anderen sitzen bzw. stehen und stehen am Rand meines Gesichtsfeldes.“ Hat da jemand beim Überarbeiten zwei Wörter zu löschen vergessen?

Nein, Hal Incandenza, der Erzähler der Passage, ist ein pingelig genauer Beobachter, der die Körperhaltung jeder der drei Personen im Raum mit einem eigenen Verb benennt. Oder ein Tennistrainer sagt: „Jeden Tag bin ich zu dorthin gegangen, um bei dem Baum zu sein.“ Auch hier hat weder der Autor noch der Übersetzer, Lektor, Setzer oder Korrektor gepfuscht, sondern die Figur produziert eine sogenannte Aposiopese: Der zunächst geplante Satz („Jeden Tag bin ich zu dem Baum gegangen“) ist beim Sprechen aufgegeben und durch einen Neuansatz ersetzt worden.

Supernova für Herz und Hirn

Die Herausforderungen und Schwierigkeiten verblassen vor der Lust am Übersetzen von „Unendlicher Spaß“. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, heißt es bei Wittgenstein, und wenn ich in den letzten Jahren nicht gerade „Infinite Jest“ übersetzte, fühlte ich mich oft genug wie der Jedi-Ritter Luke Skywalker, Prinzessin Leia Organa und der schlitzohrige Raumschiffpilot Han Solo, die sich in „Star Wars“ plötzlich im Müllschlucker des Todessterns wiederfinden: Durch die massenmediale Sprachverhunzung, das Ramschdeutsch im Internet und den aus der Glotze quellenden Worthülsenfruchtsalat bekam ich Platzangst, denn ich hatte den Eindruck, von allen Seiten kämen die Wände meiner Sprache und mit Wittgenstein damit eben auch die Grenzen meiner Welt auf mich zu.

Wallace ist für mich der Han Solo der Literatur. Er bringt eine „Allergie gegen die einschränkenden Realitäten der Gegenwart“ mit, wie es in „Unendlicher Spaß“ einmal heißt. Er stemmt sich gegen die Beklemmungen von Schlagwort und Klischee. Sein Roman stellt eine kaum fassbare Ausweitung der Literatursprache dar, denn Wallace zündet im Müllschlucker des Todessterns eine Supernova, die den Raum der Sprache herz- und hirnerweiternd ausdehnt.

Ich habe in dieser Schatzkiste Wörter gefunden, die ich im ganzen Leben nicht noch einmal lesen werde, und ich habe sie gelegentlich durch Wörter ersetzen können, deren Gebrauch im Deutschen Wörterbuch letztmals für das Jahr 1702 belegt ist wie bei „unrüchtig“ oder die bei den Brüdern Grimm gar keinen eigenen Eintrag bekommen haben wie „Schaller“ (ein Helm des fünfzehnten Jahrhunderts). Ich habe Wörter wie „Halluzinogenivore“ (also etwa „Rauschgiftesser“) oder „thalassofiziert“ („in Meer verwandelt“) erfunden, weil Wortneuschöpfungen zu Wallace’ stilistischen Merkmalen gehören, und ich habe damit selbst ein paar Dellen in die Wände des Müllschluckers gehämmert und die Sprach- und Wortbildungsmöglichkeiten des Deutschen auszuloten und zu erweitern versucht.

Aus dem Reichtum schöpfen

Ich bin auch einer Vielzahl von Figuren begegnet, deren Sprachgebrauch Wallace liebevoll auspinselt. Ein Mathematik-Freak spricht in Formeln. Eine unterprivilegierte Afroamerikanerin spricht das berüchtigte Black American English. Ein autobiographisch angelegter Jugendlicher hat das ganze Oxford English Dictionary verschlungen und verlegt sich auf „eine Art lexikalische Vergewaltigung“ des Lesers. Ein Frankokanadier stellte mich vor die Frage, wie ich im Deutschen nachahmen sollte, dass das Englisch dieser Figur teilweise der französischen Grammatik folgt. Ein Kokainsüchtiger lebt sprachlich über seine Verhältnisse und produziert einen Bildungsschnitzer nach dem anderen.

Einige Figuren treten nur kurz aus den Kulissen, andere stehen im ganzen Romanverlauf im Rampenlicht. Sie wuchsen mir im Lauf der Jahre ans Herz. Wenn ich mich morgens vor die Tastatur setzte, freute ich mich über das Wiedersehen mit alten Freunden. Ich war gespannt, welche Facette ihrer Persönlichkeit oder welche Begebenheit aus ihrem Leben sie mir nun wieder präsentieren würden. Jeden Tag aufs Neue setzte Wallace mir so ein kleines Juwel vor, und wenn es nur Sätze in Kindersprache waren oder die Beschreibung von Fotos im Vorzimmer eines Schulleiters. Ich habe, um Bilanz zu ziehen, jahrelang eine schier unglaubliche Vielfalt und Sinnlichkeit reinen Wortmaterials erfahren, und ich konnte wie nie zuvor aus der Fülle meiner Muttersprache schöpfen, um diese Vielfalt und Sinnlichkeit wiederherzustellen.

Ulrich Blumenbach, geboren 1964, lebt in Basel. Er hat unter anderem Werke von Stephen Fry, Arthur Miller und Tobias Wolff ins Deutsche übersetzt. Für seine Übertragung von „Unendlicher Spaß“ ist ihm der diesjährige Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis zugesprochen worden.

Quelle: F.A.Z.
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