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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Das vergessene Konzentrationslager Christianstadt Tarnname Ulme

27.08.2010 ·  In Christianstadt stand die größte Munitionsfabrik des NS-Regimes. Hier wurden Jan Faktors Großmutter, Mutter und Tante als Sklavinnen gehalten. Der Autor erzählt von seine Reise zu dem vergessenen Konzentrationslager.

Von Jan Faktor
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Im Grunde habe ich mich auf die Reise nach Christianstadt seit meiner Kindheit vorbereitet - habe sie allerdings auch in den Jahren, als sie ohne weiteres möglich gewesen wäre, nicht ernsthaft geplant.

Über Christianstadt wurde bei uns zu Hause in Prag viel erzählt. Ich wusste, dass es ein Konzentrationslager war, allerdings wesentlich erträglicher als Auschwitz. Mir wurden schöne grüne Holzbaracken beschrieben, die im Wald standen - und nicht nur der Wald duftete, die Baracken dufteten auch, weil sie neu waren. In Auschwitz stank es dagegen fürchterlich, und es wuchs dort kein einziger Grashalm. In Theresienstadt wurde ab und zu noch gelacht, in Christianstadt wurde es manchmal auch wieder möglich. Zum Beispiel bei der Vergabe von gespendeten Kleidern - zur Auswahl gab es auch rosafarbene Rüschenkleider und abgetragene Trachten, die den abgemagerten Frauen nicht ganz passen wollten. Meine Mutter brüllte vor Lachen, wenn sie von diesen absurden Kostümanproben am Stacheldrahtzaun erzählte. In mir formte sich die Vorstellung eines etwas rauhen Ferienlagers.

Meine Mutter besaß damals keine Schuhe und lief auch im Winter lange Zeit barfuß. Nach dem Sprung aus dem zweiten Stock einer Theresienstädter Kaserne passten ihr sowieso keine Schuhe. Sie muss damals wie eine kleine Hexe ausgesehen haben - in einem hellen Sommerkleidchen und mit der bis nach Christianstadt geretteten, inzwischen strahlend roten Haarmähne. Alle Frauen, die etwas helleres Kopfhaar hatten und in der sogenannten „Bleischicht“ arbeiten mussten, bekamen von den eingeatmeten Giften vorübergehend fast orangefarbenes Haar. Außerdem waren in der Fabrik epileptische Anfälle an der Tagesordnung - mit Schaum vor dem Mund und anschließender Amnesie. Auch der Hunger muss unerträglich gewesen sein. Ich sah bei der Nennung des Namens trotzdem auch eine lebendige Stadt vor mir - eben Christianstadt.

Wir bogen nicht ab

Christianstadt lag für mich irgendwo versunken hinter der Grenze, und obwohl Polen kein Feindesland war, hatte niemand aus meiner Umgebung die geringste Lust hinzufahren. In unserem kiloschweren „Stielers Hand-Atlas“ von 1907 lag die unauffällige Stadt mitten im großen Deutschen Reich, auf moderneren Karten war sie dagegen unauffindbar. Die Reise wurde für mich erst dann absolut zwingend, als ich anfing, meinen „Georg“-Roman zu schreiben und über ein mögliches Christianstadt-Kapitel zu phantasieren.

Anders als im Buch kam es in der Realität für mich nie in Frage, eine derart schwierige Reise jemandem wie meiner Mutter zuzumuten. Nur 1997 waren wir beide einmal ganz nah dran, wenigstens das Dorf zu suchen, in dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester vom Todesmarsch geflüchtet war. Auf der Autobahn zwischen Dresden und Berlin war ich spontan auf die Idee gekommen, in Richtung Hoyerswerda abzufahren - dort in der Nähe sollte der Familienlegende nach der kleine Ort Klein Särchen zu finden sein. Weil wir aber in Berlin erwartet wurden - mein Sohn war gerade aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt -, bogen wir zum Glück nicht ab. Beim Abendbrot war noch alles in Ordnung, wir erzählten und lachten viel. Leider wurde meiner Mutter etwas später übel. Einen Notarzt wollte sie „wegen ihrer Galle“ nicht belästigen, wir durften nirgendwo anrufen. Nachdem sie mich gegen fünf Uhr früh geweckt hatte, war es schon zu spät. Ich habe sie gestreichelt und ihr lange zugeredet. Als der Arzt kam, war sie schon eine Weile tot. In der uns bleibenden Zeit habe ich mir noch ihre eintätowierte Auschwitz-Nummer aufgeschrieben.

Achthundert Gebäude, in den Wäldern versteckt

Die spontane Fahrt in Richtung Hoyerswerda wäre vollkommen sinnlos gewesen. Das eigentliche Klein Särchen und das betreffende Gehöft liegen weit hinter der Neiße, also in Polen. Spontan hätte man aber auch Christianstadt, das polnische Krzystkowice kaum finden können - seit dem Verschmelzen mit Nowogród Bobrzanski Ende der achtziger Jahre gibt es diese Stadt nicht mehr.

Und man hätte dort vor Ort sowieso nichts gefunden. Mit Lagern wie Auschwitz hatte Christianstadt wenig gemein, es war in erster Linie - was die Produktionsmenge in Kriegszeiten anging - die größte Sprengstoff- und Munitionsfabrik des „Dritten Reiches“. Es war ein monströser, in den Wäldern am Bober versteckter Industriekomplex von etwa achthundert Gebäuden. Und nur in einem der insgesamt elf kleineren Arbeitslager waren Juden - Jüdinnen aus ganz Europa - interniert. Auch die dreizehnjährige Ruth Klüger war dort, in ihrem Buch „weiter leben“ (1996) analysiert sie ihre Erlebnisse mit beeindruckender Schärfe. Ein seltsamer Widerspruch: Wieso sind die Namen Wolfsschanze, Peenemünde, Mittelbau-Dora und andere allgemein bekannt, Christianstadt aber nicht? Dabei ist der Ort nur zweihundertzehn Kilometer von Berlin entfernt und liegt nicht - wie viele andere gigantische Projekte des NS-Regimes - verborgen unter der Erdoberfläche.

Eine streng geheime Reichssache

Nach dem Tod meiner Mutter bin ich zu einem der Treffen der „Christianstädter Mädel“ nach Prag gefahren. Diese Frauen, die beim Ausbruch des Krieges tatsächlich sehr jung waren, trafen sich regelmäßig - jeden ersten Donnerstag im Monat. Eine Reise nach Christianstadt hatte aus den Kreisen der tschechischen Überlebenden noch niemand unternommen. Ich bekam dort die Adresse von einer gewissen Martina Löbner aus Hannover, die über die Christianstädter Sprengstofffabrik angeblich eine Doktorarbeit schrieb. Dass dieses Thema erst so spät bearbeitet wurde, war natürlich tragisch. Viele Zeitzeugen lebten nicht mehr, viele beteiligte Firmen hatten genügend Zeit, die wenigen übriggebliebenen Unterlagen verschwinden zu lassen, sehr viele Fakten werden nie ermittelt werden können. Die höchst verdienstvolle Arbeit von Frau Löbner ist dann 2002, also siebenundfünfzig Jahre nach dem Krieg, erschienen. Bis heute ist es die einzige Monographie über diese streng geheime Reichssache, über die Sprengstofffabrik mit dem Tarnnamen „Ulme“.

Im Zentrum von Christianstadt wird auf einer kleinen Tafel an die polnischen Opfer von totalitären Regimen - unter Hitler und Stalin - erinnert. Die anderen Opfer und die Fabrik bleiben unerwähnt. Der Stadtteil, der früher Christianstadt war, ist klein und gesichtslos. Es ist nicht einfach, sich eine Stelle vorzustellen, an der aller Opfer angemessen gedacht werden könnte. Von den ehemaligen Lagerbaracken blieben in den umliegenden Wäldern nur überwucherte Fundamente übrig. Was in den Wäldern aber noch steht und sich in relativ gutem Zustand befindet, sind alle aus Beton bestehenden Industriebauten der Fabrik und die zu ihr gehörenden Funktionsgebäude. Auch die kilometerlangen betonierten Verbindungswege, die den Wald durchkreuzen, sind intakt. Alle sehen gleich aus. An den vielen Kreuzungen und Abzweigungen gibt es kein einziges Hinweisschild, nichts, was die Orientierung erleichtern würde. In den Christianstädter Wäldern geht man ohne einen lokalen Kenner in kurzer Zeit verloren. Für die dortigen Geisterbauten interessieren sich heutzutage höchstens polnische Abenteuerkletterer.

Etwas Bedenkzeit

Bei meiner jahrelangen Annäherung an Christianstadt hatte ich mehr als einmal Glück, fand vor allem zur richtigen Zeit die richtigen Ratgeber. Einer war der Lokalhistoriker Hans Brenner aus Zschopau, der sich mit den Todesmärschen, die 1945 durch Sachsen führten, beschäftigt hat. Er brachte mich auch mit der Journalistin Katrin Schröder zusammen. Katrin kannte sich in Polen gut aus und kann im Gegensatz zu mir perfekt Polnisch. 2005 bekam ich ein „Grenzgänger“-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung zugesprochen. Vor der Abfahrt bekam ich allerdings auch übertriebene Warnungen auf den Weg: Das ganze Gelände sei bis heute stark kontaminiert, mit dem Auto wegen einiger Hindernisse nicht befahrbar - und wegen des militärischen und streng bewachten Teils des Komplexes bestünde außerdem Gefahr, verhaftet zu werden.

2006 fuhren wir eines Tages endlich los. Und obwohl erst einmal einiges schiefging, brachte die Reise viel mehr, als überhaupt zu erwarten war.

Ich hatte mir die Stadt völlig anders vorgestellt. Vor allem viel größer. Der Markt - zu Ehren von Herzog Christian I. von Sachsen-Merseburg - in Form von „CH“ geformt, war als solcher überhaupt nicht zu erkennen. Die markante Kirche gab es nicht mehr. Wir saßen etwas ratlos auf einer Bank und aßen unsere mitgebrachten Brote. Katrin kam bald mit einigen kontaktfreudigen Alkoholikern ins Gespräch - und man bot ihr umgehend an, uns in den Wald zu führen und alles über die Fabrik zu erzählen. Wir baten um etwas Bedenkzeit, wollten sowieso noch unsere beim Forstamt vorbestellte Unterkunft beziehen. Dort traf uns dann endlich das ganz große Glück. Der dortige Pförtner kannte den Lokalhistoriker Herrn Jasinski und rief ihn an. Stefan Jasinski hatte an dem Tag frei und war bereit, uns zu helfen.

Nach stundenlangen Strafappellen

Aber zunächst einige Fakten. In den Lagern in und um Christianstadt waren zwischen 1942 und 1944 durchschnittlich zwanzigtausend Personen untergebracht - 20.000! Die Gesamtfläche, auf der sich die Produktionsstätten und die dazu gehörende Infrastruktur befanden, war mehr als zwanzig Quadratkilometer groß. Für die Wasserwerke wurden in Handarbeit große Auffangbecken ausgehoben, Wälle und Dämme gebaut, die Klärwerke (genauer: Neutralisationsanlagen) auf tief unterhalb der Waldebene freigeschaufelten Senken errichtet. Und das alles in Rekordzeit.

Aber auch zum eigentlichen Betrieb der fertigen Fabrik brauchte man eine riesige Sklavenarmee, die rund um die Uhr sortiert, gelenkt, getrieben, beaufsichtigt und „versorgt“ werden musste. Das damals herrschende Massentreiben ist in dem ruhigen Wald von heute schwer vorstellbar. Mir wurde eine partielle Vorstellung irgendwann doch möglich. Das Gelände des Lagers „Am Schwedenwall“, in dem meine drei Schornstein-Damen, meine Mutter, Tante und Großmutter, gefangen waren, ist überhaupt nicht groß, misst nur etwa hundertachtzig mal hundert Meter. Und in den nur fünf von insgesamt sieben für Jüdinnen vorgesehenen Baracken waren bei Vollbelegung mehr als eintausend Frauen untergebracht. Nach stundenlangen (Straf-)Appellen duften sie auf ihren Pritschen einige Stunden schlafen.

Sechstausend Liter Schwefelsäure

Die Klärwerke wurden deswegen in den riesigen Senken untergebracht, weil bei eventuellen Havarien sich der giftige Schlamm nicht in die Gegend ergießen durfte. Genauso wie die Senken wurden auch die Auffangbecken der beiden Wasserwerke am Fluss Bober in Handarbeit ausgehoben. Alle produktionsrelevanten Bauten des Industriekomplexes gab es dort grundsätzlich zweimal. Bei dem ununterbrochen laufenden Betrieb durfte nichts zum Stillstand kommen, keine Störung einen Produktionsstau auslösen. Es gab also nicht nur zwei getrennte Wasser- und Klärwerke, sondern auch zwei Kohlekraftwerke, zwei Wasseraufbereitungsanlagen. Am Ende sollten jedenfalls pausenlos Nitrozellulose, Nitroguanidin, TNT und Hexogen in die Patronen- und Granatenhülsen, Bomben- und andere Hohlkörper abgesondert werden - fließen, blubbern, zischen, rieseln.

Beim Lesen der Arbeit von Martina Löbner stellte ich mir an manchen Stellen die Hölle auf Erden vor - in der alles vibrierte, summte, möglicherweise kurz vor der Explosion stand. Neben den eigentlichen Produktionsgebäuden standen zehn hohe rauchende Schornsteine. In hundertzwanzig großen Kesseln wurden alle möglichen Flüssigkeiten gemischt, gerührt und erhitzt. Und wenn sechstausend Liter Schwefelsäure die richtige Temperatur bekamen, durfte - wie man sich denken kann - niemandem ein Fehler unterlaufen. Aus gutem Grund standen die pyramidenartigen Methanol-Reservoirs von dem Produktionsgelände mehr als zwei Kilometer weit entfernt. Das Methanol wurde im Inneren der erdumhüllten, mit Bäumen bewachsenen Pyramiden aufbewahrt - in Behältnissen, die in riesigen, mit Wasser gefüllten Betonkratern schwammen.

Rauch aus dem Munitionsdepot

Natürlich gab es immer wieder Explosionen, insgesamt acht, zwei besonders verheerende. Bei allen besonders gefährlichen Arbeiten wurden Jüdinnen eingesetzt. Eine Explosion - es wäre die neunte gewesen - verhinderte höchstpersönlich meine Großmutter. Sie machte ihren Meister auf eine Lagerstätte für fertige Munition aufmerksam, aus der Rauch aufstieg. Bis zur Auflösung der Fabrik bekam sie dafür eine Extraportion Essen, die sie sich selbstverständlich mit ihren Töchtern teilte. Wegen der Explosionsgefahr bestanden die Produktionsgebäude aus Beton-Skeletten. Wenn eine Explosion die dünnen Außenwände aus Ziegelsteinen zerstörte, sollten die Skelette aus Stahlbeton stehen bleiben. Und sie blieben stehen, sie blieben auch dann stehen, als die Rote Armee versuchte, sie mit gezielt angebrachten Dynamitladungen zu sprengen oder sie mit Panzerkanonen zu zerstören.

Wegen der großen Entfernungen, die man bei der Suche nach den einzelnen Bauten garantiert zurücklegen müsste, hatte ich auf die Reise mein Fahrrad mitgebracht, Katrin auch. Herr Jasinski überzeugte uns allerdings, dass der ganze Wald problemlos mit dem Auto befahrbar sei und dass wir es trotz des dort herrschenden Fahrverbots auch tun sollten.

Auf einmal musste alles ganz schnell gehen

Wir nahmen unsere Räder vom Auto herunter. Ich war auf die Erkundung des Waldes gut vorbereitet - hatte feste Wanderschuhe dabei, Autan gegen die Mücken, Regenkleidung und einiges mehr. Alles war ordentlich in meinem Rucksack verstaut. Wir standen eine Weile auf dem Hof des Forstamtes, unterhielten uns weiter mit Herrn Jasinski und stellten ihm immer neue Fragen. Ich hatte leichte Schuhe an, ein T-Shirt und meine Kamera um den Hals. Zum Glück hielt ich noch meine uralte Aktentasche bereit, in der meine Karten, Skizzen und einige Lagerpläne aus der Arbeit Martina Löbners steckten. Eine Trinkflasche war nicht dabei.

Plötzlich meinte Herr Jasinski, wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Mein Rucksack befand sich natürlich noch in der Unterkunft. Und bevor ich realisierte, dass wir nicht zu einer Vorbesprechung anhand des Kartenmaterials, sondern ins Terrain aufgebrochen waren, war es zu spät. Wir fuhren eine asphaltierte Landstraße lang, dann trotz einiger Verbots- und Warnschilder in den Wald hinein, kilometerlang. „In einem dieser Qualitätswege aus Beton liegt die Arbeit meiner perfektionistischen Tante Felicitas verborgen“, dachte ich. Und weil unsere Reise gut ausgehen sollte, hatte ich gerade noch einmal großes Glück - mein gesamter Vorrat an Filmen lag aus Versehen noch im Kofferraum. Gleich an diesem ersten Tag verbrauchte ich davon ganze sechs Rollen.

Der Schriftsteller Jan Faktor wurde 1951 in Prag geboren und lebt seit 1978 in Berlin. 2006 veröffentlichte er den Roman „Schornstein“. Sein im Frühjahr erschienener, autobiographisch gefärbter Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“ (siehe auch: Rezension: Jan Faktors „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“), in dem der Ich-Erzähler einmal mit seiner Mutter auf den Spuren ihrer Erinnerung an die Lagerzeit nach Christianstadt reist, wurde von der Kritik gefeiert und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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