05.05.2011 · Die Debatte um „Das Amt“ geht weiter. Ein Rezensionsaufsatz hatte grundsätzliche Einwände gegen die Arbeitsteilung der Historikerkommission erhoben. Deren Verteidigung geht nun an der Sache vorbei.
Von Patrick BahnersDie Mitglieder der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes, Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, haben in der „Frankfurter Rundschau“ eine Replik auf den Rezensionsaufsatz publiziert, den Johannes Hürter, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, im Aprilheft der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, der Zeitschrift des Instituts, ihrem unter dem Titel „Das Amt“ als Buch gedruckten Kommissionsbericht gewidmet hatte. In der Sache unterbleibt wieder, wie in dem Zeitungsinterview, mit dem Moshe Zimmermann am Erscheinungstag des Heftes auf den Aufsatz reagierte, jede Auseinandersetzung mit den ebenso grundsätzlichen wie detailliert belegten Einwänden Hürters. An die Stelle wissenschaftlicher Argumente tritt die politische Verdächtigung.
Hürter hatte es in einer Fußnote als „Etikettenschwindel“ und „Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis“ gerügt, dass Conze, Frei, Hayes und Zimmermann auf dem Haupttitelblatt als Autoren des Buches ausgewiesen werden und erst im Nachwort offengelegt wird, dass die auf der Rückseite des Titelblatts aufgezählten wissenschaftlichen Mitarbeiter der Kommission den gesamten Text mit Ausnahme von Einleitung und Nachwort verfasst haben. Retourkutsche der Kommission: Hürter betreibe seinerseits Etikettenschwindel, da seine Besprechung nur die ersten 300 von 879 Seiten behandele. Doch wo liegt der Schwindel? Hürter, Experte für die Wehrmacht im Vernichtungskrieg, sagt ausdrücklich, dass er die Kritik des zweiten Teils Fachleuten für Geschichts- und Außenpolitik der Bundesrepublik überlasse.
Mit Erschrecken auf das Wort „falsch“ gestoßen
Conze und Kollegen schreiben: „Wer nur die erste Hälfte eines monographisch angelegten Buches rezensiert, manipuliert den Leser.“ Doch wenn die Kommission ihren Gegenstand nur in Teamarbeit bewältigen konnte, darf auch die Kritik arbeitsteilig vorgehen. Der Tadel manipulativer Selbstbeschränkung müsste auch die beiden in der Internetzeitschrift H-Soz-Kult publizierten Teilrezensionen treffen. Die Formalie der mangelnden Transparenz der Autorschaft hat sachliches Gewicht, weil Hürter in Fragen, die für den Kommissionsauftrag einer Institutionengeschichte des Auswärtigen Amtes zentral sind, eklatante Widersprüche zwischen Abschnitten unterschiedlicher Verfasser nachweist. Anscheinend hat sich der an letzter Stelle der wissenschaftlichen Mitarbeiter aufgeführte „Endredakteur“ Thomas Karlauf, dessen Arbeit das Nachwort als „ebenso energisch wie meisterhaft“ rühmt, weniger mit der sachlichen Harmonisierung der Ergebnisse als mit ihrer publikumswirksamen Zuspitzung befasst.
Mit „Erschrecken“, teilt die Kommission mit, habe man bei Hürter „einen Ton“ vernommen, „wie er in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zuletzt im Historikerstreit vor 25 Jahren gebräuchlich war“. Beispiele: „Begriffe wie ,abwegig', ,bodenlos' oder schlicht ,falsch' sind in einer ernsthaften Diskussion wissenschaftlicher Einordnungen oder Bewertungen fehl am Platze.“ Wie bitte? Eine Einordnung darf in der Geschichtswissenschaft nicht falsch genannt werden? Die inkriminierten deutlichen Worte wählt Hürter, wo in „Das Amt“ die Kühnheit der Thesenbildung mit der Abwesenheit von Belegen zusammenkommt. Das betrifft insbesondere die Gewichtung der Eigeninitiative des Amtes bei der Vernichtungspolitik gegenüber den Juden.
Verzicht auf Unterscheidung
Den von Zimmermann in die Welt gesetzten haltlosen Vorwurf, Hürter, Pionier einer kritischen Militärgeschichte, habe sich Ton und Richtung seines Aufsatzes von Horst Möller vorgeben lassen, dem unlängst verabschiedeten Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, bekräftigt die Kommission nun als Kollektiv. Dass Möller 1992, in der Ära Kohl, als Nachfolger von Martin Broszat zum Direktor berufen wurde, empfand man auf der nach eigenem Begriff linksliberalen Seite des damaligen fachinternen kalten Krieges als Usurpation. Mehrere von Broszat eingestellte Mitarbeiter verließen das Institut, Frei harrte bis 1997 aus.
Mit Broszat verbindet sich ein Stil der Sachlichkeit, die Überwindung volkspädagogischer Befangenheiten aus den Gründerjahren des Instituts. Durch streng wissenschaftliche Forschung, so Broszats Überzeugung, leisten die Historiker der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus den besten Dienst. Freis Habilitationsschrift behandelt die „Vergangenheitspolitik“ der frühen Nachkriegszeit. Durch seine Berufung in die AA-Kommission erhielt er die Chance, selbst Geschichtspolitik zu machen.
Die Kommission bescheidet den Kritiker, er müsse sich überlegen, wessen „Geschäft“ er befördere, wenn er Differenzierung einklage. Sollen in zeithistorischen Kontroversen also wieder mutmaßliche politische Wirkungen von Argumenten den Ausschlag geben? Es ist kein erhebender Anblick, dass der einstige Meisterschüler Martin Broszats dem Verzicht auf Unterscheidungen das Wort redet.
Moral von der Geschicht
Franz Neu (louis_quatorze)
- 05.05.2011, 16:05 Uhr