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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Comicsalon Erlangen Stadtväter, lest die Signale!

 ·  Der Vorlauf zu dieser wichtigsten Preisverleihung für den Comic im deutschsprachigen Raum gestaltete sich katastrophal, die Durchführung jedoch triumphal. Der Erlanger Comicsalon zeigt mit seinen verdienten Preisträgern eine Branche im Aufwind und eine neue Lust am Bild.

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Zunächst einmal: Dass der diesjährige Erlanger Comicsalon überhaupt so glanzvoll stattgefunden hat, ist eine Sensation. Die Stadt hatte ihm im Vergleich zur letzten Veranstaltung 2008 ein Fünftel des Etats gekürzt, und finanzielle Planungssicherheit über den Rest bestand erst im Januar, zu einem Zeitpunkt also, an dem normalerweise längst die begleitenden Ausstellungen oder Schauplätze hätten vereinbart sein müssen. Dann legte sich das Stadtmuseum Erlangen quer, als es um einen großen Ausstellungskomplex zu Geschichte und Aktualität des Zeitungscomics ging – die erhofften Liegenschaften standen plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Und zu guter Letzt geriet auch noch das Herz des Salons, die Verleihung des Max-und-Moritz-Preises als bedeutendster deutscher Comic-Auszeichnung, aus dem Takt.

Denn die Bekanntgabe des publikumswirksamen Lebenswerkpreisträgers zog sich endlos hin, weil der auserkorene einundsiebzigjährige französische Szenarist Pierre Christin sich Zeit mit der Zusage ließ. Dadurch verzögerte sich die Bekanntgabe der für die übrigen Max-und-Moritz-Preise nominierten Zeichner und Comics, und das schadete wiederum dem erstmals ausgelobten Publikumspreis, für den nur noch eine grotesk knappe Abstimmungsdauer von zehn Tagen blieb.

Zulauf wie selten zuvor

Kurz gesagt: Der Vorlauf gestaltete sich katastrophal, die Durchführung jedoch triumphal. Mit 25 000 Besuchern wurde das Ergebnis des Vorgängersalons klar übertroffen, die teilweise in kürzester Frist erarbeiteten Ausstellungen hatten auch an ungewöhnlichen Orten wie ehemaligen Buchhandlungen oder den Stadtwerken Zulauf wie selten zuvor, und die Auswahl der Preisträger ist über jeden Zweifel erhaben. Die Max-und-Moritz-Preise des Jahres 2010 ehren konsequent die mutigsten Comic-Publikationen der vergangenen beiden Jahre.

Das beginnt mit „Alpha“ von Jens Harder. Seine gezeichnete Geschichte der Evolution bis zum Erscheinen des Menschen umfasst 350 Seiten und verlangte dem Berliner Zeichner vier Jahre Arbeit ab. Dann fand sich kein deutscher Verlag dafür. Doch Harder, der schon mit seinem nur in Frankreich, aber dafür mehrsprachig verlegten Vorgängerband „Leviathan“ 2004 einen Max-und-Moritz-Preis gewonnen hatte, suchte wieder den Umweg über das große Comicland jenseits des Rheins. Dort wurde „Alpha“ bei Erscheinen 2009 sofort als Sensation gefeiert und erhielt beim Festival von Angoulême schließlich den „Preis für Wagemut“. Mittlerweile hat der Hamburger Carlsen Verlag eine deutsche Übersetzung publiziert und fährt nun für diesen moderaten Mut die Ernte ein.

Als einzige ernsthafte Konkurrenz beim Rennen um die Auszeichnung als bester deutschsprachiger Comic durfte das autobiographische Mammutwerk „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ gelten. Die wie Harder in der Berliner Comiczeichnergruppe Monogatari tätige Österreicherin Ulli Lust erzählt über ihr jugendliches Ausreißen nach Italien in einer Intensität, die ihresgleichen nicht hat (siehe Ulli Lusts Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“). Ein halbes Dutzend Übersetzungen sind bereits verabredet, der kleine Avant Verlag verkauft derzeit die dritte Auflage. Das heißt zwar nicht mehr, als dass es 4500 Käufer für diesen Comic gibt, aber das ist in Deutschland für ein Werk von solcher Komplexität eine veritable Sensation. Zumal Ulli Lust völlig überraschend den neuen Publikumspreis gewann, womit das einzige Versäumnis der Jury korrigiert wurde.

König für „Arche-“ und „Prototyp“ ausgezeichnet

Österreich erlebte in Erlangen einen Triumph, denn außer Ulli Lust wurde auch der den Lesern der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bekannte Wiener Zeichner Nicolas Mahler ausgezeichnet: mit dem Hauptpreis als bester deutschsprachiger Comic-Künstler. Das war überfällig. Genauso wie der Sieg von Ralf König. Nicht, dass er nicht schon diverse Max-und-Moritz-Preise erhalten hätte, aber die Auszeichnung als bester Comic-Strip hätte auch schon 2008 an „Archetyp“ gehen können, der von dieser Zeitung publiziert wurde (siehe Ralf Königs „Archetyp” auf FAZ.NET). Nun bekommt er ihn gleich für „Arche-“ und „Prototyp“ zusammen. Dadurch ging leider Kat Menschik leer aus, die für ihr derzeit in der F.A.Z. laufendes „Variables Kalendarium“ (siehe Kat Menschiks „Das variable Kalendarium” auf FAZ.NET) auch nominiert war.

Schließlich gewann die von der Hochschule Augsburg erstellte Anthologie „Strichnin“ den Preis als beste studentische Publikation und Nadia Buddes grandiose, bei S. Fischer in der Reihe „Bücher mit dem blauen Band“ erschienene Erinnerung an ihre Kindheit in der DDR, „Such dir was aus, aber beeil dich!“, den Preis für den besten Comic für Kinder. Wenig originell dagegen, wenn auch genauso überzeugend, die Auszeichnung als bester internationaler Comic für die „Pinocchio“-Version des französischen Zeichners Winshluss. Dieser Band hatte 2009 bereits den Hauptpreis in Angoulême gewonnen.

Die Preisvergabe wie die Neugier der Salonbesucher auf die meist überlaufenen Vorträge, Diskussionen und Künstlergespräche bestätigen, dass der Comic in Deutschland neues Interesse findet – auch in Handel und Presse dank anspruchsvoller, auch für ein literarisches Publikum attraktiver Veröffentlichungen, die sich des Gütesiegels „Graphic Novel“ bedienen. So inhaltsleer dieser Begriff an sich auch ist, hat er doch etlichen ambitionierten Arbeiten den Weg in die Verlagsprogramme geebnet. Sie stammen vermehrt auch von einheimischen Zeichnern, die dadurch wiederum im Ausland wahrgenommen werden. Einen nie zuvor dagewesenen Erfolg erlebte in diesem Jahr etwa Isabel Kreitz mit ihrem Historiencomic „Die Sache mit Sorge“, der beim belgischen Großverlag Casterman zum Spitzentitel des französischsprachigen Programms avancierte.

Nun darf man nur noch hoffen, dass auch die Stadtväter in Erlangen begreifen, was die Stunde geschlagen hat. Allein der Selbstausbeutung des eigenen Kulturamts und zahlloser freier Helfer war es zu verdanken, dass dem diesjährigen Salon die Einbußen kaum anzumerken waren. Noch einmal wird solch ein Kraftakt nicht durchführbar sein. Die Stadt steht vor der Entscheidung, ob sie alle zwei Jahre Nabel der deutschsprachigen Comicwelt bleiben will. In München etabliert sich mittlerweile alternierend ein Comicfest, das 2009 großen Erfolg verzeichnete und im kommenden Jahr noch größer werden will. Und selbst im österreichischen Linz nutzte man das dortige Kulturhauptstadtjahr 2009, um ein Comicfestival zu etablieren. Beides ist als unmittelbare Konkurrenz nicht weit weg von Erlangen, und deutsche Literaturfestivals entdecken Comics neuerdings auch vermehrt für sich. Selbstverständlichkeiten gibt es nicht mehr in einer Sparte, die einen Aufwind spürt wie noch nie. Aber ob diese Qualität in Jahren des Sparens auch durch Quantität belohnt wird?Andreas Platthaus

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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