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Sonntag, 12. Februar 2012
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China-Symposion Der Westen zum Diktat, bitte

14.09.2009 ·  Es ist zu wünschen, dass auf der Buchmesse Chinas Weg in die Zukunft so differenziert diskutiert wird, wie er real vonstatten geht. Das Symposion in Frankfurt wurde nach anfänglicher Aufregung wesentlich.

Von Irmy Schweiger
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Der Westen muss sich gedulden. Wang Huis Buch „Die Entstehung des modernen chinesischen Denkens“ wird erst 2010 in englischer Übersetzung erscheinen. Der weltläufige Philosoph und führende Kopf der sogenannten neuen Linken gehört zu den schärfsten Kritikern des chinesischen Neoliberalismus, der in der Volksrepublik China seit 1989 die politische Praxis bestimmt. Wang verlangt eine „Neuaufklärung“ und steht für die Kritik einer Moderne, die den „westlichen Kapitalismus und die Geschichte seiner globalen Expansion“ zum Maßstab chinesischer Entwicklung macht.

Er plädiert dafür, die Erfahrungen Chinas und anderer nicht westlicher Gesellschaften für theoretische und systemische Neuerungen nutzbar zu machen. Wang Hui, Professor an der renommierten Qinghua Universität und Mitglied der Akademie der Sozialwissenschaften, scheut sich nicht, der chinesischen Regierung öffentlich zu widersprechen. Die Regierung wiederum beruft sich schon seit Jahren auf Wangs fundierte Argumente - etwa, wenn es um die Durchsetzung einer sozial und ökologisch verträglicheren Wirtschaftspolitik geht. Persönlich konnte Wang Hui seine Thesen beim Frankfurter Symposium leider nicht vortragen, so fehlte ein theoretisches Schwergewicht.

Nach den anfänglichen Aufregungen bemühten sich die zahlreichen Redner (und wenigen Rednerinnen) um ein spektrenreiches Chinabild. Auf die Frage, welche Rolle China in der Welt spiele, stellte Harald Müller von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung noch einmal den Ausgangspunkt klar: Bei der Bewältigung globaler Probleme sei der gemeinsame Dialog kein Luxus, sondern existentielle Notwendigkeit, und es gebe keine Alternative zur gleichberechtigten Kooperation.

China-Bashing zu den Olympischen Spielen kritisiert

Der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland Mei Zhaorong stimmte der Problemanalyse zu, ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass China jederzeit eigene Lösungswege beschreiten und dabei das eigene Tempo bestimmen werde. Dass China schon länger in der Welt angekommen ist, zeige, so der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer, die jahrhundertelange intellektuelle Verflechtung beider Länder. Das Wissen um die vielfältigen gemeinsamen Wurzeln gelte es, als Potential für eine tragfähige Zukunft zu nutzen.

Hohe Wellen schlug die Sitzung zum Chinabild in deutschen Medien, die von chinesischer Seite genutzt wurde, um das mediale China-Bashing im Vor- und Umfeld der Olympischen Spiele 2008 als unrühmliches Kapitel deutscher Mediengeschichte herauszustellen. Ernsthafte Berichterstattung setze nicht wie Reality-TV auf Show und Sensation und liefere auch keine fertigen Bilder.

Was es heißt, China heterogen zu denken

Interessanter als die Medienschelte wäre freilich ein fundierter Beitrag über die Funktionsweise der chinesischen Medienlandschaft gewesen, die sich nicht einfach auf Zensur und mangelnde Pressefreiheit reduzieren lässt, sondern ein komplexes Zusammenspiel von staatlicher Regulierung, kommerzialisierter Medienpraxis und der politischen und wirtschaftlichen Großwetterlage darstellt. Medien sind hier längst zu einem Ort gesellschaftlicher Aushandlungen geworden, auch wenn Bei Ling und andere in einer emotionalen Schlussrunde den Zensurvorwurf erneuerten. Ergiebig wäre nebenbei auch ein Blick auf die chinesische Berichterstattung über Deutschland gewesen. Die Differenziertheit und Vielseitigkeit, ja auch das ausgeprägte Deutschland-Interesse hätten womöglich verwundert.

Die Sinologin und Historikerin Nikola Spakowski der Jacobs-Universität in Bremen führte erstmals weg von dem impressionistischen Getüpfel und machte vor, wie es aussehen könnte, China heterogen zu denken. China lasse sich nicht an einem bestimmten Punkt auf dem Weg in die Wissenschaftsgesellschaft fixieren, sondern befinde sich überall und nirgends ganz. Während einige Segmente im Zuge der Globalisierung international angeschlossen seien, lägen andere zurück, was Ergebnis der historischen Entwicklung, aber auch Ziel einer staatlichen Strategie sei. Der Volkswirtschaftler und Sinologe Carsten Herrmann-Pillath verwies anekdotenreich auf die zunehmende Asymetrie von Wissen. Während in China westliches Wissen nicht nur intensiv genutzt werde und man den Westen sehr gut kenne, habe man hierzulande noch einiges nachzuholen.

All die angemahnten Debatten werden doch längst geführt

Der Soziologe Li Qiang ließ in seinem statistischen Zahlenparcours zum sozialen Wandel eine Ahnung davon entstehen, vor welchen gesellschaftlichen Herausforderungen China steht. Ein unterhaltsames Finale boten die Schriftsteller: Während Mo Yan Individualität als Voraussetzung für Literatur betonte, zeigte sich Tilmann Spengler amüsiert über den „Menschenrechts-Reflex“, der einsetze, wenn kulturelle Codes nicht gedeutet werden können. Eine Kultur der Verständigung, so war man sich einig, entstehe nicht durch die Nivellierung kultureller Differenzen, sondern in deren Bewahrung und gegenseitiger Anerkennung.

Wer sich zwischen den Sitzungen mit den Gästen aus China unterhielt, dem wurde deutlich, dass in dem Land all jene Debatten, die Antikommunisten im Westen so gerne anmahnen, längst geführt werden. Nur ist allen bewusst, dass es noch ein langer Weg ist, ein Gesellschaftsmodell für 1,3 Milliarden Menschen zu entwickeln, das demokratisch, wirtschaftlich erfolgreich, sozial und ökologisch ist und dabei auch sprachlichen, kulturellen und ethnischen Differenzen gerecht wird. Für ein solches Modell findet sich weder in der Gegenwart noch in der Geschichte ein Vorbild. Es ist zu wünschen, dass auf der Buchmesse Chinas Weg in die Zukunft so differenziert diskutiert wird, wie er real vonstatten geht.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutsch-chinesischen Institut für Interkulturelle Germanistik und Kulturvergleich der Universität Göttingen.

Quelle: F.A.Z.
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