02.09.2010 · Die neue argentinische Literatur ist erfolgreich aus dem Schatten ihrer Meister getreten. Wir haben die bedeutendsten Autoren des Landes getroffen - Alan Pauls, Samanta Schweblin, Martín Kohan und Martín Caparrós.
Von Paul IngendaayManche erkunden fremde Städte durch ihre Einkaufsviertel, Museen, Grünanlagen oder Kirchen. Ich erinnere mich am genauesten an die Begegnung mit Schriftstellern. Nicht als Sightseeing-Ersatz, sondern um die Stadt nicht zu verlieren, bevor ich sie gewonnen habe. Schriftsteller sind Gedächtnis, Launenhaftigkeit, ein Sammelsurium aus Kunst und ortsbezogenem Privatuniversum und daneben meistens auch noch ganz normale Bürger. In der spanischsprachigen Welt kommt hinzu, dass man Schriftsteller fast immer stören kann, ob in Quito, Mexiko-Stadt, Barcelona oder Madrid; sie weigern sich, Belästigung zu empfinden. Wenn ich dann von einem halben Dutzend Begegnungen innerhalb weniger Tage überflutet zu werden drohe, tröstet mich der Gedanke ans Aufnahmegerät. Ein Glück, dass der kürzlich verstorbene argentinische Erzähler Rodolfo Fogwill seinen Whisky nicht darübergoss, als wir uns vor elf Jahren in einer Bar in Buenos Aires trafen. Dafür streute er mir überschwänglich Zigarettenasche auf den Arm. Er hatte mir gerade erzählt, wie Borges ihn eines Tages in der U-Bahn fast mit dem Blindenstock geschlagen hätte.
Die jüngere argentinische Autorengeneration, die sich im Oktober als Gast auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird, mag weniger charismatisch sein als Fogwill, künstlerisch ist sie so ernsthaft, dass deutsche Verlage in diesem Jahr mit einer Fülle hochkarätiger Titel aufwarten können. Einer der bekanntesten Schriftsteller ist Martín Kohan, Jahrgang 1967. Er kommt in Sporttrikot und Turnschuhen, wie ihn auch manche Autorenfotos zeigen. Wir treffen uns im Kellergeschoss der ältesten Buchhandlung von Buenos Aires, weil das dazugehörige Café gerade stillgelegt wurde. Dafür machen wir es uns in schweren Wohnzimmersesseln des gehobenen bürgerlichen Stils gemütlich, umgeben von Büchern zu Geschichte und Jurisprudenz. Die passende Umgebung für diesen scharfsinnigen literarischen Kopf, dessen Bücher weniger von Ereignissen als von den Ablagerungen dieser Ereignisse im Bewusstsein handeln.
„Ich mache keine Probeläufe“
Zwei frühere auf Deutsch erschienene Romane - „Sekundenlang“ aus dem Jahr 2007 und „Zweimal Juni“, 2009 - ordnen das Geschehen mit Hilfe einer Zeitachse, die von Schlüsseldaten der argentinischen Geschichte bestimmt wird. Im ersten Roman sind es der Boxkampf des Lokalmatadors Luis Ángel Firpo gegen den amerikanischen Weltmeister Jack Dempsey sowie das legendäre Gastspiel der Wiener Philharmoniker unter Richard Strauss, die in Buenos Aires Mahlers Erste Sinfonie aufführen, beides Ereignisse des Jahres 1923, die ein halbes Jahrhundert später von einer Provinzzeitung zu einem Gedenkartikel verarbeitet werden. Überzeugender, knapper und wirklich zum Gruseln erzählt Kohan in „Zweimal Juni“ von der Euphorie um die argentinische Nationalmannschaft mit dem jungen Maradona bei den Weltmeisterschaften von 1978 und 1982 und kontrastiert den kollektiven Fußballtaumel mit Innenansichten des Folterstaats.
Martín Kohan unterrichtet Literaturtheorie an der Universität von Buenos Aires und ist geübt darin, über die Bauform von Texten zu sprechen. Von seinen eigenen Büchern - sechs Romanen, zwei Erzählbänden und drei Essays - sagt er, sie nähmen im Kopf über lange Zeit hinweg Gestalt an, bevor er sich zum Schreiben hinsetze. „Ich mache keine Probeläufe“, sagt er. „Ich schreibe nicht verschiedene Anfänge oder sammele Entwürfe an. Die technischen Fragen wie Perspektive und Erzählton sind durch die lange Planungsphase im Kopf schon gelöst, wenn ich anfange.“
Weder Abrechnung noch Anklage
Diese Methode erlaubte es ihm, seinen Roman „Sittenlehre“, der soeben auf Deutsch erschienen ist, in fünfundvierzig Tagen zu schreiben. Das Buch erzählt vom Elitegymnasium Colegio Nacional im Jahr 1982, als die Militärs durch den Falklandkrieg die patriotischen Empfindungen der Nation mobilisierten und kurz darauf ihr politisches Fiasko erlebten. Doch bis hinter die Mauern der berühmtesten Lehranstalt des Landes, aus der Staatsmänner und Denker hervorgingen, dringt wenig von der großen Geschichte. Kohans Roman handelt vom persönlichen Ordnungskampf einer jungen Aufseherin, die sich durch disziplinarischen Übereifer in den Netzen fremder und eigener Kontrolle verstrickt.
Kohan ist selbst im Colegio Nacional zur Schule gegangen. Die Buchhandlung, in der wir uns unterhalten, hieß früher „Librería del Colegio“ und liegt gleich gegenüber. Doch sein Roman ist weder Abrechnung noch Anklage, sondern die Systemanalyse eines winzigen Falls, aus dem jeder seine Schlüsse ziehen mag, mit den Mitteln der Literatur. „Die Perspektive einer so befangenen, ihre eigenen Gefühle unterdrückenden Hauptfigur“, erzählt Kohan, „erlaubte mir nicht nur, den Roman zu schreiben, sondern manche Themen überhaupt erst zu finden, von denen er handeln sollte. Form und Thema bedingen sich gegenseitig.“ Dasselbe ließe sich von dem jungen Rekruten sagen, der in „Zweimal Juni“ in bravem Erfüllungseifer einem Folterarzt als Fahrer dient und sich nie über seine eigene Rolle im Unrechtsstaat klar wird. „Ich glaube nicht, dass dieser Roman die Bebilderung einer wissenschaftlichen These ist“, sagt Martín Kohan, „doch ich gebe zu, dass mein Nachdenken über die literarische Darstellbarkeit von Politik von der Lektüre Michel Foucaults profitiert hat.“
Literatur als Verwandlung
Wenn französische Theorie die junge argentinische Literatur nährt - woher stammen dann die Phantasien von Samanta Schweblin? Mit zwei schmalen Erzählbänden hat sich die 1978 geborene Schriftstellerin mit elsässischen Vorfahren schon einen beachtlichen Namen erworben und stellt unter Beweis, dass kein Land des lateinamerikanischen Kontinents so prädestiniert für die kurze Form ist wie Argentinien, wo Borges und Julio Cortázar noch immer über den Köpfen der Nachwuchstalente thronen. Samanta Schweblin erwartet mich in einem Billardcafé, ein dickes Buch vor sich. Man kann sich vorstellen, dass sie gern ein paar Stunden mit Kaffee und Büchern verbringt. Doch den Eindruck korrigiert sie gleich. „Buenos Aires ist eine Stadt, in der der Preis für eine freie Stunde so hoch ist wie kaum sonst irgendwo. Man arbeitet viel, bekommt wenig bezahlt und hat riesige Strecken zurückzulegen. Ich habe meine Techniken entwickelt, beim Unterwegssein zu lesen. Stehend in der Bahn oder im Bus bekomme ich täglich fast einen Roman durch.“
Was das eigene Schreiben angeht, hält sie es lieber mit Storys, die manchmal fünf, manchmal zehn oder zwölf Seiten lang sind und in jedem Fall äußerste Verdichtung verraten. „Die Wahrheit über die Zukunft“ heißt ihr Buch in deutscher Übersetzung. Die Wolkigkeit des Titels ist weit entfernt von der Härte des Originals, das „Pájaros en la boca“ heißt - Vögel im Mund. Mal moderne Schauergeschichten, mal Etüden in Verunsicherung und Beklemmung, spielen die Geschichten in Raststätten, Vorstadtwohnungen, auf der Finca oder einer staubigen Straße in der Provinz. Samanta Schweblin kann gleichermaßen überzeugend aus der Sicht von Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern schreiben, ihr Ton ist kühl, nicht konfessionell, und von ihrem eigenen Leben entdeckt man in diesen Geschichten nichts: Literatur als Verwandlung.
Geld verdienen, ohne sich vom Fleck zu bewegen
Sie habe Filmwissenschaften studiert, erzählt sie, bis ihr klargeworden sei, dass Bild und Ton dort zu viel Gewicht hätten, während das Drehbuch als Nebensache von fünf Prozent angesehen werde. Das sei für sie zu wenig gewesen. Also habe sie sich fürs Schreiben entschieden. „Dann saß ich eines Tages mit zweiundzwanzig Jahren im Haus meiner Eltern vor dem Computer und fragte mich ernsthaft, wie ich Geld verdienen könnte, ohne mich vom Fleck zu bewegen. Und ich eignete mir in wenigen Monaten Kenntnisse über Suchmaschinen-Optimierung und Keyword-Plazierung in Google an.“
So gründete Samanta Schweblin im Jahr 2000, als dergleichen in Argentinien noch nicht so verbreitet war, eine Firma für Webdesign und hatte damit so viel Erfolg, dass sie zwei feste und zwei freie Mitarbeiter beschäftigen konnte. „Die Kunden, die unsere Dienste erbaten, hatten ja keine Ahnung, dass ich im Wohnzimmer meiner Eltern saß. Ich erfand einen besonders kompetenten Mitarbeiter im Haus, mit Namen und eigener E-Mail, an den ich Kunden verwies, die mit unserem ersten Entwurf nicht einverstanden waren. Dieser ,Emil' löste die Aufgabe stets zur vollen Zufriedenheit. Noch heute kommen Dankeskarten für die exzellente Arbeit von ,Emil' bei mir an.“
„Ich fange mit einer Emotion an“
Unterdessen allerdings war „Plan B“, der schnöde Broterwerb, zur Hauptsache ihres Lebens geworden und hatte Plan A, das Schreiben, verdrängt. Da zog Samanta Schweblin die Reißleine. Im Jahr 2008 verkaufte sie die Firma und ging mit einem Stipendium vier Monate nach Mexiko. Seitdem schreibt sie Erzählungen - zur Zeit das dritte Buch - und lebt vom Ersparten. Sie lacht, wenn sie ihre Geschichte erzählt, sie erkennt die Ironien, das Zufällige und bisweilen Absurde daran. Im Grunde aber will sie nur schreiben und auf dem Papier neue Leben erfinden. „Ich fange mit einer Emotion an“, sagt sie, „das ist der Auslöser. Etwas, was ich selbst erlebt, was ich gesehen oder erzählt bekommen habe. Doch ich setze mich erst hin, wenn ich Anfang und Ende meiner Erzählung kenne. Ich will mich nicht verirren und die Sache auswalzen. Wenn ich zwölf Seiten schreibe, bleiben höchstens acht übrig, meistens weniger. Und ich kürze, soviel ich kann. Ich glaube, dass man einer Erzählung anliest, ob sie in einem Rutsch geschrieben wurde oder nicht.“
Am Tag darauf betrete ich die kühlen Räume der Literaturtheorie. Alan Pauls ist einundfünfzig Jahre alt und hat ein kantiges, noch immer jungenhaftes Gesicht. Er empfängt mich in seinem Atelier, serviert Wasser, setzt sich hin und wartet auf Fragen. Im vergangenen Jahr ist bei uns sein Roman „Die Vergangenheit“ (2003) erschienen und hat erstaunliche Reaktionen ausgelöst: Zwar fanden nicht alle Rezensenten die verschlungene Geschichte über eine obsessive Liebe im Buenos Aires der siebziger und achtziger Jahre schlackenfrei und ganz austariert, doch keinem entging die große Assoziations- und Verführungskraft von Alan Pauls' Prosa. Es ist Kunst für Künstler oder Leser mit sehr viel Zeit, ein Schriftstelleruniversum, das sich selbst zum Stoff wird, dargeboten in weit ausholenden, ziemlich verschachtelten Sätzen und mit einigen Verbeugungen vor Proust und Nabokov.
Bewährtes argentinisches Modell
Alan Pauls, Sohn eines Deutschen, der 1939 seine Heimat verließ, besitzt zwar einen deutschen Pass, hat die Sprache seiner Vorfahren aber nie gelernt und den „Mann ohne Eigenschaften“ auf Spanisch gelesen. Sein neues Projekt ist eine autobiographische Romantrilogie über die siebziger Jahre, deren erster Band, „Die Geschichte der Tränen“, gerade auf Deutsch erschienen ist. Da er vergangenes Jahr in Princeton ein Doktorandenseminar über lateinamerikanische Literatur unterrichtet hat, frage ich ihn zunächst, wie ein Schriftsteller das Schreiben und die Lehre vereinbart.
„Nicht schlecht“, erklärt er. „Die Literaturwissenschaft bringt dem Schreibenden ja immer etwas ein, Ideen, Schreibweisen, Wissen um die literarische Tradition.“ Damit folge er einem bewährten argentinischen Modell. „Auch Borges hat viele Wissensgebiete in seine Literatur hereingeholt und dadurch ein neues Genre geschaffen. Literatur zu analysieren hat mich nie gehindert, Literatur zu schreiben.“ Es gebe einen sehr fruchtbaren Austausch zwischen diesen beiden Welten.
Frühe Filme von Wim Wenders als inspirierendes Gegenbeispiel
Alan Pauls spricht langsam und formuliert sorgfältig. Es macht ihm nichts aus, wenn ein unfertiger Satz einige Sekunden in der Luft hängt, bevor das richtige Wort gefunden ist. Man könnte in dieser Ruhe den Ausdruck für ein künstlerisches Prinzip sehen, für die Abneigung gegen das Schnelle, Laute und Direkte. Dass er keine Bestsellerliteratur mag und die populärsten Bücher der lateinamerikanischen Tradition meidet, lässt sich ahnen. Dass er nicht weiß, was ein ernsthafter Schriftsteller auf einem Markt- und Rummelplatz wie der Frankfurter Buchmesse soll, spricht er ebenfalls deutlich aus.
„Ich glaube nicht daran“, sagt Pauls, „dass Literatur ,Geschichten erzählt', wie ich das auch vom Kino nicht glaube. Es ist viel mehr und viel komplizierter. Das Geheimnis der Literatur liegt darin, wie das geschieht, was ein Autor mit seiner Geschichte macht, welche Formen und Modulationen er findet.“ Besonders wichtig findet Pauls die „tote Zeit“, das Geschehen abseits der markanten Ereignisse, auf die man eine Handlung gern reduziert. Und er nennt als inspirierendes Gegenbeispiel die frühen Filme von Wim Wenders, weil sie zeigten, „was geschieht, wenn nichts geschieht“.
Vielseitiger Globetrotter
Auch seine Trilogie verfährt so. Im zweiten, noch unübersetzten Band, „Die Geschichte des Haars“, gruppiert der Autor Jugenderinnerungen um Haarstile, Körperbotschaften und Friseurbesuche. Der dritte Band, an dem er gerade schreibt, soll „Die Geschichte des Geldes“ heißen. Für Pauls zählen nicht die Tatsachen, sondern ihre Entstehung, ihre Folgen oder ihr Nachleben in der Erinnerung. Der Assoziierende stellt Verbindungen her, nicht um Ordnung zu schaffen, sondern um einen Abdruck von Chaos und Reichtum zu hinterlassen. „Ich glaube nicht an das Zentrum“, sagt Pauls, „den Kern, den Plot. Nein, dem Hauptportal ziehe ich beim Schreiben immer den Nebeneingang vor. Was soll ich im Wohnzimmer? Mich interessieren der Keller und der Lastenaufzug.“
Mein vierter Gesprächspartner ist ein Freund des dritten, der literarische Reisende schlechthin und vielleicht deshalb der Einzige, den ich in Buenos Aires nicht zu fassen bekomme. Also treffen wir uns in einem Café im Madrider Viertel Moncloa, das er gut kennt. Martín Caparrós, geboren 1957, sieht aus wie ein Mann, der in verschiedene Jahrhunderte passen würde, nicht nur wegen des imposanten Kopfes und des prächtigen, schön gezwirbelten Schnurrbarts. Literarisch ist Caparrós so vielseitig, wie es die Globetrotter der Literatur nun einmal sein müssen. Er schreibt Romane, Essays und journalistische Beiträge, er übersetzt Bücher und reist durch die Welt, um die Lebensgeschichten verfolgter, misshandelter und marginalisierter Jugendlicher aufzuschreiben. Diese Texte, die auf langen Gesprächen beruhen, dienen als Material für den Jahresbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA).
Ein gutes Jahrzehnt Abwesenheit
In seinem leider unübersetzten Reisebuch „Una luna“ (Ein Mond) schildert Caparrós, wie er innerhalb von achtundzwanzig Tagen neun Städte auf drei Kontinenten besucht, „ein Delirium“, wie er sagt, und zwischen extremem Elend, haarsträubenden Geschichten und dem Komfort des Businessreisenden hin- und hergerissen wird. Die Berichte für den Bevölkerungsfonds sind in den Text hineinmontiert. „Ich hatte das lange nicht mehr gemacht“, erzählt er, „journalistisch in der Er-Form zu schreiben. Nicht mit einer eigenen Meinung, sondern objektiv. Doch meine Aufgabe ist es hier, einen Eindruck von diesen Menschen zu vermitteln, den andere verstehen können. Ich bin ihr Protokollant, ihr Lebensbeschreiber, einem anderen erzählen sie das nicht, ob es sich um junge Menschen aus Chisinau (Moldawien), Monrovia (Liberia) oder Lusaka (Sambia) handelt. Mein persönliches Delirium bestand darin, dass ich innerhalb eines Mondes auch noch nach Paris, Amsterdam, Madrid, Barcelona, Pittsburgh und Johannesburg fliegen musste.“
Caparrós gibt gern zu, dass dieses kosmopolitische Dasein eine Gewohnheit und eine Lebensform geworden ist. Als 1976 in Argentinien die Militärs putschten, ging er ins Exil nach Paris, um an der Sorbonne Geschichte zu studieren, später nach Madrid und blieb insgesamt neun Jahre weg. Zusammen mit einem Aufenthalt in New York kommt er auf ein gutes Jahrzehnt Abwesenheit. Sein ehrgeizigstes Werk schrieb er zusammen mit Eduardo Anguita, es heißt „La voluntad“ (Der Wille) und erzählt anhand von rund zwanzig Einzelschicksalen die Geschichte der revolutionären Bewegung in Argentinien zwischen 1966 und 1978.
Die pausenlos ratternde Verarbeitungsmaschine
Die Autoren widerstanden der Versuchung, ihrem großen Werk einen dramatischen Titel zu geben, in dem Blei, Blut oder Folter vorkäme. Die Idee hinter dieser auf fünf Bände mit insgesamt dreitausend Seiten angeschwollenen Dokumentation spielt in Caparrós' Denken eine zentrale Rolle. „Die landläufige Meinung ist doch, dass die Ermordeten der Diktatur vor allem Opfer waren, arme Jungen, die durch Uniformierte abgeholt wurden und seitdem von ihren Müttern beweint werden. Das heißt, man nahm ihnen ihre konkrete politische Absicht und reduzierte sie auf ihren Opferstatus. Man machte aus aktiv Handelnden passiv Erleidende, verwandelte das Subjekt (einer Mission, eines politischen Glaubens, hochfliegender Pläne) in ein Objekt (von Verschleppung, Folter und Mord). Diese Verwandlung kam mir nicht nur ungerecht vor. Es war, als würde man die Verschwundenen des Militärregimes noch einmal verschwinden lassen. Als wollte man ihnen zurufen: Ihr seid Opfer, weiter nichts.“
Nach seinem Roman „Valfierno“ (deutsch 2007), einer intelligenten Phantasie um den Raub der Mona Lisa aus dem Louvre, ist jetzt bei uns der Roman „Wir haben uns geirrt“ erschienen, mit dem Caparrós zu seinem Lieblingsthema zurückkehrt. „Ursprünglich sollte es eine Art Kriminalroman werden“, sagt er, „doch am Ende ging es mir doch wieder um die Diktatur.“ Allerdings weniger um die Verbrechen selbst als das fieberhafte Bilanzziehen, die pausenlos ratternde Verarbeitungsmaschine, die im Inneren eines ehemaligen Widerstandskämpfers, dessen Frau verschwand, seit Jahrzehnten aktiv ist. „Wir waren überzeugt, dass das Morgen bald anbrechen würde“, heißt es über die Revolutionsidealisten der siebziger Jahre. „Es war Nacht, und wir rieben uns schon mal mit Sonnencreme ein.“
Die große Entzauberung, das ist Martín Caparrós' Thema. Das Mittelmaß einer Gegenwart, die nie an den Anspruch der alten Ideale heranreicht und nicht aufhören kann, von ihrem Versagen zu sprechen. „Wenn du in diesem Land etwas darstellen willst“, heißt es in seinem Roman, „musst du sterben, bevor du die vierzig erreicht hast. Hier zählen nur die Toten.“
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
Jüngste Beiträge