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Buch zurückgezogen Liebe in den Zeiten des Holocaust

 ·  Herman Rosenblat war im Konzentrationslager Buchenwald. Ein Mädchen, so berichtete er, habe ihm Tag für Tag Äpfel über den Zaun geworfen - und wurde später seine Frau. Doch die Geschichte, die demnächst als Buch erscheinen sollte, ist erfunden.

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Diesmal wurde die Verfälschung schnell erkannt, noch vor dem Druck des Buches. Man scheut sich aber, ohne weiteres von einer blanken Fälschung zu sprechen, denn der heute neunundsiebzigjährige Herman Rosenblat war tatsächlich im Konzentrationslager Buchenwald. Aber dass er nicht aufschrieb, was er tatsächlich dort erleben musste, sondern seine Geschichte romantisierte und damit für den Massenmarkt des Buchhandels kompatibel machen wollte, wirft man ihm nun vor. Der Verlag Berkeley Books, der zur Penguin-Gruppe gehört, wird „Angel at the Fence“ (Engel am Zaun) nicht veröffentlichen. Die Kinderbuchversion „Angel Girl“, im vergangenen September erschienen, wurde bereits zurückgezogen.

Ursprünglich hatte der Autor wohl nicht damit gerechnet, dass er es in den Vereinigten Staaten zu nationaler Berühmtheit und dann zur furchtbaren Beschämung bringen würde. Bei einem Zeitschriftenwettbewerb zum Valentinstag hatte er seine Geschichte eingereicht, in der er erzählte, wie an einer abgelegenen Stelle des Lagers, am Zaun, von den Wachmannschaften nicht erkennbar, ein neunjähriges Mädchen über Monate hinweg Tag für Tag erschien, um ihm einen Apfel hinüberzuwerfen.

Schlechterdings unmöglich

Das Kind, eine Jüdin, gehörte zu einer Familie, die in der Nähe Zwangsarbeit leisten musste, sich aber als polnisch-christlich ausgab. Dann kam Rosenblat in ein anderes Lager, der Kontakt brach ab. Und mehr als ein Jahrzehnt später, so erzählte er weiter, geschah nun das kleine Wunder: Bei einem „blind date“ im Jahre 1957, im Vergnügungspark von Coney Island, trifft er eine Frau, sie ist keine andere als das Kind von damals, sie heiraten und sind bis heute ein glückliches Paar.

Die Geschichte machte schnell die Runde, Rosenblat und seine Frau kamen in die Show von Oprah Winfrey, und damit wäre der Erfolg eigentlich sicher gewesen. Aber als das Buch dann angekündigt wurde, kamen Zweifel auf, die vor allem in der Zeitschrift „New Republic“ geäußert wurden. Kenneth Waltzer, ein Erforscher der Vernichtungspolitik, tätig an der Michigan State University, meldete seinen Unglauben an: Die Szene sei schlechterdings unmöglich, und wer dergleichen dennoch behaupte, verharmlose in Wahrheit das Lagerregime in Buchenwald und in den KZs überhaupt.

Wachsender Zynismus

In den Vereinigten Staaten wird der Fall ausgiebig kommentiert. Denn dort sieht man die Gefahr eines langsam wachsenden Zynismus gegenüber den Berichten der Überlebenden. Deborah Lipstadt, die wohl bekannteste Holocaust-Spezialistin, schreibt in der aktuellen Ausgabe des New Yorker „Forward“, Geschichten wie die von Rosenblat hätten einen verheerenden Effekt, der sie schlimmer mache als die Publikationen der Leugner.

Was den Zynismus gegenüber der Erinnerungspolitik angeht, so hat Kate Winslet das Nötige gesagt, als sie (die in der Verfilmung von Bernhard Schlinks „Vorleser“ die Rolle der ehemaligen KZ-Wächterin spielt) scherzend meinte, für eine tragende Rolle in einem Holocaust-Film sei ein Oscar von vornherein garantiert.

Aber auch innerhalb der amerikanischen Judenheit wächst das Unbehagen an der Vermarktung. Tova Reichs Buch „Mein Holocaust“, im September auf Deutsch erschienen, ist an satirischer Verve gegenüber dem „Schoa-Business“ wohl kaum zu übertreffen.

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