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Bilder der Krise Das Antlitz der Zeit

 ·  Im Fotoautomaten versucht jeder sich auch in der Krise von seiner besten Seite zu zeigen: Eine Sammlung von fünfhundert Automatenbildern zeigt jetzt deutsche Männer, Frauen und Kinder in den Jahren 1928 bis 1945.

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Man kann es den Menschen am Gesicht ansehen, ob sie von gestern oder von heute sind. Ist es nicht so, dass es früher viel mehr ganz eigene Typen gab? Die Gesichter aus einer anderen Zeit, die wir hier sehen - von den Zwanziggern bis in die Vierziger des vorigen Jahrhunderts -, laden dazu ein, das Blaue vom Himmel in sie hineinzugeheimnissen. Schlagartig werden die Versuchungen der früher einmal überaus populären Physiognomik greifbar, jene Gesichtswissenschaft, die vorgab, vom Äußeren aufs Innere schließen zu können und damit auch rassistischen Motiven Einlass gewährte.

Unverkennbar scheint aber doch dies: Selbst sehr roh wirkende Gesichter sahen einmal auf andere, auf feinere Art roh aus als heute. Es gab die Physiognomie der Bangigkeit, aber nicht die Physiognomie der Ängste - dieses massenhaft geplapperte Pluralwort war noch gar nicht in Gebrauch. Zur Uniform des Massenmenschen gehörte die Schiebermütze, nicht die Kastenbrille. Möchte man nicht tausend Mal lieber einem Schiebermützenträger im Lift begegnen als einem Menschen mit Kastenbrille? Schiebermützenträgerblicke gehen nach innen, Kastenbrillenaugen schauen immer nur nach draußen. Hinter der Kastenbrille kein zauderndes, kein irgendwie innengeleitetes Gesicht, nirgends - nur die Ödnis der streberhaft durchpsychologisierten Seele, die gelernt hat, nach vorn zu blicken, nach vorn, manisch nach vorn.

Verwunschenes Album

Günter Karl Bose ist Professor am Leipziger Institut für Buchkunst. Er hat fünfhundert Automatenbilder gesammelt, die in Deutschland zwischen 1928 und 1945 entstanden sind. Sein Buch, in dem auch die hier abgebildeten Aufnahmen zu sehen sind, heißt nach dem legendären Gerät, das sie schoss, „Photomaton“. Das Photomaton ist der Vorläufer der uns bekannten, hier und da noch in Bahnhöfen und Kaufhäusern stehenden Fotoautomaten. In der nach zwei Seiten offenen Kabine nahmen die Leute ohne Vorhang auf einem justierbaren metallenen Hocker Platz und fixierten vor sich eine schräge, spiegelnde Glasscheibe, hinter der die Kamera verborgen war.

Nach Einwurf eines Geldstücks hielt man nach acht Minuten das seriell erstellte Selbstporträt in Händen - von Andy Warhol als künstlerisches Motiv geadelt. Boses Buch ist wie ein verwunschenes Album, das man in der Dachkammer fand. Wer von den Fotografierten hätte es damals für möglich gehalten, Jahrzehnte später einmal als Antlitz der Zeit betrachtet zu werden?

Günter Karl Bose „Photomaton. 500 Automatenbilder: Frauen, Männer, Kinder. 1928 - 1945“, Institut für Buchkkunst, Leipzig 2011

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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