12.07.2010 · Der Hamburger macht es immer öfter, der Mecklenburg-Vorpommer immer seltener: Die Bibliotheksnutzung nimmt im ganzen Land zu, aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern werfen Fragen auf.
Von Levke ClausenEine zentrale Rolle in der Wissens-Vermittlung spielen auch mitten in der digitalen Revolution die Bibliotheken. Die Frage nach der Beschaffung von Büchern wird jedoch nicht dem Bund, sondern den Ländern und Kreisen gestellt. Und diese sehen sich vor dem Problem der laufenden Mittelkürzungen. Die Ausstattung der öffentlichen Bibliotheken ist anders als bei den wissenschaftlichen Bibliotheken nirgendwo als Pflichtaufgabe verankert. Denn Kultur ist in der föderalen Bundesrepublik Ländersache. Diese verweisen alle Anfragen an Städte und Gemeinden weiter, wo um jeden Euro gerungen wird.
Umso überraschender fällt die jetzt von dpa RegioData ausgewertete Deutsche Bibliotheksstatistik aus. Derzufolge wurden in der den vergangenen fünf Jahren im Bundesdurchschnitt um fünf Prozent mehr Bücher und Medien aus öffentlichen Bibliotheken entliehen.
„Weil wir gute Arbeit leisten“
Besonders im Westen und Süden des Landes nahmen in den letzten Jahren die Besucherzahlen zu. Klaus-Peter Böttger, Direktor der Stadtbibliothek Essen, kann gar auf einen Zuwachs von zwanzig Prozent verweisen. Seine Begründung ist einfach: „Weil wir gute Arbeit leisten.“ Die von ihm geleitete Bibliothek konzentriere sich auf die Kunden und deren Wünsche nach Medienvielfalt, biete eine große Auswahl nicht nur von Büchern, sondern auch Computer-Spielen, CDs oder Filmen. Besonders lobt er die Zusammenarbeit mit den Schulen. Da nicht jede Schule das Glück habe, eine eigene Schulbibliothek zu besitzen, biete die Essener Stadtbibliothek unter anderem Führungen, Informationsveranstaltungen, Lernwerkstätten sowie ein spezielles kinderfreundliches Ambiente.
Laut Böttger müsse in Deutschland - als einem Land des Lernens und der Bildung - nichts mehr gefördert werden als das Lesen und die Nutzung von Büchern. Die Welt bestehe nämlich nicht nur aus Google und den ersten beiden Treffern in der Liste dieser oder einer anderen Suchmaschine. Böttger betont: „Das Internet kann nicht die zuverlässigen Informationen aus einem riesigen Bestand von Büchern, Zeitschriften oder Magazinen ersetzen.“
Im Süden und Westen des Landes wird besonders viel entliehen
Auch der Leiter der Regensburger Staatsbibliothek, Bernhard Lübbers, freut sich über den Nutzungszuwachs in seiner Region. Zwar ist die Förderung der Staatsbibliothek nicht etwa mit der Finanzierung öffentlicher oder städtischer Bibliotheken zu vergleichen. Aber da man, wie Lübbers sagt, mit der Förderung und öffentlichen Mitteln nie zufrieden sein könne, mache „Not erfinderisch“. Die Staatsbibliothek zeichne sich nicht zuletzt durch eine breite und wirksame Öffentlichkeitsarbeit aus, die zahlreiche Veranstaltungen und Aktionstage anbiete. Doch das Herz einer jeden Bibliothek sei der Bestand, die Ausstattung. Ein umfangreiches, gut zugängliches und modernes Angebot sei die Voraussetzung des Erfolgs.
Die positive Grundtendenz offenbart bei genauerer Betrachtung jedoch eklatante Unterschiede zwischen Deutschlands Bundesländern und Kreisen. Während im Vergleich von 429 Kreisen und kreisfreien Städten Braunschweig, Regensburg und der niedersächsische Landkreis Stade mit einem Anstieg von etwa vierzig Prozent weit vorn liegen, legen die Bibliotheken längst nicht überall zu. In mehr als 180 Kreisen wurden im vergangenen Jahr weniger Bücher, Spiele und CDs ausgeliehen.
Bibliotheken im Osten stehen vor einem Förderungsproblem
Besonders drastisch fiel der Rückgang in ostdeutschen Regionen auf. Laut Statistik geht die Nutzung der Bibliotheken in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit Abstand am stärksten zurück, gefolgt von Thüringen und Brandenburg. Erst vor kurzem hat das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Lesekompetenz im gesamtdeutschen Vergleich untersucht. Hier wurde eine besonders auffällige Nord-Süd-Sapltung der Repuiblik diagnostiziert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Weshalb werden Bibliotheken genau dort wenig genutzt und geschlossen, wo das Lesen besonders gefördert werden müsste? Gehen die schlechten PISA-Ergebnisse und die rückläufige Bibliotheksnutzung in Ostdeutschland Hand in Hand?
„Etatkürzungen und knappe Mittel sind das Grundproblem“, so Manfred Heckmann. Die Statistik überrascht den Leiter der Rostocker Stadtbibliothek nicht, gehören doch fehlende Gelder zum Alltag der Bibliotheken Mecklenburg-Vorpommerns. Allein im letzten Jahr seien mehr als zwanzig Porzent der Bibliotheksangestellten in den Vorruhestand geschickt worden, Neueinstellungen habe es nicht gegeben. Da verwundert es wenig, wenn der Leiter den Bestand und das Angebot verringern muss, um die Mehrarbeit der restlichen Belegschaft zu deckeln.
Weniger Angebot, weniger Nutzer
Obwohl das Land einen drastischen Rückgang in der Nutzung der Bibliotheken zu verzeichnen hat, Heckmann bleibt trotz allem zuversichtlich. Er setzt voll auf das vom Land geförderte Pilotprojekt Ostseebibliotheken, ein Zusammenschluss aus bislang vier Bibliotheken, durch welchen er einen Anstieg in der Nutzung der Bibliotheken nicht nur der Touristen an der Ostsee, sondern im Land allgemein hofft. Durch das Zusammenlegen würden Stellen eingespart, der Bestand jedoch erweitert, was neue Entleiher locken könnte.
Schaffen es die Bibliotheken aber aus finanziellen Gründen auf lange Sicht nicht, ihr Angebot attraktiver zu gestalten und neue Anreize zu schaffen, wird sich an der rückläufigen Tendenz des Leseinteresses im Osten Deutschlands wenig ändern. Die Fördermittel hierzu fehlen jedoch an allen Ecken und Enden, sodass die Länder es offenbar mit einem nicht enden wollenden Kreislauf zu tun haben, in welchem sich die Komponenten gegenseitig bedingen: Durch ungenügende finanzielle Förderung der Bibliotheken müssen Ausstattung und Ausgaben für Neuanschaffungen niedrig gehalten werden. Die Bibliothek verliert an Attraktivität und Modernität, das Interesse stagniert. Schwindende Leselust und -kompetenz sind das Ergebnis. Der Essener Bibliotheksdirektor Klaus-Peter Böttger ist deshalb überzeugt, dass „die Förderung der Bibliotheken eine unverzichtbare moralische Pflichtaufgabe ist.“ Die Länder seien in der Pflicht, die Bibliotheken stärker zu fördern - als Instrumente für den freien Zugang zu Wissen und Informationen.