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Veröffentlicht: 20.11.2010, 11:55 Uhr

Bericht eines Securitate-Mitarbeiters Schwester Lüge, Bruder Schmerz

Wie ich IM „Moga“ wurde und mich diese Erfahrung bis heute verfolgt: Aufgewühlt von der Debatte um Oskar Pastior, erinnert sich der Journalist Claus Stephani an seine eigene Tätigkeit für den rumänischen Geheimdienst Securitate.

von Claus Stephani
© F.A.Z. / Barbara Klemm Wer bespitzelt wen? Bukarest 1972

„Le roi est mort, vive le roi!“, hieß es einst in Frankreich, wenn ein Thronfolger die Macht übernahm. Nun könnte es heißen: Die Securitate ist tot, es lebe die Securitate! Denn das, was damals in Rumänien nicht gelungen ist, weil wir alle - Rumänen, Deutsche, Juden, Ungarn und andere - gemeinsam unter einer schicksalhaften, nonkonformen Decke steckten und angesichts der kommunistischen Partei- und Staatsbehörden doch meist solidarisch waren -, das schafft jetzt eine unsichtbare Immer-noch-Securitate, die sogar hier in Deutschland als Untote dämonisch wieder präsent ist. Auch wenn sie inzwischen einen anderen Namen trägt.

Noch nie waren die ehemaligen Rumäniendeutschen so argwöhnisch wie heute. Noch nie gab es unter ihnen so viel üble Nachrede, so viele Stammtischkommentare, Verdächtigungen, Gerüchte ohne Belege, öffentliche Anprangerungen, so viel Neid und Hass. Noch nie waren Schwester Lüge und Bruder Schmerz, die ungleichen Kinder aller Diktaturen, so oft beisammen, Hand in Hand. Es ist ein später Endsieg dieser teuflischen Behörde, die man nach der Wende in der Hölle wähnte. Leider kam sie nicht so weit.

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Es gibt viele Schriftsteller und Künstler, die nicht wissen wollen, ob sie während der Diktatur bespitzelt oder verraten wurden, und daher auch nicht ihre Akte einsehen. Andere wiederum versuchen, im Sumpf der Vergangenheit, den man immer noch nicht trockenlegen konnte, sich Klarheit zu verschaffen. Doch in der Regel findet man in den „Berichten“ - was oft vergessen wird - letztlich vor allem die Sichtweise der Securitate. Die belastenden „Informationen“ in Maschinenschrift wurden meist vom Führungsoffizier selbst verfasst, ergänzt und in eine eigene Diktion gebracht. Darunter steht dann oftmals der Name des IM, ebenfalls in Maschinenschrift. Und selbst, wenn dieser Deckname handschriftlich überliefert wäre, könnte es sich um eine Fälschung handeln.

Pastior blieb ein Gefangener

Oskar Pastior, dem ich in Bukarest oft begegnet bin, als er beim Rumänischen Rundfunk arbeitete, ist zweifellos ein tragischer Fall. Aber trotz allem war und bleibt er auch weiterhin ein herausragender Dichter. Man darf hier nicht den Autor gegen sein Werk ausspielen; dieses Werk wird den Autor überleben. Und man sollte auch nicht vergessen, dass Pastior immer wieder vom Schicksal bestohlen wurde - um seine Jugendjahre, die er in einem sowjetischen Arbeitslager verbringen musste, um die Freiheit, danach selbst entscheiden zu dürfen über sein weiteres Leben. Denn auch nach seiner Rückkehr blieb er ein „Gefangener“, weil weiterhin die Angst da war - die Angst, jenes dunkle Tier, das immer noch in vielen von uns Ostmenschen wohnt.

Selbst Dieter Schlesak meint, nach seinen bösen, teils unbedachten Worten über Oskar Pastior in der F.A.Z. (siehe Pastiors Spitzelberichte: Die Schule der Schizophrenie): „Wichtig aber ist, dass wir diese ,Akten' niemals als ,Wahrheitsquelle' ansehen, dass wir Rückschlüsse daraus ziehen, als wären sie ,tatsachengerecht', denn es sind meist Produkte oder Teilprodukte des Führungsoffiziers.“

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