Alle drei Jahre kommt etwas Schwung in die Feminismus-Debatte, ein paar Talkshows bestücken dann ihre Sitzecken mit Expertinnen zum Thema, in den Feuilletons wird eine Diskussion simuliert. Zuletzt kamen 2008 etwa gleichzeitig mehrere Bücher jüngerer Frauen auf den Markt, die an einem Punkt in ihrer Biographie angekommen waren, an dem sie feststellen mussten, dass es mit der Gleichheit vielleicht doch noch nicht so weit her ist, wie sie bis dahin anzunehmen vorgezogen hatten. Danach war wieder Ruhe.
Eine seltsame, unbegründete, ein bisschen unheimliche Ruhe eigentlich, bedenkt man, was sich alles nicht getan hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten, was die Gleichstellung von Männern und Frauen im Berufsleben angeht. Dass deutsche Frauen fast ein Viertel weniger verdienen als Männer in denselben Jobs, kann nur als Sauerei bezeichnet werden; dass ernsthaft noch diskutiert werden muss über eine gesetzliche Quote, die niedliche 30 Prozent Frauen in Führungspositionen vorschreiben würde, als Trauerspiel. Aktuell sind in den 200 größten deutschen Unternehmen nur 3,2 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt. Rechnet irgendjemand außer Angela Merkel ernsthaft damit, dass sich daran ohne politischen Druck irgendetwas ändern wird? Bekannt ist auch, dass es bei weitem nicht genug Kinderbetreuungsplätze in diesem Land gibt, in dem es nun mal eine Realität ist, dass auch Frauen arbeiten. Ob sie nun müssen oder wollen oder beides.
Es ist also ein sehr guter Zeitpunkt, mal wieder über Gleichberechtigung nachzudenken. Eben erst brachte der „Spiegel“ eine aufregende Titelgeschichte, in der eine Quote auch im eigenen Haus gefordert wurde, was in der Männerdomäne Top-Journalismus einem mittelschweren Erdbeben gleichkommt – und, wie zu hören ist, möglicherweise sogar Konsequenzen nach sich ziehen soll: angeblich will die Chefredaktion ein Konzept zur Frauenförderung erarbeiten. Und nun erscheint ein Buch, das den so provokanten wie unter Marketingaspekten genialen Titel trägt „Die Feigheit der Frauen“, geschrieben von einer Frau, deren Karriere alles andere als gewöhnlich verlief: Bascha Mika, die einzige Chefredakteurin einer überregionalen Tageszeitung, die Deutschland je hatte, von 1999 bis 2009 leitete sie die „taz“.
Lustlos lüftet sie gläserne Decken, old-boys-networks und und und
Ihr Buch will sie als „Streitschrift“ verstanden wissen, wie der Untertitel verrät, genauer als „Streitschrift wider den Selbstbetrug“. Interessanterweise hatte der „Spiegel“ denselben Begriff für seinen Frauenquoten-Titel gewählt: „Warum Deutschland die Frauenquote braucht – eine Streitschrift“. Offenbar muss, wenn Frauen etwas Kontroverses in die Diskussion einbringen, immer beschwichtigend vorausgeschickt werden, dass nun ein Beitrag folgt, der von dem einen oder anderen als unbequem verstanden werden könnte. Es hat etwas von einer vorauseilenden Entschuldigung. Aber gut, Mikas Buch soll also eine Aufforderung zum Widerspruch sein, zu einem Streit gehört ja immer mindestens eine abweichende Zweitmeinung. Und interessant ist, mit wem Bascha Mika streiten will: Mit den Frauen. Und zwar mit all jenen, die es anders gemacht haben als sie selbst, die nicht Karriere gemacht haben, obwohl sie, so Mikas Behauptung, das ursprünglich einmal vorhatten.
Es ist ein sonderbar verstaubt wirkendes Buch, das den alten Grabenkampf zwischen Hausfrauen und Karrierefrauen wiederbelebt (Emanzen sagte man früher dazu), den man höchstens noch in der Rubrik „Was macht eigentlich?“ erwartet hätte. Auf der einen Seite steht da die Autorin, die erfolgreiche Karrierefrau, die – wie Frauen das übrigens sehr oft machen, Männer so gut wie nie – sogar ihre eigene Biographie auf den Spieltisch packt, ihre eigene Kinderlosigkeit erklärt, die frei gewählt und nie bereut worden sei, was auch immer das in dieser Streitschrift zu suchen hat. Auf der andere Seite sieht sie die Frauen, die nach einer guten Ausbildung dann hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben, die Bascha Mika offensichtlich in sie gesetzt hatte; die womöglich Kinder kriegen, anschließend nicht mehr Fuß fassen können im Beruf oder ähnliche Schlenker im Lebensweg zu verzeichnen haben, die sich die Autorin nur mit Dummheit erklären kann und denen sie in diesem Buch kühl entgegen schleudert: selber schuld! – Als wäre Leben etwas, das vollkommen planbar wäre, als wäre eine Biographie nur die Summe aus Entscheidungen.
Das ganze Buch kann auch als Verteidigungsschrift ihres, Bascha Mikas, eigenen Lebensentwurfs gelesen werden, wobei es sicher erkenntnisstiftender gewesen wäre, hätte sie diesen nicht ex negativo formuliert. Banalitäten wie Politik oder gesellschaftliche Strukturen interessieren sie auf ihrem Feldzug nicht. Seit vielen Jahren werde die Frage, „warum Frauen karrieremäßig kein Bein auf den Boden bekommen, öffentlich rauf und runter diskutiert“, schreibt sie auf Seite 193 lapidar, sie werde darauf deshalb nur sehr kurz eingehen. Es folgen einige wenige Sätze, in denen sie lustlos die „gläserne Decke“ erwähnt, „old-boy-networks“, „und und und“. Nein, Mikas Thema ist ein anderes und sie umkreist es geradezu obsessiv: das Privatleben der Frauen. Und zwar ab frühestem Kindheitsalter.
Ich gucke mir mein Leben an und glaube es nicht
So harsch hat wohl noch niemand je öffentlich Dreijährige kritisiert. Es hat schon etwas Komisches zu lesen, wie Mika sich über kleine Mädchen echauffiert, die die Farbe Rosa bevorzugen („die Pest in Pink“), lieber mit Puppen als mit Bauklötzen spielen, etwas später für unerreichbare Popstars schwärmen werden: den ganzen Mädchenkram hält sie für anerzogen und hinderlich. Nur ist das eben eine bislang ungeklärte Frage: Sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen anerzogen oder angeboren? Da bis heute weder das eine noch das andere zweifelsfrei bewiesen wurde, ist es also reine Glaubenssache. Und Bascha Mika hängt eben, (übrigens genau wie Alice Schwarzer, über die Mika einmal eine „kritische Biographie“ geschrieben hat, wie der Untertitel beschwichtigend vorausschickte) der schön klingenden These an, alle Unterschiede seien anerzogen, die mir immer vorkommt wie die Behauptung, mit der Einführung des Euros habe sich nichts verteuert: Ich gucke mir mein Leben an und glaube es nicht.
Waren wir in der Diskussion nicht schon längst einen Schritt weiter? Wurden nicht nach der Weltwirtschaftskrise auch ernst zu nehmende Stimmen laut, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch im Berufsleben nicht nur als gegeben voraussetzten, sondern eben gerade als gesellschaftlich große Chance? Lasen wir nicht von Unternehmen mit mehr weiblichem Führungspersonal, die weniger Verlust gemacht hätten als die mit mehr Männern? Machte da nicht der Witz die Runde, mit den Lehman Sisters wäre das alles nicht passiert? Bascha Mikas Buch liest sich, als hätte es diese Erkenntnisse nie gegeben. Schlimmer, es liest sich wie ein Potpourri der plattesten Frauenklischees, wie man sie etwa aus Büchern wie „Bridget Jones“ kennt.
Hormonverschwörung bis zur Vermausung
Denn ist Mikas Schattenbox-Gegnerin erstmal der fatalen Rosa-Phase entwachsen, macht sie einen Fehler nach dem anderen. Hängt ihr Lebensglück daran, ob sie einen Partner hat oder nicht. Verliebt sich immer in den falschen Mann. Der sie natürlich verlassen wird. Guckt Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“. Will lieber ratschen und sich die Nägel lackieren als arbeiten. Kriegt Kinder, um endlich keinen Berufsstress mehr zu haben. Lässt sich von ihren Hormonen narren, die ihr vorgaukelten, Mutter zu sein könne mehr sein, als nur eine lästige Karriereunterbrechung: „Und das alles nur, weil der Körper biochemische Botenstoffe produziert, die aus einer endokrinen Drüse in den Blutkreislauf gelangen, weil die weiblichen Geschlechtsorgane Theca- und Granulosa-Zellen besitzen, weil die von diesen Zellen produzierten Substanzen unsere Organe beeinflussen. Nur deshalb sollen diese Biester auch die Macht bekommen, unser Bewusstsein zu bestimmen und unsere Rolle als Frau?“ Ebenso gut könnte man fragen: Nur weil uns unser Körper Gefühle wie Hunger oder Durst signalisiert, müssen wir unbedingt essen oder trinken?
Ist gerade keine Untersuchung zur Hand, die ihre Thesen bestätigt, werden Fallbeispiele herangezogen, muss dann irgendeine Corinna, 38, herhalten, um etwas zu belegen, obwohl noch nicht einmal belegt worden ist, dass es diese Corinna, 38, wirklich gibt – oder ob ihr Fall irgendetwas auch über Conny, 36, sagt. Natürlich ist auch wieder von den kinderlosen Akademikerinnen die Rede, und natürlich auch hier wieder nicht von ihren also ebenso kinderlosen Partnern, wie Männer überhaupt ausgeklammert werden, als wären sie
reine Staffage. An keiner Stelle taucht der Gedanke auch nur am Horizont auf, es könne Menschen geben, die etwas anderes für erfüllend halten als Karriere. Das Filmpaar „Mr. & Mrs. Smith“, von Angelina Jolie und Brad Pitt gespielte, miteinander verheiratete Auftragskiller, wird als Beispiel für eine Partnerschaft auf Augenhöhe genannt. Um ihre Thesen poppiger zu gestalten, hat sie sich ressentimentgeladene Kampfausdrücke auf Moppel-Ich-Niveau ausgedacht: „Latte-Macchiato-Mütter“, „Modelzucht“, „Kümmersyndrom“, „Liebeslist“, „Vermausung“, „Hormonkomplott“.
Und darüber soll jetzt ernsthaft gestritten werden?
Kapitalismus, Kinder und Familie sind nicht kompatibel
Paul Rabe (heidelpaul)
- 08.02.2011, 11:26 Uhr
Danke Frau Adorján!
Markus Kleinert (mkl82)
- 08.02.2011, 11:42 Uhr
Die Debatte hat doch längst einen (rosafarbenen) Bart
Kai Schraube (schrauber)
- 08.02.2011, 11:45 Uhr
So nicht, Frau Adorjan
Thorsten Krings (thorstenkrings)
- 08.02.2011, 11:45 Uhr
Viele Zeilen für jemanden, der nicht streiten will
Volker Bitzer (Einszunull)
- 08.02.2011, 11:50 Uhr