Home
http://www.faz.net/-grb-12yt3
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bachmann-Preis Die Revanche für Córdoba

28.06.2009 ·  Allenfalls ein solides Bild gab die junge deutschsprachige Literatur beim Klagenfurter Wettlesen ab, ohne literarische Großkatastrophen, ohne gleißende Entdeckungen. Wenigstens gewinnt mit Jens Petersen der Richtige den Bachmann-Preis.

Von Sandra Kegel, Klagenfurt
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Am Neuen Platz in Klagenfurt thront ein Lindwurm, der einst Angst und Schrecken verbreitete, ehe eine Handvoll listige Ritter ihn erledigte. Doch weil die Menschen selbst das Standbild noch fürchteten, stellte man im siebzehnten Jahrhundert dem Biest einen Herkules mit Morgenstern gegenüber, der es bis heute bewacht. Manch einer der vierzehn Schriftsteller, die jetzt am Klagenfurter Wettbewerb der 33. Tage der deutschsprachigen Literatur teilnahmen, mag sich im Angesicht des siebenköpfigen Jury-Ungeheuers Herkules an die Seite gewünscht haben.

Die Klage über die schreckenverbreitende Klagenfurter Jury ist ja so alt wie der Wettbewerb selbst. Doch der öffentliche Disput macht den Reiz dieser ältesten Casting-Show des Fernsehens erst aus. Und die Juroren unter dem gewissenhaften Vorsitz von Burkhard Spinnen machten ihre Sache gut. Man wunderte sich über manche Sachfrage, deren Klärung in die Vorbereitung gehört, doch dann waren die dreißig Minuten, in denen ein Werk auf der Bühne des ORF-Theaters und vor vollbesetzten Zuschauerrängen diskutiert, gedeutet, gelobt, geliebt und manchmal eben zerpflückt wurde, oft spannender als die halbstündige Lesung zuvor. Das spricht für wie gegen die Jury, die mit Urteilskraft und Eloquenz zwar brillierte, damit allerdings manchem seichten Werk unangebrachte Tiefe verlieh.

Aller normativen Kraft des Medialen zum Trotz drehte sich am Ende alles um Literatur, ein kleines Stück Literatur nur, nicht länger als sechzehn Seiten, das im Glücksfall ganze Welten und Seelenlandschaften eröffnet. Umso bedauerlicher, wenn der eine, große Wurf ausbleibt. Man möge der Jury verzeihen, bat Spinnen zu Beginn vorauseilend, aber es komme der Quadratur eines Kreises gleich, heute einen Autor mit einem Meisterwerk aus dem Hut zu zaubern, den gestern noch kein Mensch kannte. Und doch, es hat solche Momente in Klagenfurt gegeben. Dieses Jahr nicht. Die junge deutschsprachige Literatur gab allenfalls ein solides Bild ab, ohne literarische Großkatastrophen, ohne gleißende Entdeckungen. Für Wirbel zu sorgen, blieb mit Josef Winkler der älteren Generation vorbehalten, der in seiner Eröffnungsrede die Missstände in seiner Heimat politisch-poetologisch geißelte, dass den Honoratioren ganz schwindelig wurde.

Von politischen Weltstürmen zerzauste Biographien

Von einigen Texten des Wettbewerbs wünscht man sich gleichwohl, dass sie irgendwann in langer Form vorliegen. Längst hat der Realismus die einst in Klagenfurt tonangebende Experimentalliteratur verdrängt. Präzise Beschreibungen verschiedener Gemütsverfassungen, in die das reale Leben den realen Menschen so katapultieren kann, standen im Zentrum. Zweimal drang im Mauerfall-Jubiläumsjahr deutsch-deutsche Vergangenheit nach Kärnten vor: Karsten Krampitz verdichtete den Feuertod eines ostdeutschen Pfarrers zur Novelle, ohne den Gattungsansprüchen gerecht zu werden. Den Zuschauern gefiel es dennoch, die den Autor mit dem Hypo-Group-Publikumspreis in Höhe von 7000 Euro bedachte. Überzeugender war „Winterfisch“ des Schweriners Gregor Sander, ein unaufgeregter Text über die Begegnung dreier Männer an der windigen Kieler Förde. In Reminiszenzen und Dialogen wird vom Verlorensein der Protagonisten erzählt, denen die politischen Weltstürme die Biographien ziemlich zerzaust haben - die Kurzgeschichte erhielt den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis.

Literarisch ungleich ambitionierter zeigte sich der Autor und Physiker Ralf Bönt, der, nicht unvermessen, ein Phonon erzählen lässt, ein Element aus der Teilchenphysik also, das frech von sich behauptet: „Ich bin die Erregung.“ Zwischen Hamburg und London hin- und herbrausend, beobachtet es das Wirken zweier Forscher, Michael Faraday und Heinrich Hertz, die einen faustischen Pakt eingingen, denn ihre Suche nach Wahrheit, die Experimente mit Quecksilber, bezahlten sie mit dem Leben. Während die Konstruktion in der Debatte auf geteiltes Echo stieß - Paul Jandl fühlte sich in einen „Drehschwindel“ versetzt, Spinnen witterte gar „Taschenspielertricks“ -, würdigte das Gremium den Auszug des bald erscheinenden Romans „Die Entdeckung des Lichts“ am Ende mit dem Kelag-Preis in Höhe von 10.000 Euro. Gegen das zweifellos reizvolle Stück Literatur spricht allenfalls, dass nach Daniel Kehlmann ein Doppelporträt zweier Forscher des neunzehnten Jahrhunderts einen leichten Nachgeschmack hat, auch wenn der Autor beteuert, lange vor der „Vermessung der Welt“ damit begonnen zu haben.

Literarische Furchtlosigkeit

Westdeutsche Zeitgeschichte spiegelt in der Familiengeschichte von Katharina Born, die bislang als Herausgeberin der Schriften ihres Vaters Nicolas Born hervortrat. In wenigen Worten versetzt „Fifty Fifty“ uns in die fieberhaften Achtundsechziger-Jahre. Anhand zweier Schriftstellerfreunde im Westerwald, die sich mehr noch Feinde sind, entlarvt Born, die hier Spannung vor allem durch Andeutung und Auslassung erzielt, die menschlichen Kollateralschäden politischer Selbstbehauptung. Die in Paris lebende Autorin, deren Debüt im nächsten Frühjahr erscheint, erhielt dafür den Ernst-Willner-Preis mit 7000 Euro.

Beklemmend nah kommt auch der diesjährige Bachmann-Preisträger Jens Petersen in „Bis dass der Tod“ seinem Personal. Der 1976 geborene Autor debütierte 2005 mit dem Roman „Die Haushälterin“ und bildet sich gerade in Zürich zum Neurologen aus. Den thematisch halsbrecherischen Spagat zwischen Euthanasie und Selbstmord zu wagen, zeugt auch von literarischer Furchtlosigkeit: Ein Mann, Alex, begleitet seine Freundin beim Sterben. Nana ist fast schon nicht mehr von dieser Welt. Sie kann nicht mehr sprechen, nur noch blinzeln. Doch siedelt der Arzt seine klaustrophobische, aufwühlende Geschichte nicht etwa im Krankenhaus an, sondern in einer diffusen, postapokalyptisch anmutenden Szenerie. Alex pflegt Nana und schweift dabei, inmitten einer bisweilen mit Todessymbolik überladenen Landschaft in Gedanken an glücklichere Tage zurück, während die Erzählung zugleich auf ihren Höhepunkt zusteuert, den geplanten Doppelselbstmord, der folgenschwer scheitert.

„Freispruch für Petersen!“

In Alex erkennt Burkhard Spinnen, der den Autor nach Klagenfurt eingeladen hatte, „eine Figur von ungeheurer zeitgenössischer Tragik“, während Meike Feßmann „kolportagehafte Züge“ und „ich kann es nicht anders formulieren: Prärie-Romantik“ rügte. Ein Lehrstück über das Nachhallen von Texten führte indes Paul Jandl vor, der Petersen zunächst unter Kitsch-Verdacht stellte und ihm Überwältigungspotential beschied, um tags drauf überraschend sein Urteil zu revidieren: „Freispruch für Petersen!“ Nicht nur die Reputation von Schriftstellern, auch die der Juroren steht in Klagenfurt auf dem Spiel. Dass die Jury Jens Petersen den Hauptpreis in Höhe von 25.000 Euro zuerkannte, war nach allen Lesungen die zwingende, richtige Entscheidung. Andreas Schäfer hatte mit seinem bemerkenswerten Text deshalb Pech, weil er thematisch zu nah am Siegerbeitrag lag, um ebenfalls bedacht zu werden.

Ästhetische Ideologiekämpfe werden nicht mehr ausgetragen, aber die literarischen Vorlieben der Juroren weichen zum Glück noch immer erheblich voneinander ab. In diesem Jahr tat sich in der Jury eine weitere, länderspezifische, nämlich deutsch-österreichische Front auf, dass schon das Wort von „Córdoba“ die Runde machte. Während die Österreicher bei der WM 1978 gegen die Deutschen gewannen, waren sie nun die Verlierer. Die Autoren der Wiener Juroren Karin Fleischanderl und Paul Jandl gingen durchweg leer aus.

Während Linda Stift einen missglückten Text vortrug, der aus einem unbestimmten kollektiven Wir-Blick die ausweglose Fahrt eines Flüchtlingskonvois beschreibt, brach die seit Beginn schwelende Realismus-Debatte dann über Andrea Winkler herein, die in einem überorchestrierten Textklotz ein skrupulöses Ich sprechen lässt, das es kaum wagt, den Fuß ins Gras zu setzen. Wohl weil der erratische Wortfluss - etwas für hartgesottene Poststrukturalisten, wie Ijoma Mangold seufzte - sich jeglicher Kritik entzog, schoss die Jury sich auf Formfragen ein. In ganz andere Richtung experimentierte Caterina Satanik, die eine unerhört harmlose Rollenprosa einer Frau vorlegte, die ihrem Liebsten samt Hund nachweint. Dass Publikum und Jury plötzlich seltene Eintracht demonstrierten, war so rätselhaft wie befremdlich. Der stürmische Applaus wurde von Einwürfen gutgelaunter Juroren gekrönt, die Vergleiche mit Else Lasker-Schüler nicht scheuten, die Leichtigkeit des Textes lobten und der Literatur die Lizenz fürs Umgangssprachliche erteilten. Vielleicht kam hinzu, dass die Religionspädagogin bis zu ihrer Lesung tatsächlich kein Mensch kannte. Es war zu befürchten, dass in Sataniks pomadige Prosa tatsächlich ein Preis hineingedeutelt würde. Doch dann hat auch hier eine Nacht Schlaf ihr Nötiges getan.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel