Home
http://www.faz.net/-grb-15l22
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung: Dichtergekritzel Wo die wilden Zeichen wohnen

24.02.2010 ·  Die kleine, überaus anregende Marbacher Ausstellung „Randzeichen“ zeigt am Beispiel des Manuskriptgekritzels berühmter Autoren, wovon Texte träumen, wenn ihr Schöpfer nicht weiterweiß. Schlecht nur für den Philologen, wenn der Dichter kein guter Zeichner ist.

Von Richard Kämmerlings
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Ist alles Werk, was dem Autor aus der Feder fließt? Während noch der Einkaufszettel von der Hand des Genies bewussten Intentionen folgt, liegt der Fall bei Zeichnungen am Rande von Manuskripten anders. Erholt sich in den Kringeln, den Krakeleien und dem Gekritzel neben dem Text der Geist von der Mühsal des Schöpfertums, ist die hingeworfene Fratze neben dem vollendeten Gedicht eine Fermate des Musenstroms? Oder entspringt das nur scheinbar zufällige Bild der gleichen, unablässig aktiven Ausdruckskraft, die keine Schreibpause ungenutzt lassen kann?

Die kleine, überaus anregende Marbacher Ausstellung „Randzeichen“ leistet mit bislang nie gezeigten Manuskripten Pionierarbeit auf diesem recht unbeackerten Feld. Wenn Paul Celan zu seinem Gedicht „Von Dunkel zu Dunkel“ Frauengesichter mit einer wie eine Prothese klaffenden Augenpartie skizziert oder Hermann Hesse zu seinem vitalistisch-präpotenten Versen „O wilde Nächte“ eine grinsende Fratze schneidet, hat dies eindeutig den Charakter von Hilfszeichnungen. Der Wechsel des Mediums dient zur Lösung eines Problems oder auch zur Selbstanfeuerung der Dichterglut. Doch schon bei Rilke bewegt sich der Deutungswille auf das rutschige Eis der Textoberfläche. Denn worauf bezieht sich das merkwürdige Flügelwesen, das er in einer Notiz zur achten „Duineser Elegie“ hingehaucht hat? Auf das „Glück der Mücke, die noch innen hüpft“, auf „die halbe Sicherheit des Vogels, der beinah beides weiß aus seinem Ursprung“ oder auf „die Spur der Fledermaus?“ Dumm für die Philologen, dass Rilke kein so guter Zeichner ist.

Eine wunderbar zarte Supernova

Die Interpretationskunst bewegt sich dabei selbst an den Rändern ihrer Kompetenz, was die Ausstellungsmacher auch in den essayistisch-tastenden Begleittexten und der ironischen Präsentation reflektieren: Im räumlichen Zentrum der dreiteiligen Schau steht das Album des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 bis 1862), ein seit den vierziger Jahren entstandenes Collagenwerk aus den berühmten „Klecksografien“ und Druckgrafik mehrerer Jahrhunderte, das als Welttheater und Bilderatlas im Sinne Aby Warburgs gedeutet wird. Da es sich dabei gerade nicht um Marginalien handelt, wird der Bezug zum Gesamtthema nur über einen diffusen Begriff vom „schöpferischen Prozess“ hergestellt, der hier ebenso wie in den Randzeichnungen seinen Niederschlag gefunden habe.

Die an die Seitenwände verbannte Nebensache zieht aber das Hauptaugenmerk auf sich - auch weil man hier fast mikroskopisch genau hinschauen muss. So hinterlässt das Heureka einer poetischen Erkenntnis bei Mörike eine wunderbar zarte Supernova neben der Aufzeichnung eines Ausspruchs seiner Tochter: „Erzähl mir e Geschichtle von einer braven Frau. Nein lieb(er) v.e. bösen!“ Kurt Pinthus versieht um 1920 seine Aphorismen zum Expressionismus mit einer marterpfahlähnlichen Kolumne von Zeichen und Vignetten, der gerade da, wo der Text mitten im Satz abbricht, kräftiger und intensiver wird: „Schickele, der immer von der Realität in die Stochastik abspringt, Expressions-“. Die Sprache an der Grenze der Ausdrucksmöglichkeiten flieht in den Urwald der Hieroglyphen und lässt die Bedeutung hinter den reinen Ausdruck zurücktreten.

Eines der schönsten Stücke ist Franz Baermann Steiners Gedichtmanuskript „Der dankbare Gärtner“. Eingelegt in Unterlagen über sein Oxforder Dissertationsthema „Sklaverei“ hat der jüdische Emigrant es mit der zarten Bleistiftzeichnung eines Labyrinths aus Gesichtern und organischen Formen versehen - eine phantastische Ornamentkunst, die im Bild jene Rehabilitierung des Primitiven spiegelt, die sein ethnographisches Werk unternimmt.

Der alchemistische Vorgang namens Dichten

Dieses Wuchernde, das dem Gegenstand eigen ist, affiziert fast unabwendbar auch seine Interpreten. Die ausgestellten Löschblätter, die im Falle etwa von Kurt Pinthus wie action painting im Miniaturformat aussehen, sollen als „Negative des Schreibens“ die Schrift „sichern“, ein winziges Dreieck auf einem Schulaufsatz Wilhelm Hertz' die Essenz von Schillers Werk symbolisieren. Dass jeder Rand auch einen Bezug zum Zentrum habe, ist das Axiom dieser Marginalienforschung, die sich rasch von der Wut des Verstehens mitreißen lassen kann. Ulrich Raulffs leichthändiges Vorwort zum Katalog lässt selbstironische Distanz zu dem Versuch erkennen, das Zerstreute Ordnungen der Vernunft zu unterwerfen. Im Gekritzel, an den Rändern, „wo die wilden Zeichen wohnen“, öffnet sich auch der Abgrund des Wahns - auch für den Betrachter, der überall Beziehungen erkennen will: Hic sunt leones.

Das Spektrum reicht von der Romanautorin Mechthilde Lichnowsky, die wie unter Zwang Illustratorin der eigenen Texte ist, bis zu Vorlesungsmitschriften des Studenten Friedrich Beißner, des späteren Hölderlin-Herausgebers, auf deren Rückseite sich allerlei Köpfe im Profil, Penta- und Hexagramme finden. Martin Mosebach, dessen kindlich-verspielter Illustrationskunst ein eigener Raum gewidmet ist, spricht von der „kränkelnden Bedrohung durch die Abstraktion“ beim Schreiben, der das Zeichnen als eine Art Abwehrzauber begegnet. Aus der quecksilbrigen, flüchtigen Qualität des Gegenstands folgt, dass nicht jedes Beispiel gleichermaßen zum mentalen Weiterkritzeln einlädt. In den besten Fällen aber glaubt man, einen momenthaften Einblick in diesen alchemistischen Vorgang namens Dichten zu tun - als hätte einst ein Gedankenblitz selbst das Papier versengt.

Randzeichnungen. Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Bis 18. April. Zu den drei Teilen der Schau ist jeweils ein Marbacher Magazin erschienen; zusammen kosten sie 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel