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Ausstellung 100 Jahre Gallimard Ein Vertriebssystem für den Geist

29.03.2011 ·  Der Verlag Gallimard, eine literarisch-intellektuelle Zentralinstanz Frankreichs, wird hundert Jahre alt. Eine vorzügliche Ausstellung in der Pariser Nationalbibliothek gibt Einblicke in seine überreiche Geschichte.

Von Helmut Mayer
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"Was halten Sie von meiner Idee einer Kooperative ohne Profitabsicht zur Veröffentlichung schöner Bücher, so nahe wie möglich an verbindlichen Erstausgaben und den Vorstellungen der Autoren, und ohne Stiche. Läge darin nicht wirklich eine hohe Form der Wohltätigkeit? Und vielleicht wäre es sogar ein gutes Geschäft!" So schrieb André Gide Anfang 1909 an Paul Claudel. Als Schriftsteller von Rang waren damals bereits beide bekannt, viel mehr allerdings verband den erzkatholischen Moralisten und den zumindest für damalige Verhältnisse das Libertine streifenden, bald auch bekennenden Homosexuellen Gide eigentlich nicht. Bis auf die Bücher eben und die Einschätzung des gegenwärtig erreichten Zustands des Verlagswesens, für den Claudel naturgemäß die voller tönenden Worte fand. "Barbarisch und unorganisch" sei er, aber es werde eben darauf ankommen, "ob ein kommerzielles Unternehmen davon leben könne, ausschließlich in Form wie Substanz exzellente Werke herauszubringen".

Erstaunlicherweise klappte es mit der Gründung eines kleinen Verlags 1911 dann wirklich. Wenn auch nicht ganz im Sinne Claudels, der sich später noch oft über die mit ihm publizierten Autoren entrüsten sollte. Und auch mit dem Geschäft, das Gide nicht ganz hatte ausschließen wollen, wurde es mehr als zehn Jahre lang vorerst nichts; es musste im Gegenteil von den Eigentümern zugeschossen werden, bei denen sich aber glücklicherweise Passion für die Literatur mit einem gediegenen bürgerlichen Hintergrund verband. Doch Mitte der zwanziger Jahre war schließlich sogar diese Hürde genommen, nachdem der inhaltliche Anspruch und die bis ins typographische Detail penible Gestaltung in den tonangebenden literarischen Zirkeln ohnehin gleich für Furore gesorgt hatten. Der Weg ging nun auch geschäftlich fast nur noch nach oben - und hundert Jahre nach der Gründung ist auf die Erfolgsgeschichte eines Verlags zurückzublicken, der sich über die Jahrzehnte hinweg auf verblüffende Weise als eine Zentralinstanz des französischen Geisteslebens behauptet hat. In einer Ausstellung der französischen Nationalbibliothek aus Anlass den Centenariums kann man sie in einem Parcours durch Briefe, Manuskripte, Bücher und Filmausschnitte Revue passieren lassen.

Der Geist der Nrf

Die Rede ist natürlich von den Éditions Gallimard. Selbst wenn Gide und sein Freundeskreis das Verlagsprojekt unter dem Zeichen der 1909 begonnenen Zeitschrift "Nouvelle Revue Française" (Nrf) auf den Weg gebracht hatten, das bis heute auf renommierten Reihen des Hauses zu finden ist. Die Nrf, selbst ein Durchbruch mit ihrem programmlosen Programm von Literatur jenseits aller moralischen und politischen Inanspruchnahmen, war der Ausgangspunkt und blieb bis zum Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Antriebsmoment, zuerst des von ihr getragenen "comptoir d'édition", dann des sich stetig vergrößernden Verlags.

Der entscheidende Anstoß für diese Vergrößerung und Professionalisierung aber war die Beiziehung des jungen Gaston Gallimard, Sohn eines betuchten Kunstsammlers, bibliophil und, wie sich schnell zeigen sollte, von sicherer Hand sowohl im Umgang mit Setzern und Buchhändlern wie mit Autoren. Drei Jahre später kam es zwar noch einmal zu Diskussionen, als Gide bemerkte, dass der junge Bohemien, dem man solches Standvermögen gar nicht zugetraut hatte, die Verlagsgeschäfte zielstrebig bei sich vereinte. Aber die Entscheidung fiel für Gaston Gallimard - und damit auch für die Eröffnung einer Familiengeschichte, die über drei Generationen bis zu Antoine Gallimard führt, der die Geschicke des Hauses seit den späten achtziger Jahren leitet.

Es ist der Geist der Nrf, der beim Ausbau des Verlags zum Tragen kommt. Nicht an Ideen, sondern an Autoren orientiert, über deren oft tiefgreifende Differenzen und Animositäten - ästhetischen wie politischen - hinwegsehend. Als Gide nach dem Ersten Weltkrieg ins Lagerdenken zurückzufallen drohte, war es Gaston, der dagegen den jungen und brillanten Jacques Rivière als Redakteur der Nrf durchsetzte - und mit ihm gemeinsam Proust in den Verlag zurückholte, nachdem man ihn zuerst zum Rivalen Grasset hatte ziehen lassen. Und so wie Jean Paulhan - ab Mitte der zwanziger Jahre nach dem frühen Tod von Rivière für die Nrf verantwortlich - auf eine fast spielerische Weise die Abmischung des eigentlich Unverträglichen übte, auch der Debütanten mit den alten Meistern, und die Zeitschrift damit in den politisch polarisierten dreißiger Jahren zum zentralen Ort literarischer und intellektueller Auseinandersetzungen machte: so steht auch im Verlag Claudel neben den Surrealisten, Saint John Perse neben Michaux oder Queneau, der kommunistischen Parolen nachhängende Aragon neben dem nüchternen Caillois oder Drieu la Rochelle auf seinem Weg nach rechts. Nein, nicht alles, was Rang und Namen und Zukunft hatte, wurde Schritt um Schritt versammelt - aber doch so unglaublich viel.

Neugier und Experimentierfreude

Eine rasche und sichere Erweiterung auf dem Gebiet der fremdsprachigen Literatur kam hinzu, samt Übernahme von Jacques Schiffrins "Bibliothèque de la Pléiade", und neue Reihen erschlossen Gebiete jenseits der Literatur. Je erfolgreicher man wurde, umso mehr hatten zwar populäre Titel für die notwendigen Umsätze zu sorgen, bis hin zu Zeitschriften wie "Detective", "Voilà" oder "Marianne". Aber man hat eigentlich nicht den Eindruck, dass der Verleger forciert Mischkalkulation durchsetzen musste, sondern sich auf die Experimentierfreude und Neugier seines Zirkels an prominenten Mitarbeitern und Beratern verlassen konnte, ob nun Paulhan, Queneau, Camus, Malraux, Groethuysen oder andere.

In den Kriegsjahren duckte Gaston Gallimard sich weg, beugte sich der von den deutschen Okkupanten auferlegten Entlassung jüdischer Mitarbeiter und der "Bereinigung" seiner Titelliste. Drieu la Rochelle übernahm auf Wunsch der Deutschen die Nrf, sollte auch die Editionspolitik bestimmen - was er definitiv nicht tat -, dafür blieb das Haus in Gastons Hand. Nach der Befreiung waren - von Paulhan über Aragon und Malraux bis Sartre - genügend politisch ausgewiesene Fürsprecher mobilisierbar, die Nrf wurde zwar als Kollaborationsorgan für einige Jahre aus dem Verkehr gezogen, aber der Verlagsumsatz hatte während der Kriegsjahre stark zugelegt.

Eine überreiche Geschichte

Sartres "Les Temps modernes", nur bis 1948 bei Gallimard, läutete zwei Nachkriegsjahrzehnte ein, in denen das Haus etwas von seiner intellektuellen Zentralposition verlor und in den späten sechziger Jahren, nunmehr unter Gastons Sohn Claude, doch wieder das Terrain zurückeroberte. Später gelang der riskante Befreiungsschlag eines eigenen Vertriebssystems und eigener Taschenbuchreihen, auch die Etablierung eines überaus erfolgreichen Kinderbuchprogramms (mit Harry Potter als Krönung): alles wichtige Schritte, um trotz einer zwischendurch wegen Familienzwistigkeiten notwendig gewordenen Hereinnahme von Fremdbeteiligungen und der allgemeinen Tendenz zur Konzernmassierung, der andere privat geführte Verlage zum Opfer fielen, zuletzt tatsächlich als Verlagsgruppe mit über tausend Mitarbeitern und gleichzeitig als vollständig eigenkapitalisiertes Familienunternehmen dazustehen.

Eine überreiche Geschichte natürlich, die die Pariser Ausstellung nur pointillistisch vor Augen führen kann. Die Kostproben aus den Briefwechseln, einige köstliche Einblicke in die Unterlagen des Comité de lecture, sie lohnen die Lektüre - im exzellenten Katalogbuch fällt sie noch etwas leichter -, und die reiche Auswahl von Filmausschnitten in Videoform ist erst recht ein Vergnügen. Man glaubt wieder einmal zu wissen, warum die Frankophilie - zumindest die literarische - einfach nicht falsch sein kann.

Die Ausstellung Gallimard 1911-2011. Un siècle d'édition ist in der Pariser Nationalbibliothek (site Francois Mitterrand) bis zum 3. Juli zu sehen. Das Katalogbuch kostet 49,- €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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