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Aus für den Ammann Verlag Eigensinnig bis zuletzt

11.08.2009 ·  Egon Ammanns Gespür für literarisches Talent und wichtige Bücher hat sein Haus zu einer der wichtigsten und renommiertesten literarischen Adressen gemacht. Die Nachricht, dass der Ammann Verlag aufgibt, ist ein Fanal für die ganze Branche.

Von Felicitas von Lovenberg
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„Zähl auf mich“: Der Titel des neuen Erzählungsbandes des Argentiniers Jorge Bucay prangt in roten Lettern auf der aktuellen Vorschau des Ammann Verlags. „Ein reicher Herbst! Sie können auf uns zählen, wir zählen auf Sie“, frohlockt darin ein „fröhlich“ grüßender Egon Ammann. Irgendwann aber scheint es mit dem Zählen und dem Verlass auf die richtige Menge Leser zur richtigen Zeit nicht mehr geklappt zu haben. Denn jetzt teilt Egon Ammann mit, dass sein Verlag zum 30. Juni 2010 die publizistische Arbeit beenden wird – ein Jahr vor dem dreißigsten Jubiläum des Hauses, für das Ammann seit langem weitreichende Programmpläne hegte, ein Jahr auch vor dem siebzigsten Geburtstag des Verlegers, dessen Gespür für literarisches Talent und wichtige Bücher sein Haus in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der wichtigsten und renommiertesten literarischen Adressen gemacht hat.

Nach neunundzwanzig Jahren, fast tausend Titeln und zahlreichen Erfolgsgeschichten von Autoren und Büchern gibt mit dem in Zürich beheimateten, aber stets in den ganzen deutschsprachigen Raum ausstrahlenden Haus der erste systemrelevante Verlag in der Krise auf. Obwohl die schlechte Nachricht selbst nicht völlig unerwartet kommt, so überrascht doch der Zeitpunkt: Schon lange sprach Egon Ammann vom Jahr 2011 als einem Wendepunkt, über den hinaus er noch keine Pläne gemacht habe.

Äußerst prekäre Existenz

Daran, dass sein Verlag noch vor diesem immer wieder beschworenen Jubiläum schließt, lässt sich ablesen, dass diese Entscheidung rascher getroffen werden musste als ursprünglich gedacht. Nicht erst, seitdem die Basler Edition Urs Engeler aufgeben musste und die Berliner kookbooks dringend nach Sponsoren suchen, zeigt sich die äußerst prekäre Existenz vieler Kleinverlage in einem Umfeld, wo von immer mehr Titeln immer weniger Exemplare verkauft und Gewinne nur noch mit wenigen Spitzentiteln erzielt werden. Ammann jedoch gehört zu jenen Häusern, die das literarische Leben schon so lange und so nachhaltig prägen, dass sie auch mit zwanzig Titeln im Jahr als feste Größe wahrgenommen werden.

Die Nachricht, dass Ammann aufgibt, ist deshalb ein Fanal für die ganze Branche. Denn auch, wenn Egon Ammann bereits seit vielen Jahren mehr arbeitet, als seiner Gesundheit guttut, und er und seine Frau, die Kunsthistorikerin Marie-Luise Flammersfeld, auf ihr „fortgeschrittenes Alter“ hinweisen und sich mit dem biblisch-philosophischen Titel „Alles hat seine Zeit“ von Ennio Flaiano verabschieden (den Manesse just in diesem Herbst neu herausbringt), so fällt jenseits aller persönlichen Erwägungen der andere Grund, den sie für ihren Entschluss nennen, noch schwerer ins Gewicht: die Marktsituation, die für anspruchsvolle Literatur immer schwieriger wird (Verleger Ammann im Gespräch: Ein großer Verlag ist am Ende).

Entdecker von Julia Franck

Dass es keineswegs unmöglich ist, mit großer Literatur Geld zu verdienen, hat Ammann selbst immer wieder bewiesen. Ohne seinen Einsatz wären Fernando Pessoa und Ossip Mandelstam noch immer ferne, unerschlossene Planeten. Dass Les Murrays nobelpreiswürdiges Epos „Fredy Neptune“ in der großartigen Übersetzung von Thomas Eichhorn vorliegt, ist ebenso sein Verdienst wie die würdige Ausgabe von Baltasar Graciáns monumentalem Inquisitionsroman „Das Kritikon“ oder Swetlana Geiers nicht genug zu rühmende Übersetzungen der großen Romane Dostojewskis. Egon Ammann entdeckte Julia Franck und Thorsten Becker, etablierte Schweizer Autoren wie Ruth Schweikert, Christina Viragh und Dieter Meier und machte Éric-Emmanuel Schmitt zum Bestseller-Autor. Gerade feiert der Verlag mit dem Erinnerungsbuch von Max Frischs Tochter Ursula Priess, „Sturz durch alle Spiegel“ (Das Krokodil und das Mädchen: Max Frischs Tochter erinnert sich), einen großen Erfolg bei Kritik und Publikum.

Die Entscheidung, den Verlag in der jetzigen Situation nicht zu verkaufen und ihn dann als Imprint von einem anderen Haus weitergeführt zu sehen, ist konsequent – auch wenn die Holtzbrinck-Erbin und S. Fischer-Verlegerin Monika Schoeller als stille Mehrheitsgesellschafterin privat seit Anfang der neunziger Jahre zur relativen ökonomischen Stabilität bei Ammann beigetragen haben dürfte.

Das Wissen, dass ein Verlag wie seiner eng an die Verantwortlichen gebunden ist und ohne sie sein Profil einbüßen würde, sowie die Befürchtung, dass der Verlag mit seinem Namen auf diese Weise irgendwann ein beliebiger geworden wäre, hat Egon Ammann vor dem Versuch einer Fortführung durch Andere bewahrt. Mit S. Fischer verbindet sein Haus seit einigen Jahren eine Vertriebskooperation, und dass dort, wo seine Werke seit langem im Taschenbuch erscheinen, allen voran Thomas Hürlimann eine halbneue verlegerische Heimat finden wird, ist so naheliegend wie einleuchtend. Bei S. Fischer wird 2011 voraussichtlich auch die Übersetzung des „Horcynus Orca“ von Stefano d’Arrigo erscheinen, seit vielen Jahren ein Herzensanliegen von Egon Ammann, dem Projekte, bei denen es nichts zu verdienen, aber viel zu gewinnen gab, stets die liebsten sind.

Thomas Hürlimann, mit dessen Prosadebüt „Die Tessinerin“ auch der Ammann Verlag 1981 debütierte, hat vor einigen Jahren einmal gesagt, Egon Ammann und seine Frau seien entschlossen gewesen, „aus ihrem Leben etwas Besonderes zu machen, mit letzter, oft bitterer Konsequenz“. Daran, dass diese Charakterisierung einmal ein solches Finale erzwingen würde, hat seinerzeit noch niemand gedacht.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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