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100 Jahre „Tod in Venedig“ : Pervers? Was für ein pfuscherisches Wort!

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ - und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

          Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler - das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          „Der Tod in Venedig“ erschien vor hundert Jahren, im Oktober/November-Heft der „Neuen Rundschau“. Er ist Thomas Manns bekannteste, meistgedeutete Erzählung, die wegen ihrer angestrengten Bildungshuberei und ihres gravitätischen Tons, von dem der Autor behauptete, er sei parodistisch gemeint, heute allerdings nicht mehr ohne weiteres lesbar ist. Es ist das einzige Werk Thomas Manns, in dem der Humor praktisch völlig fehlt, und nicht umsonst hielt dieser es für nötig, ihm ein „humoristisches Gegenstück“ folgen zu lassen, aus dem dann schließlich der „Zauberberg“ wurde.

          Als literarische Phantasie eine Ungeheuerlichkeit

          Werkgeschichtlich fällt die Novelle genau in die Mitte einer künstlerischen Krise, in die Thomas Mann nach den „Buddenbrooks“ fiel und die im Grunde erst mit der Veröffentlichung des „Zauberberg“ (1924) beendet war. Wenn man sie im Bewusstsein dieser Scharnierstelle liest, bekommt man ein Gefühl für das merkwürdig Forcierte, Gewollte dieses Textes. Und es spricht eher noch für als gegen seinen Charakter als Krisendokument, dass Thomas Mann an Gustav von Aschenbach literarische und essayistische Projekte abgetreten hat, mit denen er in der Wirklichkeit nie fertig wurde.

          Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

          Zusammenbestehen von Freisein und Gebundenheit

          Das bedeutet nicht, dass man Päderastie - so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen - damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. In diesem Fall ließe sich sagen, Thomas Mann habe es darauf angelegt, dass die Form den Stoff vertilge. Diese gleichsam Schillersche Ambition ist, nicht nur dank einer ausdrücklichen Erwähnung der Schillerschen Poetologie, mit Händen zu greifen.

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