20.12.2004 · Vor hundert Jahren erschien mit „Peter Pan“ eines der abgründigsten Kinderbücher überhaupt. Ein Gang durch Kensington Gardens auf der Suche nach dem ewigen Kind, dessen Erfinder ein zutiefst einsamer Mann war.
Von Tilman SpreckelsenIm Reich der Kindheit haben Erwachsene nichts verloren. Ein hoher Metallzaun sperrt sie aus, Videokameras überwachen den Eingang, und wer dennoch am Tor rüttelt, wird von einer Lautsprecherstimme darauf hingewiesen, daß man hier nur in Begleitung von Jüngeren hineinkommt.
Jenseits des Zauns aber läßt es sich herrlich spielen: Da ist ein Indianerlager mit Zelten und Marterpfählen, ein schöner Garten mit vielen Metallgeräten zum Krachmachen, da sind Rutschen und Schaukeln, und in der Mitte thront ein hölzernes Piratenschiff im Sandmeer. Unter den spielenden, rennenden, entdeckungslustigen Kindern haben besorgte Väter schlechte Karten: „Play nicely, Christopher, I'm watching you“, ruft der dünne Herr an Deck hilflos, während der Junge aus dem Laderaum an ihm vorbei in die Kapitänskoje hüpft. Und ihn so gar nicht beachtet.
Barries Welt
James Matthew Barrie hätte Christopher sicherlich noch angefeuert, und das nicht nur, weil in den Stücken und Romanen des schottischen Autors Väter nicht selten ziemlich schlecht wegkommen. Es ist Barries Welt, die hier gefeiert wird, die Schauplätze seines Theaterstücks „Peter Pan“, die diesem Spielplatz im Londoner Park Kensington Gardens sein Gesicht verleihen: Kapitän Hooks Piratenschiff, auf dem Peter Pans Widersacher das Traumreich „Neverland“ durchkreuzt, das Indianerlager, in dem die reizende Tigerlily lebt, schließlich die große Erdhöhle, in der Peter mit seinen kleinen Gefolgsleuten, den „Lost Boys“, wohnt - hier im Park ist das Gebäude allerdings der Verwaltung und den Toiletten vorbehalten.
Alleine lassen möchte man seine Kinder in Barries Welt trotzdem nicht. Denn „Peter Pan“ ist eines der abgründigsten Kinderbücher, die je geschrieben wurden, ein Werk, das unterschwellig auf jeder Seite davon spricht, wie Kinder von ihren Eltern mißachtet und verleugnet werden, wie - durchaus wohlhabende - Erwachsene vor der Schwangerschaft erst einmal nachrechnen, ob sie sich das Kind auch leisten können, oder wie Säuglinge auf den Parkwegen von Kensington Gardens aus dem Kinderwagen fallen und anschließend von niemandem vermißt werden. Sie bilden dann Peter Pans „Lost Boys“, die gar so wild und abenteuerfreudig tun und sich dabei doch immer nur nach Eltern sehnen, mögen die auch noch so langweilig sein.
Einsam in Neverland
„Alle Kinder, außer einem, werden erwachsen“, heißt der berühmte erste Satz der Romanfassung, die Barrie nach dem großen Erfolg seines vor knapp hundert Jahren, am 27. Dezember 1904, uraufgeführten Theaterstücks schrieb. Das ewige Kind Peter Pan jedenfalls, der Junge, der nachts ins Kinderzimmer der Familie Darling eindringt und Wendy, John und Michael dazu bringt, ihn nach Neverland zu begleiten, hat sich radikal aus der Zeit verabschiedet: Er wird nicht größer und nicht älter, vergißt alles und kennt keine Pläne, weil sein Geist weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft reicht.
Daß auch er eine Geschichte hat, eine zutiefst verstörende, zeigt eine Passage in Barries Roman „The Little White Bird“ aus dem Jahr 1902, in dem Peter Pan seinen ersten kurzen Auftritt hat: Erzählt wird dort, wie Peter dem Kinderzimmer entflieht, sich in Kensington Gardens herumtreibt und schließlich wieder zu seinen Eltern zurückkehren will - die aber haben jetzt einen anderen Säugling, und das Fenster zum Kinderzimmer ist fest verschlossen. In „Peter Pan“ muß dann Wendy ihren Beschützer nachts manchmal trösten, wenn der im Schlaf wieder so herzzerreißend geweint hat.
Tragik und Todessehnsucht
Es ist ein zutiefst einsames Kind, das dort im Abenteuerland mit Piraten kämpft und, wenn es wirklich eng wird, versonnen meint, der Tod sei sicherlich „ein schrecklich großes Abenteuer“. Natürlich ist es dann mit dem Sterben wieder nichts, aber jene Tragik und Todessehnsucht, wie sie all diese alterslosen Figuren vom Ewigen Juden bis zu Dorian Gray umweht, ist auch Peter Pan nicht fremd: das Verhängnis, das im eigenen Bleiben liegt, wenn alle um einen herum sich zum Gehen bereiten.
Seinem „Peter Pan“ gab der kinderlose Barrie, der bei 1 Meter 50 das Wachsen sein ließ, viel später eine Widmung an seine eigenen „Lost Boys“ mit: die Brüder Llewelyn Davies, die Barrie 1897 beim Spazierengehen in - wo sonst? - Kensington Gardens kennenlernte. Er freundete sich mit dem fünfjährigen George an, später auch mit dessen jüngeren Brüdern Peter, Michael und Nico - nur Jack, der Zweitälteste, hielt Distanz zu dem fast Vierzigjährigen, der nichts lieber tat, als mit den Kindern zu spielen, der Michael im Peter-Pan-Kostüm fotografierte (die Fotos wurden jetzt bei Sotheby's versteigert) und den Brüdern zeigte, wo in Kensington Gardens der Schlafplatz der Elfen ist, die Insel der ungeborenen Kinder oder der Platz, an dem Peter Pan einst landete (heute steht dort eine kitschige Statue des Jungen, die schon Barrie nicht mochte - ihr fehle, meinte er, das Teuflische, das Peter Pan eben auch besitze).
Am Schlafplatz der Elfen
Barries Widmung beschreibt denn auch, wie aus den gemeinsamen Spielen im Park die Figur Peter Pan entstanden sei, und beklagt gleichzeitig, daß die Knaben mittlerweile längst nicht mehr dafür zu begeistern seien - der Text atmet den Geist eines von den Spielkameraden verlassenen kleinen Jungen. Spätere Vermutungen, Barrie habe im Kontakt mit den fünf Jungen eine pädophile Neigung ausgelebt, wies Nico, der jüngste der Brüder, stets zurück: Barrie sei an Sexualität generell nicht interessiert gewesen. An den 1937 gestorbenen „Peter Pan“-Autor erinnere er sich nur als einen vollkommen unschuldigen Menschen. Die Freundschaft aber zwischen dem kindlichen Barrie und seinen Spielkameraden konnte in jedem Fall nur tragisch enden: Entweder, indem die Buben älter würden (und dem Spiel entwüchsen), oder aber mit ihrem Tod.
Der enge Kontakt zwischen Barrie und den Llewelyn Davies bestand jedenfalls immer noch, als die Knaben bereits erwachsen waren. Denn Barrie hatte die Vormundschaft für diese plötzlichen „Lost Boys“ übernommen, als deren Eltern im Abstand von nur drei Jahren an Krebs gestorben waren. Barrie mußte erleben, daß George im Ersten Weltkrieg fiel und Michael knapp einundzwanzigjährig ertrank, vielleicht zufällig, vielleicht in voller Absicht.
Völlige Verlassenheit
Seit Andrew Birkins großer Studie über „J. M. Barrie and the Lost Boys“, die eine Fülle von Material aus dem Familienarchiv der Llewelyn Davies ausgewertet hat, ist die Freundschaft zwischen dem Autor und den Brüdern in allen möglichen Verästelungen ausgeleuchtet worden. Aus dieser Studie schöpft auch der argentinische Autor Rodrigo Fresan, dessen fulminanter Roman „Kensington Gardens“ um Barrie und das Nachleben seines Werks in diesem Herbst auf deutsch erschienen ist - und Fresans Roman beschreibt eindringlich die völlige Verlassenheit, die Barrie fast zeitlebens empfunden haben mag.
Über dem Ordnen des Familienarchivs mit Tausenden von Briefen Barries ist Peter Llewelyn Davies, der drittälteste, trübsinnig geworden, vermutete später sein Bruder Nico. Peter, der zunehmend darunter litt, mit der Theaterfigur Peter Pan identifiziert zu werden (und das Stück nur „dieses schreckliche Meisterwerk“ nannte), warf sich 1960 in London vor eine U-Bahn, ein paar Tage vor der hundertsten Wiederkehr von Barries Geburtstag.
Am nächsten Tag las das englische Zeitungspublikum die Schlagzeile: „Peter Pan begeht Selbstmord“.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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