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Veröffentlicht: 28.06.2012, 16:26 Uhr

100 Jahre Biene Maja Auch eine deutsche Bildungsgeschichte

Der Kinderbuchklassiker von Waldemar Bonsels ist umstritten: schwarzer Humor oder angebräunte Ideologie? Die historisch-kritische Erforschung der Biene hat erst begonnen.

von Wolfgang Krischke
© dpa Feiert runden Geburtstag: Die Biene Maja.

Was das Schicksal trennt, soll man nicht wieder zusammenfügen, meint Kurt der Mistkäfer, nachdem er den Regenwurm in zwei Teile zerbissen hat. Und die Libelle findet, Hans Christoph sei wirklich ein „lieber kleiner Kerl“, bevor sie dem Brummer zärtlich den Kopf abbeißt. Die Biene Maja schließlich gerät mit Hannibal dem Weberknecht in einen grammatisch-zoologischen Disput über den Satz „Ein abbes Bein kann nicht krabbeln“. Solch ironisch-makabre Kleinodien, die vor dem Hintergrund idyllischer Naturschilderungen umso stärker funkeln, finden sich in Waldemar Bonsels’ Roman „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“, dessen erste Auflage vor hundert Jahren auf den Markt kam. Vor die geschliffen parlierenden Tiergestalten des Originals haben sich im allgemeinen Bewusstsein freilich längst die gefälligeren Trickfilm-Figuren geschoben, die 1976 zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerten und seitdem das kaum noch überschaubare Sortiment an Merchandising-Produkten prägen.

20259396 © Waldemar-Bonsels-Stiftung Vergrößern Waldemar Bonsels (21. Februar 1880 bis 31. Juli 1952)

Der hundertste Geburtstag der Biene, der mit dem sechzigsten Todestag ihres Schöpfers zusammenfällt, bietet den Anlass für Publikationen, Vorträge und Ausstellungen zu Bonsels und seinem Werk. Majas mediale Mutationen, die ihrer einzigartig erfolgreichen Vermarktung zugrunde liegen, hat der Tübinger Medienwissenschaftler Harald Weiß untersucht (“Der Flug der Biene Maja durch die Welt der Medien. Buch, Film, Hörspiel und Zeichentrickserie“, Wiesbaden 2012), der auch eine Vortragsreihe zum Thema an der Universität Tübingen organisiert hat. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte die „Biene Maja“ zusammen mit den „Buddenbrooks“ und Remarques „Im Westen nichts Neues“ zu den meistgelesenen Büchern in Deutschland, und sie machte ihren Schöpfer zum glänzend verdienenden Star-Autor.

Die Trickfilm-Maja bleibt ein statischer Charakter

Dabei verdankte das Buch seinen ersten großen Durchbruch weniger den Kindern als den Soldaten des Ersten Weltkriegs, die die Feldausgabe zu einer Lieblingslektüre machten. Da das Buch für Erwachsene mindestens ebenso viel, wenn auch anderes zu bieten hatte wie für junge Leser, verschwand der Untertitel „Ein Roman für Kinder“ bald von den Umschlägen. Schätzungsweise mehr als zwei Millionen deutschsprachige Ausgaben wurden bis heute verkauft, hinzu kommen Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Allerdings nahm die ganz große Beliebtheit seit den fünfziger Jahren allmählich ab, die Auflagenzahlen sanken.

Zu den medialen Metamorphosen des Stoffs, die Weiß nachzeichnet, gehört ein 1926 uraufgeführter Stummfilm mit echten Insekten, gedreht im Freiland sowie im Dachgarten eines mehrstöckigen Berliner Hauses.Trotz spektakulärer Tieraufnahmen ist der Film künstlerisch gescheitert: Die Bilder der realen Tiere vermögen nicht mit den Dialogen der Zwischentitel, an denen Bonsels mitwirkte, zur märchenhaften Maja-Welt zu verschmelzen. Anläufe zu einer Verfilmung gab es danach immer wieder, sie führten aber erst in den siebziger Jahren zum Erfolg, als ZDF und ORF den amerikanischen Disney-Zeichner Marty Murphy mit dem Entwurf der Handlung und der Figuren beauftragten. Gezeichnet wurden sie in japanischen Trickfilmstudios.

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