14.03.2005 · Der gewieft naiv inszenierte Bestseller: Mit ihrem Buch „Dschungelkind“ trommelt sich die Geschäftsführerin Sabine Kuegler in die Verkaufs-Charts. Und verschweigt die Hintergründe ihrer Kindheit in der Wildnis Westpapuas.
Von Eberhard RathgebSie - ja, Sie: "Sie suchen einen neuen, unverbrauchten und sympathischen wie authentischen Werbeträger? Buchen Sie das Dschungelkind Sabine Kuegler." Mensch, das ist aber zuvorkommend! Das Angebot steht wörtlich auf der Website von Sabine Kuegler. Liebe Dschungelkinder, sagen wir da nur, laßt euch nicht hängen, aus euch kann was werden.
Sabine Kuegler ist die blonde junge Frau, die als Kind für einige Jahre mit ihren Eltern und Geschwistern im Regenwald war. Kommt sie deswegen in der westlichen Zivilisation nicht mehr vom Fleck? Sabine Kuegler ist Geschäftsführerin der Film- und Verlagsgesellschaft "Earth of Dreams". Ihr Buch "Dschungelkind" steht auf Platz eins der Bestsellerliste. Was hat sie zu erzählen? Das Leben unter den Bäumen war grün, und aus den Ureinwohnern ist mit Papa Kueglers Hilfe noch etwas geworden - ihr Papa war ein Held. Auch aus Sabine Kuegler ist noch etwas geworden. Was der Vater dort wirklich wollte, erfahren wir in dem Buch nicht.
Eine Menge Kohle aus dünnem Holz
Sabine Kuegler wurde 1972 in Nepal geboren, wo die Eltern die Sprache eines Volkes lernten, das Danuwar Rai genannt wurde. Warum die Eltern das machten, erfahren wir aus dem Buch nicht. Als Sabine drei Jahre alt war, gingen die Eltern wieder nach Deutschland zurück. Wir erfahren nicht, warum. Dort blieb die Familie bis zum 23. April 1978. Wir wissen nicht, wo.
Sabine Kuegler lebt heute in Buxtehude, das liegt in Schleswig-Holstein. Sie fuhr 1979 mit ihren Eltern nach Westpapua. Mit siebzehn Jahren, also im Jahr 1989, ging sie endgültig wieder nach Deutschland zurück. Sie besuchte ein Internat in der Schweiz, studierte offensichtlich Wirtschaftswissenschaften und arbeitete darauf im Hotelfach und in der Marktforschung, was auch immer man sich darunter vorstellen mag. Sie hat dazugelernt, und irgendwann wird sie sich gedacht haben, daß sich doch auch aus dem dünnen Holz ihrer frühen Dschungeljahre eine Menge Kohle machen lassen muß.
Der Traum von der schönen Steinzeit
Vor einem Jahr gründete sie die Film- und Verlagsgesellschaft "Earth of Dreams". Sabine Kuegler bietet dort an, persönliche Lebensgeschichten vollständig zu vermarkten. Das geschieht unter dem Motto: "Emotionale Erlebnisunterhaltung". Die erste Lebensgeschichte, die Sabine Kuegler vollständig vermarktet, ist ihre eigene. Jetzt träumen die Deutschen mit dem gewieften Dschungelkind von der schönen Steinzeit: eine kleine Hütte für ein Huhn und ein Ei und rundum Nachbarn, die man nur zu nehmen wissen muß. Einer träumt nicht mit: Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Er sieht die Verlierer der ganzen Geschichte - die Ureinwohner Westpapuas. Im Mai dieses Jahres möchte Sabine Kuegler ihre Geschichte vom deutschen Kind im Urland verfilmen.
Was aber wollte Vater Kuegler in Westpapua? Siebzig Jahre bevor Familie Kuegler aus Deutschland in Westpapua auftauchte, packte der Amerikaner William Cameron Townsend, geboren 1896 in Kalifornien, seine Koffer und fuhr nach Guatemala. Auch Townsend hatte einen Traum. In Guatemala angekommen, mußte er feststellen, daß es den Indianern dort unten sehr schwer fiel, die Bibel in Spanisch zu lesen. Townsend überlegte - und lernte die Sprache der Cakchiquel-Indianer.
Darauf machte er sich daran, das Neue Testament in diese Indianersprache zu übersetzen. Er ging in die Vereinigten Staaten zurück und gründete im Jahr 1934 einen Ausbildungskurs für Missionare, wo er seine Erfahrungen beim Lernen der Indianersprache weitergab. Zwei Jahre darauf wurde die Organisation "Summer Institute of Linguistics" (SIL) in die Welt des umtriebigen Gottes von Amerika gerufen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der damals aufblühenden Strukturellen Linguistik wurden vom SIL mit klopfendem Herzen aufgenommen.
Erstmal die Bibel übersetzen
Sechs Jahre später, das heißt also im Jahr 1942, gründete William Cameron Townsend die Gesellschaft der "Wycliff Bible Translators". Die Gesellschaft besteht heute noch und rumort gegenwärtig in rund siebzig Staaten. Die Aufgabe der Gesellschaft liegt darin, die Übersetzung der Bibel in alle Sprachen der Welt zu fördern. Das Problem: In 2700 Sprachen wurde die Bibel noch nicht übersetzt. Das Ziel: Bis zum Jahr 2025, das sind nur noch zwanzig Jahre, soll mit der Übersetzung der Bibel in all diese 2700 Sprachen begonnen worden sein. Das heißt: Viel Glück und viel Segen können sich die Mitglieder der Organisation da nur wünschen.
Schließlich taten sich Wycliff und SIL zusammen. Ihr Hauptsitz liegt heute in Texas. Bei Wycliff weltweit arbeiten rund fünftausend Mitglieder für ihren Traum, aus Wycliff Deutschland stehen allein 140 Mitglieder bereit. Sie sind in aller Welt im Einsatz. Der Name der Organisation stammt von John Wycliff, der im vierzehnten Jahrhundert die Bibel zum ersten Mal ins Englische übersetzte. Das Ziel von "Wycliff" besteht darin, allen Völkern der Erde die Bibel in ihrer Sprache zugänglich zu machen, damit die vielen Völker endlich zum christlichen Gott finden.
Eine Urform der „emotionalen Erlebnisunterhaltung“
Die Wycliff-Gesellschaft arbeitete bis in die Mitte der siebziger Jahre gerne und vor allem in Südamerika. Das lag ja auch nahe. Als die Gesellschaft damals immer stärker in die Kritik geriet - ihr wurde vorgeworfen, die Ausbeutung der Länder durch ihre missionarische Tätigkeit vorzubereiten -, da wandte sie sich dem asiatischen Raum zu und schickte ihre Mitarbeiter unter anderem nach Westpapua. Das war die Stunde von Klaus-Peter Kuegler.
Sabine Kuegler erzählt in ihrem Buch, daß die Ureinwohner Westpapuas sich gerne gegenseitig die Köpfe einschlugen, weil sie nur den bösen Geist und nicht den guten Geist kannten. Das wurde im Falle jenes Stammes, bei dem Familie Kuegler für einige Jahre wohnte, erst anders, als Sabines Vater ihnen tätige Nächstenliebe vorlebte. Ein Beispiel: Ihr Vater sprang einmal mitten zwischen zwei sich bekriegende Stämme auf den Platz und zerschnitt mit einem Buschmesser - zack hier, zack dort - die Bogensehnen, bis die verdutzten Krieger ein Einsehen hatten und mit dem blutigen Streiten aufhörten.
Solche Vorkommnisse müssen für die kleine Sabine eine Urform der "emotionalen Erlebnisunterhaltung" gewesen sein. Dem grünen Gott von Westpapua wird das Eingreifen des weißen Mannes gefallen haben. Denn wenigstens gehe es nun, schreibt Sabine Kuegler, einem Teil der Ureinwohnern viel besser, nachdem Vater Kuebler dort gewesen ist, um die Sprache zu erforschen - zu welchem Zweck, das wir erfahren wir nicht.
Auch in Buxtehude steht noch ein Bogen in der Ecke
Im Jahr 1963 gaben die Niederländer Westpapua auf, und Westpapua kam unter die Kontrolle Indonesiens - mit der Auflage, daß in Westpapua nach sechs Jahren über den Status des Landes abgestimmt werden sollte. Die Abstimmung war in den Augen vieler Kritiker Indonesiens ein großer Witz: 1969 wurden 1025 Papuas nach ihrer Meinung befragt, wie es nun mit Westpapua weitergehen sollte. Sie stimmten nach langer Vorbereitung dafür, daß Westpapua weiterhin zu Indonesien gehören sollte. Über den Wert dieses "Act of Free Choice" gehen die Ansichten in Indonesien und Westpapua selbstredend stark auseinander. Die Indonesier waren mit dem Ergebnis, wie man sich vorstellen kann, sehr zufrieden. Doch die Befreiungsbewegung OPM (Organisasi Papua Merdeka), die sich Mitte der sechziger Jahre gegründet hatte, hielt die Abstimmung für eine Farce.
Die OPM kämpft seitdem für eine freies selbstbestimmtes Westpapua. Das indonesische Militär kämpft seitdem gegen die OPM für ein indonesisches Westpapua. Massaker und Mißhandlungen durch das Militär kennzeichnen den ungleichen Kampf, in dem eine gutausgerüstete indonesische Armee den Ureinwohnern gegenübersteht, die vor allem mit Pfeil und Bogen angetreten sind. Sabine Kuegler erzählt, daß sie als Regenwaldmädchen lernte, mit Pfeil und Bogen zu schießen und daß sie daheim in Buxtehude einen Bogen und Pfeile in der Ecke stehen hat. Kein Wort aber fällt bei ihr über indonesische Soldaten. Auch der Name der Wycliff Organisation taucht in ihrem Buch nicht auf.
Stärkerer Kahlschlag als am Amazonas
Die indonesische Regierung siedelte in Westpapua Indonesier an. Im Jahr 1980, als die Familie Kuegler sich entschloß, mehr ins Innere des Landes zu ziehen, das die Tochter fünfzehn Jahre später in regenwaldgrünes Papier einwickelte und an die Deutschen verkaufen würde, wurden zahlreiche Ureinwohner von der indonesischen Armee getötet.
Westpapua ist ein riesiges Land, es ist so groß wie ganz Westeuropa, und in diesem Land wächst ein gigantischer Regenwald und liegen enorme Bodenschätze herum und warten darauf, daß einer kommt, sie zu heben. Kein Mensch, der das liebe Geld liebt, kann soviel unberührte Natur einfach unberührt vegetieren lassen. Die indonesische Regierung ist nicht untätig und läßt den Regenwald abholzen, und zwar läßt sie ihn so effektiv abholzen, daß schon heute ohne Zweifel gesagt werden kann, daß in Westpapua mehr Regenwald als im Amazonasgebiet kahlgeschlagen wird. Die Wycliff-Missionare bauten damals in Westpapua ein kleines Verkehrsnetz für ihre eigenwilligen Zwecke auf.
Noch fehlte die einfachste Infrastruktur
In Westpapua leben sehr viele Völker, und hier werden sehr viele Sprachen gesprochen: Es ist ein wahres Arbeitsparadies für die Linguisten im Namen Gottes. Im Süden Westpapuas redet die amerikanische Firma Freeport nur noch in der Sprache des Geldes. Sie hat eine riesige Kupfermine unter ihren Fittichen.
Als Bacharuddin Jussuf Habibie, der heute in einem Dorf bei Stade wohnt, 1978 in Indonesien zum Staatsminister für Forschung und Technologie ernannt worden war, hatte die Regierung die Ausbeutung Westpapuas schon auf die Wege gebracht, aber richtig befriedigend konnte für einen, der nicht untätig herumsitzen mochte, nicht sein, was in Westpapua geschah. Noch fehlte ja die einfachste Infrastruktur für eine solche Industrie. Während Habibie in Indonesien den Rüstungskomplex aufbaute, dachte er über Westpapua mach. Habibie hatte in den fünfziger Jahren Luft- und Raumfahrt in Aachen studiert und als Ingenieur beim Luft- und Raumfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm gearbeitet.
Die Vision: ein gewaltiger Industriekomplex
Mamberamo heißt ein großer Fluß, der durch Westpapua fließt. Davon kann man sich auch auf einer Karte in Sabine Kueglers Buch überzeugen. Der Fluß fließt im weiten Umfeld des Gebietes der Fayu. Die Fayu sind der Stamm, bei dem die Kueglers ihr Lager aufschlugen und der Vater seine Sprachforschungen in Angriff nahm.
Schon in den achtziger Jahren, die Kueglers waren also seit zwei, drei Jahren im Land, plante die indonesische Staatliche Gesellschaft für Elektrizität, ein paar Staudämme und Wasserkraftwerke an diesem Fluß zu bauen. Habibie ließ in den neunziger Jahren seiner Phantasie völlig freien Lauf und konstruierte in Gedanken einen gewaltigen Industriekomplex, in dem Nickel, Kobalt, Chrom, Kupfer, Gold, Silber, Eisen, Aluminium, Holz, Papier sowie die Verarbeitung von Wasserstoff und Sauerstoff eine Rolle spielten. Es heißt, daß Deutschland einen Gesamtplan für dieses Mammutprojekt erstellen sollte. Die Deutschen aber hielten sich bedeckt. Dann wurde offensichtlich das Geld knapp, und so verschwand der Plan erst einmal in der Schublade.
Ob sie nun wollten oder nicht
Die Kueglers waren fünf: Mama, Papa, Judith, Sabines ältere Schwester, Sabine und Christian, der kleine Bruder. Heute lebt Klaus-Peter Kuegler das halbe Jahr in Deutschland und in den Vereinigten Staaten, die andere Hälfte des Jahres lebt er in Westpapua. Das berichtet Ulrich Delius. Vater Kuegler hat den Kontakt zu "Wycliff" nach einer Weile abgebrochen. Sabine Kuegler schreibt, daß er und ihre Mutter, nach einigen Jahren in Westpapua, für eine neue indonesische Vereinigung zu arbeiten anfingen. In Deutschland und in den Vereinigten Staaten sammelt Herr Kuegler heute Geld für eine Stiftung, die er gegründet hat und die den Namen Stiftung Marembrano trägt und eine Schule und ein Kinderheim umfaßt.
Ulrich Delius schickte sofort nach Erscheinen des Buches von Sabine Kuegler eine Presseerklärung in die Welt hinaus, in der sich die Gesellschaft für bedrohte Völker gegen die Kueglersche "romantische Verklärung" der Ureinwohner Westpapuas wandte, durch die auf fatale Weise verdrängt werde, wie es in Westpapua unter indonesischer Kontrolle aussehe. Ulrich Delius ist auch der Hinweis auf die Wycliff-Gesellschaft zu verdanken, in deren Auftrag Vater Kuegler zusammen mit anderen Missionaren in den Urwald marschierte, um den Menschen dort das Wort Gottes zu bringen - ob diese nun wollten oder nicht.
Frau Kuegler, Sie haben es geschafft!
Auch am 21. Februar in der Sendung von Reinhold Beckmann erzählte Sabine Kuegler wieder ihre Geschichte und erklärte, wie schwierig es für sie gewesen sei, von einer intakten ruhigen Steinzeitkultur in die hektische westliche Zivilisation hineinzufinden.
Frau Kuegler, rufen wir, Sie haben es als großes Dschungelkind geschafft. Der lustige Gott Deutschlands freut sich. Die Deutschen sitzen auf ihren Erlebniskoffern und wackeln mit den Ohren. In Westpapua soll es eine unberührte Natur und von Steuererklärungen und nicht zurückgezahlten Krediten unberührte Menschen geben. Über die zusammengekniffen Lippen der Deutschen huscht das Lächeln der Aufsteiger. "Wir bringen Sie groß raus", ruft Sabine Kuegler in die Runde. Da lachen die Deutschen. Die Ureinwohner verstehen Spaß.
Eberhard Rathgeb Jahrgang 1959, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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