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Buchzensur : Verleger unter Aufsicht

Dieser Kuss der Amazone für Tarzan ging den um die Jugend besorgten französischen Zensoren zu weit. Allerdings war das im Jahr 1939. Bild: BPI / Centre Pompidou (Coll. particulière)

Eine Pariser Ausstellung widmet sich Büchern als Gerichtssache in Frankreich nach 1945. Besuchen kann man sie auch im Netz.

          Das Buch mit dem Titel „Die Geschichte der O.“ erschien im Sommer 1954 in Paris. Der Autorname auf dem Umschlag war offensichtlich ein Pseudonym. Pauline Réage kannte niemand. Ganz im Gegensatz zu Jean Paulhan, der ein Vorwort beigesteuert hatte zu dieser Geschichte einer Frau, die Erfüllung in absoluter sexueller Unterwerfung findet: „Vom Glück in der Sklaverei“. Weshalb es nicht verwunderlich war, dass viele Paulhan für den Autor hielten, zumal man der Eminenz in den Kulissen der literarischen Bühne ohnehin Extravaganzen aller Art zutraute.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Richtig war daran allerdings nur, dass Paulhan tatsächlich auf intime Weise mit der Entstehung dieses Buches zu tun gehabt hatte, das schnell zu einem Klassiker der erotischen und – mit einem kaum zu vermeidenden Missverständnis – der pornographischen Literatur wurde. Doch geschrieben hatte er es nicht. Andere Kandidaten wurden ins Spiel gebracht, aber zu einer Auflösung des Pseudonyms in der Öffentlichkeit kam es nicht. Selbst in den inneren Zirkeln rätselte man weiter. Albert Camus stellte immerhin fest, dass ein solches Buch unmöglich von einer Frau verfasst sein könne.

          „Die Geschichte der O.“ von Pauline Réage alias Dominique Aury, deren bürgerlicher Name eigentlich Anne Desclos war.

          Ganz offiziell wurde er erst vier Jahrzehnte später korrigiert, als Dominique Aury, damals schon eine Dame von siebenundachtzig Jahren, sich in einem Interview für den „New Yorker“ zu ihrem Buch bekannte. Etwas später erzählte sie von dessen Geschichte. Zu den hübschesten Details zählt wohl, wie das drohende gerichtliche Vorgehen gegen das Buch abgewendet wurde. Die Ärztin Dominique Aurys war mit dem damaligen Justizminister liiert und arrangierte eine Einladung zum Abendessen im kleinen Kreis. Kein Wort wurde dort über das Buch gewechselt, aber der Herr Minister begleitete beim Abschied seinen Gast nach draußen, verabschiedete sich mit einem „Es war mir ein großes Vergnügen, Sie kennenzulernen“ – und von einer gerichtlichen Verfolgung war nie mehr die Rede.

          So viel Glück hatte Jean-Jacques Pauvert, der Verleger des Buches, allerdings nicht immer. Genau deshalb begegnet man ihm in einer exzellenten Pariser Ausstellung, die sich der Zensur und dem Verbot von Büchern in Frankreich von 1945 bis heute widmet. Pauvert findet man dort neben anderen Verlegern, die sich auf dem Gebiet von Literatur bewegten, bei der man schnell mit einem Verfahren wegen Verstoßes gegen die guten Sitten, der „Outrage aux bons moeurs par voie de livre“ bedroht sein konnte: Maurice Girodias, der noch in den Kriegsjahren mit der Édition du Chêne begann und 1953 die Olympia Press gründete, in der die erste englische Ausgabe von Nabokovs „Lolita“ – noch so ein Missverständnis – erschien; Régine Desforges, die 1968 „L’Or du temps“ ins Leben rief und deren „Bibliothèque privée contemporaine“ eine Reihe von Urteilen auf sich zog; Eric Losfeld, der mit der Justiz noch häufiger zu tun bekam, zumal er mit Titeln wie „Emanuelle“ und „L’anti-vierge“ von Emanuelle Arsan auch große kommerzielle Erfolge einfuhr; Claude Tchou schließlich, der von den sechziger Jahren an das Modell der Buchclubs entwickelte und in seinem „Cercle du livre précieux“ auch manches Buch herausbrachte, das zwar nicht bei den Clubmitgliedern, wohl aber bei staatlichen Stellen Anstoß erregte.

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