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Buchseite 99 : Die Qualität des Ganzen

Auch auf der Buchmesse war die Seite 99 vor allem unter professionellen Lesern in aller Munde. Bild: Picture-Alliance

Aus dem riesigen Werk von Ford Madox Ford fischten Blogger eine ganz besondere Aussage heraus. Darin empfiehlt der Autor, ein Buch auf Seite 99 zu öffnen, um seine Qualität feststellen zu können.

          Wer kennt hierzulande noch Ford Madox Ford? Zu Lebzeiten kannte er alle, und alle kannten ihn: Mit Hemingway gab er die „Transatlantic Review“ heraus, er war befreundet mit Joseph Conrad, ein Förderer Ezra Pounds, außerdem Autor zahlloser Biographien, Gedichtbände, Reiseerzählungen und von drei Dutzend Romanen, von denen die wenigsten ihre Zeit überdauert haben. Ein Satz aber ist geblieben, der erste des Romans „The Good Soldier“ von 1915: „Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.“ Was für ein Auftakt: Wer würde nicht darauf brennen, diese traurigste aller Geschichten zu erfahren?

          Nicht dieser Satz aber, sondern ein anderer hat zu einer ungeahnten Renaissance von Ford Madox Ford im Internet geführt. Aus seinem riesigen Werk fischten Blogger ausgerechnet eine Aussage heraus, die Fords Zeitgenossen völlig kalt ließ: „Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ Ford beim Wort genommen, entwickelten Amerikaner den sogenannten Pageninetynine-Test, der inzwischen auch bei uns Nachahmer findet, unter „Seite.99.de“ oder im Internetmagazin „tell“. Über einen Satz auf Seite 99 des neuen Romans von Christian Kracht kann man dort von tell-Gründerin Sieglinde Geisel dann erfahren, er komme „gedrechselt und geschniegelt daher, und doch stimmt daran nichts“. Nach observierten „Redundanzen“, falschen „Wendungen“ und anderen „Schönheitsfehlern“ bilanziert sie, der ganze Satz sei „stilistisch verlogen“, ja ein „Machwerk“, ein Wort, dass sie dann doch lieber zurückzieht, dies erläutert, es aber durchgestrichen stehenlässt, weshalb es nun da steht und auch nicht.

          Währung: Reichweite

          Mit Literatur zu spielen, mit Worten zu jonglieren, Abschnitte unter die Glasplatte zu legen, wer wollte dagegen etwas sagen? Der Anspruch, der hier manifest wird, aber ist gar nicht so verspielt. Wenn Mosebach-Sätze mit den Randbemerkungen „Klischee“, „redundant“, „angenehm grusliger Schreckmoment“ versehen werden, ist das zwar einerseits selbst schon wieder redundant. Und erinnert fatal an Inge Lohmark, jene völlig humorfreie Biologielehrerin in Judith Schalanskys grandioser Schulstudie „Der Hals der Giraffe“. Wie bei der Lohmark wird auch hier, um noch einmal Ford zu zitieren, auf „die Qualität des Ganzen“ gezielt. Das „Fazit“ über den Schüler M? „Ein Autor, der es seinen Lesern schwer macht.“ Auf der Buchmesse war die Seite 99 vor allem unter professionellen Lesern in aller Munde. War dies womöglich der geheime Schlüssel, endlich ein Weg, Werke ohne großen Aufwand begutachten zu können?

          Schließlich hatte Tim Parks erst jüngst empfohlen, auch gute Bücher nicht mehr zu Ende zu lesen. Dem Autor und Übersetzer Frank Heibert wurde in einem Streitgespräch über Page 99 angesichts der schlichten und oftmals moralischen Bewertungskriterien ganz blümerant. Es scheint jedenfalls symptomatisch, dass der SMS-Stil in einem Betrieb Konjunktur hat, der so sehr unter Druck steht wie die Literatur. Schlagworte wie „Fake“ oder „Banause“ erzielen Reichweite, noch immer die wichtigste Währung im Internet, auch für ein sich hochtrabend nennendes „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“ wie „tell“. Was es mit Fords trauriger Geschichte auf sich hat, steht nicht auf Seite 99.

          Quelle: F.A.Z.

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