15.05.2007 · Seit in der Schweiz die Buchpreisbindung gefallen ist, ist ein Preiskrieg zwischen den Sortimentern ausgebrochen. Die großen Händler setzen die Preise herunter, die kleinen ziehen notgedrungen nach. Reicht ihnen ein besseres Marketing, um den Kampf zu überstehen?
Von Jürg AltweggFrüher habe ich Früchte und Gemüse verkauft, heute sind es Bücher“, bekennt Philip Karger. Auf der Buchmesse Basel hatte er ein Heimspiel. Doch auf die Kollegen wirkt der bunte Hund der Branche wie ein rotes Tuch. Denn der Enkel eines Berliner Verlegers, der vor den Nazis an den Rhein geflüchtet war, hat sich gegen die Preisbindung stark gemacht. „Ich bin primär Unternehmer und nicht Buchhändler“, erklärt der Leiter einer sehr gediegenen und sehr akademischen Buchhandlung.
Ursprünglich hatte er den Beruf des Landwirts erlernt. Aus gesundheitlichen Gründen musste er auf seine Ausübung verzichten. Karger verkaufte Sträucher und arbeitete im Winter als Skitechniker. Verderbliches Gemüse und frische Früchte brachte er im Supermarkt so gut an den Mann, dass er bis zum Verkaufsleiter aufstieg. Dann trat er doch noch ins väterliche Geschäft ein. Er leitet es so erfolgreich, dass ihm die Wirtschaftsredaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ ihre Rubrik „Wirtschaft im Gespräch“ widmete. Die freien Marktwirtschafter der „NZZ“ - deren Feuilleton ganz andere Töne angeschlagen hat - wollen mit Karger beweisen, dass sie die Freigabe der Buchpreise zu Recht gefordert und gefeiert haben.
Auf dem Weg zum Einheitsbrei?
Und der Branche zeigen, wie sie seit dem 3. Mai überleben kann. An diesem Tag lehnte die Regierung das Gnadengesuch für die Preisbindung ab. Die Weltbild-Gruppe setzte die Preise auf Bestseller umgehend um dreißig Prozent herunter. Und seither fallen sie auch bei kleinen und mittleren Buchhandlungen mit einem Tempo, das niemand erwartet hatte. Fünf, zehn Prozent Unterschied könne man den Kunden vermitteln, sagt ein Sortimenter: „Aber wenn der Preis zehn Franken höher ist als im Supermarkt, ärgert er sich.“
Auch die Bibliotheken machen bereits Druck: Ihre Budgets sind knapper geworden - jetzt verlangen kommunale Büchereien beim einheimischen Sortimenter zwanzig Prozent. Der Handel wird nicht darum herumkommen, bei weniger gefragten Titeln die Preise zu erhöhen. Genau das hatten die Befürworter der Preisbindung befürchtet. Wird schon der Einheitsbrei gekocht? Kommt die Kulturkatastrophe?
Bücher und Bananen
Für guten Service und bestellte Bücher - zum Beispiel aus dem Ausland - bezahlen die Konsumenten auch höhere Preise, beschwichtigt der Kolumnist der „NZZ am Sonntag“. Tatsächlich war die Preisbindung auch schamlos missbraucht worden. Mit der Einführung des Euro hatte sich der Graben zwischen den Preisen in Deutschland oder Frankreich und der Schweiz zusätzlich vertieft. Die Umwechslungstabellen blieben ein permanentes Ärgernis.
Mit dem Buchhändler- und Verlegerverband war Philip Karger in Konflikt geraten, weil er den Studenten auf Fachliteratur Rabatte gewähren wollte. Er glaubt nicht, dass die Kleinen jetzt in Gefahr seien. Sie müssten nur ein besseres Marketing betreiben und unternehmerisch denken. Karger verkauft auch noch Skelette und Stethoskope. Als er bei einer Supermarktkette für die Früchte verantwortlich war, konnte er bei den Bananen mit den Branchenführern nicht mithalten. Deshalb war er darauf bedacht, immer die besten und billigsten Kokosnüsse zu haben.