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Buchpreisbindung Generalangriff

10.10.2003 ·  Unendliche Geschichte Buchpreisbindung: Der Bertelsmann-Buchclub ließ es sich nicht nehmen, Dieter Bohlens Zweitlingswerk gut drei Euro günstiger als gefordert zu verkaufen. Der Börsenverein des Buchhandels rebelliert.

Von Hannes Hintermeier
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Der Patient wird schwächer. In der unendlichen Geschichte der Buchpreisbindung wird soeben ein neues und vielleicht das letzte Kapitel aufgeschlagen. Nicht unbezeichnend, daß am Anfang dieses Kapitels wieder der Name Bohlen steht. Denn der Bertelsmann-Buchclub mochte nicht darauf verzichten, dessen Memoiren-Zweitling gleichzeitig mit der Buchhandelsausgabe und obendrein noch 3,05 Euro billiger zu verkaufen. Damit es auch die geneigte Kundschaft bemerke, schaltete der Club im "Stern" eine Anzeigendoppelseite. Diese brachte das Faß zum Überlaufen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kündigte an, "mit allen rechtlichen Mitteln" gegen diesen "Verstoß gegen das Buchpreisbindungsgesetz" vorzugehen. Ein Vorgang, der nicht nur auf der Messe für Zündstoff sorgt, denn: Der Club ist ordentliches Mitglied im Börsenverein. Club-Sprecher Rocco Thiede sagt denn auch, ihm komme die Drohung des Börsenvereins vor, "als wenn man in einem Fußballverein Mitglied ist und der Präsident versucht, einen Spieler rauszuwerfen, weil ihm seine Schuhe nicht gefallen". Vorsorglich konterte der Club die Breitseite des Börsenvereins mit einer Erklärung, deren präambelartiger erster Satz lautet: "Der Club steht ohne jegliche Abstriche aus ureigenem Interesse zur Buchpreisbindung in Deutschland."

Christian Sprang, Justitiar des Börsenvereins, räumt ein, daß sich seit Gründung des Buchclubs anno 1950 - damals gab es noch Mitgliedsbeitrag plus quartalsweiser Abnahmeverpflichtung - der Markt grundlegend geändert hat. Einem "reißenden Sturzbach" gleich rase die Bücherflut heute in immer steileren Kaskaden aus den Verlagen in den Handel und von dort in den Ramsch, vulgo die nächste Weltbild-Filiale. Vier Monate liegt ein neues Hardcover heute maximal im Buchhandel. Die Clubausgabe folgte der Handelsausgabe in der Regel neun bis zwölf, nicht aber früher als sechs Monate. Diese Praxis galt nicht für sogenannte zeitnahe Bücher (wie Sportbücher zu Olympischen Spielen oder zu Weltmeisterschaften); sie fußte auf den vier heiligen Säulen Zeitabstand, Preisunterschied, andere Ausstattung und Mitgliederbindung.

Buchclub unter wirtschaftlichem Druck

Ist also die parallele Club-Ausgabe "zeitnah" und damit Rechtens? Selbstverständlich, sagt Thiede: Erstens sei Bohlen zwei als Autobiographie ein Sachbuch, und zweitens krähe doch heute schon kein Hahn mehr nach Bohlen eins. Der Club, wirtschaftlich enorm unter Druck als prominentester Verlustbringer von Bertelsmann, will nach einer Neupositionierung demnächst damit beginnen, mit seinen Ladengeschäften in I a-Lagen umzuziehen. Außerdem sollen die Kunden dort künftig sämtliche lieferbaren Titel bestellen können - eine weitere Kampfansage an den klassischen Sortimentsbuchhandel, der derzeit ohnehin stark unter Druck steht.

Seit gut einem Jahr ist das neue Preisbindungsgesetz in Kraft. Den Vorstoß des Clubs wertet Christian Sprang deshalb als "Generalangriff auf das höchste Gut, das wir zu verteidigen haben". Am Freitag hat das Landgericht Wiesbaden eine einstweilige Verfügung gegen den Club erlassen. Bertelsmann wird darin untersagt, Buchclubausgaben vor Ablauf von sechs Monaten nach Erscheinen der Buchhandelsausgabe anzubieten oder zu verkaufen. Dieser Streit könnte jetzt zum Fall der letzten Gemeinsamkeiten führen. Nicht, daß jeder Verleger und Buchhändler den Börsenverein als solchen vermissen würde - zu oft häufte sich zuletzt der Zweifel an der Strategie dieser ständischen Vertretung. Offen auch die Frage, wie es um eine Organisation steht, die als letzten Ausweg eigene Mitglieder vor Gericht zitieren will. Der Branche insgesamt wäre mit einer Zerschlagung wohl nicht gedient, weil die Verhandlungsposition der Bücherlobby in Berlin und Brüssel entscheidend geschwächt würde.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2003, Nr. 236 / Seite 35
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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