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Buchmessengast Neuseeland : Wen jucken denn noch Bücher?

Erzählen außerhalb der Schrift: ein Maori tanzt Bild: AFP

Neuseelands Gastlandauftritt in der Theorie: Die Frankfurter Buchmesse zeigt, was wir im Herbst von ihrem diesjährigen Ehrengast zu erwarten haben.

          Stellen Sie sich ein Land vor, in dem eine Sprache gesprochen wird, die seit ihrem Entstehen nicht verschriftlicht wurde. Für die man also erst Schreibweisen finden musste, um Bücher in dieser Sprache publizieren können, was aber auch erst seit etwa zehn Jahren in wenigen Fällen geschieht. Eine Sprache, aus der kein einziges Buch ins Deutsche übersetzt ist. Eine Sprache, die aber selbst im eigenen Land von weniger als fünf Prozent der Bevölkerung überhaupt gelesen werden kann (und von noch viel weniger geschrieben; genaue Zahlen dazu gibt es nicht). Im besten Fall summiert sich die Zahl von Lesern dieser Sprache auf etwa 200000 Menschen. Das dazugehörige Land ist im Jahr 2012 Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Es heißt Neuseeland. Und die Sprache ist Maori.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun mag man einwenden, dass die Sprache seiner Ureinwohner zwar eine der beiden Landessprachen von Neuseeland, die andere aber Englisch ist, und dass das, was man hierzulande an neuseeländischer Literatur kennt - Katherine Mansfield natürlich, Janet Frame, vielleicht auch noch Frank Sargeson oder Patricia Grace -, auf Englisch verfasst und längst übersetzt wurde. Aber Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, lässt im Gespräch mit dieser Zeitung keinen Zweifel daran, dass es beim Gastlandauftritt von Neuseeland vor allem um eines gehen wird: „Es ist Maori-Kultur, was bei uns präsentiert wird. Das habe ich auch erst in den letzten Monaten verstanden: dass das in Neuseeland kein Lippenbekenntnis ist, dass die Kulturen übereinanderliegen.“ Da kann die Abwesenheit von Büchern auf der Buchmesse nicht schrecken.

          Medien des Erzählens

          Vielleicht ist es ja eine Reaktion auf den großen Wandel, der die deutsche Buchbranche derzeit erfasst, wenn Boos gestern auf der Pressekonferenz des Ehrengastes Neuseeland das „transmediale Erzählen“ in der Maori-Kultur heraushob und deshalb für den Oktober auch einen „transmedialen Gesamtauftritt“ versprach. In der Tat, die Maori haben eine reiche Erzählkultur, die nicht nur mündlich, sondern durch Schnitzerei, Textilkunst, Tätowierungen, Tanz und Malerei weitergegeben wird. Aber was davon passt außerhalb des Ehrengastpavillons, der traditionell eine multimediale Veranschaulichung des jeweiligen Landes bietet, auf die Messe selbst? Workshops und Ausstellungen nennt der Buchmesse-Chef, und vor allem Filme: „Vielleicht ist es generell einfacher, über Filme Interesse an Autoren zu wecken. Das ist ein Riesenthema hier auf der Buchmesse.“

          Das merkt man. Am Einlass zum neubezogenen Haus des Buches in Frankfurt stehen drei kostümierte Zwetschgen - ein Vorgriff auf Peter Jacksons kommende Tolkien-Verfilmung „Der kleine Hobbit“, deren erster Teil am Jahresende alle Kinorekorde brechen soll und willkommenen Anlass gibt, auf der Buchmesse einen Hobbit-Cosplay zu veranstalten. Frühere Ausgaben solcher Kostümwettbewerbe waren zuletzt jeweils die teilnehmerreichsten Publikumsveranstaltungen auf der Messe. Und für Neuseeland ist sein Ruf als Fantasy-Drehort mindestens so wichtig, wie es die Sagas für Island sind, das im vergangenen Jahr einen allseits gelobten Gastland-Auftritt in Frankfurt hinlegte. Daran wird sich Neuseeland messen lassen müssen - augenscheinlich aber nicht literarisch.

          Dabei kann Kevin Chapman, der Vorsitzende des neuseeländischen Verlegerverbands stolz verkünden, dass sechzig Autoren - selbstverständlich meist englischsprachige - nach Frankfurt kommen werden und bis zur Messe womöglich hundert Bücher aus seinem Land - selbstverständlich auf Englisch verfasste - neu übersetzt werden. Bislang waren es pro Jahr jeweils um die zehn. Trotzdem ist das eine verschwindende Zahl im Vergleich mit anderen Gastländern.

          Dass ein wunderbarer Roman wie „Gifted“ von Patrick Evans gar keinen deutschen Verlag gefunden hat, obwohl er seit seinem Erscheinen 2010 in Neuseeland für die subtile Schilderung des legendären Zusammenlebens der beiden Schriftsteller Frank Sargeson und Janet Frame in den Jahren 1956/57 gefeiert wird, das zeigt, wie gering der Wagemut auf deutscher Seite ist. Evans steht denn auch gar nicht erst auf der Reiseliste für Frankfurt. Mit Alan Duff war dagegen erst kürzlich ein neuseeländischer Autor auf offizieller Schnuppertour in Deutschland, der die Vorzüge vereint, maorischer Abstammung zu sein und die Romanvorlage zu dem Film „Once Were Warriors“ geschrieben zu haben.

          Es dreht sich ums Essen und Trinken

          Etliche der hundert erhofften Neuübersetzungen werden Reise- und Kochbücher sein. Das ist ganz im Sinne der neuseeländischen Regierung. Darauf gab die Ansprache von Lisa Futschek, der stellvertretenden Botschafterin in Deutschland, einen Vorgeschmack: Kein Wort über Literatur, alles drehte sich um Essen und Trinken in Neuseeland. Selbst Jürgen Boos war das des Transmedialen zu viel, zumal Frau Futschek nicht einmal die obligatorischen Grußworte auf Maori geliefert hatte, die sonst bei dieser Veranstaltung Pflicht waren.

          Wir dagegen werden im Herbst auf der Buchmesse einige Brocken Maori lernen, das ist sicher. Ob es aber dem Programm des Gastlandes gelingen wird, den Besuchern die Ernsthaftigkeit seines kulturellen Anliegens über den Reiz des Exotischen hinaus zu vermitteln? Wir sind in den letzten Jahren gewiss offener für neue Erzählformen geworden. Aber auf einer Buchmesse zählen die Bücher.

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