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Buchmessen-Splitter (2) Was Google ignoriert

05.10.2006 ·  Kann man die Bibel gerechter formulieren und würde sich der Koran wohl anschließen? Was liest George Bush? Wen ignoriert Google und was ist mit der Wurst? Fragen und Antworten von der Frankfurter Buchmesse.

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Kann man die Bibel gerechter formulieren und würde sich der Koran wohl anschließen? Was liest George Bush? Wen ignoriert Google und was ist mit der Wurst? Fragen und Antworten von der Frankfurter Buchmesse.

Nietzsche

So ein zartes Gelb auf dem Umschlag schmerzt das Auge nicht, es stimmt zum Lindenblütentee bei der Bibelarbeit. Nur das Ohr leidet. Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist nach fünf Jahren von 52 Übersetzern - „und Übersetzerinnen!“ schallt es aus dem Publikum - zum geplanten Termin fertiggeworden und wird im Lesezelt präsentiert. „Ich, Adonaj, deine Gottheit, bin eine eifersüchtige Gottheit.“ Denn schlicht vom „Herrn“ zu sprechen paßt nicht in die Zeit. So gibt es auch keine Priester mehr, sondern nur eine „mit dem Priesteramt betraute Person“. Woraus wir lernen, daß die gerechte Sprache immer auch um eine Nuance bürokratischer ist: Das Vorbild gibt der Politiker, der im Fernsehen seinen Wählerinnen und Wählern dankt. Sicher wäre es schön, wenn man bei den Vernichtungsdrohungen des Jeremia gegen die Philister künftig ein „und Philisterinnen“ zum Behuf größerer Klarheit mitlesen könnte. Und sollte der Islam nicht, wenn er denn wirklich dialogfähig bleiben will, schleunigst einen Koran in gerechter Sprache herausbringen? (L.J.)

Leseratte Bush

Über die Lektüre des amerikanischen Präsidenten George W. Bush wurde immer wieder geschrieben: Letztens soll er „Der Fremde“ von Albert Camus gelesen haben und ein Buch über New Orleans. In der Buchmessenhalle, in der sich Verlage unter dem Signum ihres Landes präsentieren, erfahren die Besucher nun weitere Neuigkeiten vom Präsidenten, der zu einer regelrechten Leseratte mutiert sein muß. Denn am Stand der russischen Ast Publisher Groups hängt ein riesiges Plakat, das mit George W. Bush für einen Wälzer wirbt, der 1992 im russischen Original erschien: Edvard Radzinskys Biographie des Zaren Alexander II. Der amerikanische Präsident sei, so verkündet das Plakat, der erste nicht-russische Leser des Buchs gewesen. Radzinsky ist ein russischer Bestsellerautor, einst Archivar in Moskau, der unter anderem belegen wollte, die Sowjetunion habe vor Hitlers Angriff ihrerseits einen Krieg gegen Deutschland geplant. Und Stalin sei umgebracht worden, weil er eine große antijüdische Kampagne beginnen wollte. Zar Alexander II., mußte die Niederlage im Krimkrieg hinnehmen, krempelte sein Land um und kam bei einem der zahlreichen Sprengstoffattentate, die Terroristen auf ihn verübten, ums Leben. Wir ahnen: George W. Bush muß nach der Lektüre schlecht geträumt haben. (jei)

Selbstzensur

Wissen ist Freiheit. Diese Vision begegnet uns auf der Buchmesse immer wieder. Kein Wunder, daß Google gerne sein Firmenlogo auf die Eintrittskarten drucken läßt. Denn Internetsuchmaschinen wollen ja Wissen weltweit frei verfügbar machen. Weltweit? Auf Wunsch eines Regimes wird diese Gleichung ins Gegenteil verkehrt: In China ist Wissen Freiheitsentzug. Google unterwirft sich dort den Zensurbestimmungen, um sich den Zugang zum Markt zu sichern - ökonomisches Kalkül setzt die Meinungsfreiheit außer Kraft. Bei der Buchmessen-Diskussion „Chinas Freunde - Zwischen Geschäft und Kollaboration“ war leider kein Repräsentant von Google erschienen. Denn zur gleichen Zeit fand eine Pressekonferenz des Unternehmens statt, und kein Mitarbeiter war abkömmlich. Anfragen der Veranstalter bei dem Konkurrenten Yahoo blieben gleichfalls erfolglos. Auch diese Firma trage zur Zensur bei, sagte Elke Schäfter, Geschäftsführerin von „Reporter ohne Grenzen“. Yahoo habe an die chinesische Polizei in mindestens vier Fällen Computeradressen und E-Mails inklusive Anhängen ahnungsloser Nutzer weitergegeben. Das habe zu Verhaftungen und jahrelangen Gefängnisstrafen geführt. Ob man über Google oder Yahoo dazu wohl Artikel im Netz findet? (boss)

Wurst

Die Wurst ist in Deutschland allgegenwärtig, Widerstand findet man nur vereinzelt, so beim Schriftsteller Alexander Kluge - mit seinem suggestiven, alles Wurschtige zurückweisenden „. . . ja“ am Ende seiner Sätze. Wir hörten das Kluge-Ja aus einem Lesezelt über den Platz schweben, wie bei ihm (ja) gewohnt nahezu nach jeder Windung seines Redeweltflusses. Drinnen beim Verlag Dumont wurde ein Buch über die „Wurst“ vorgestellt (Ja? - Ja.). Kaum tauchten Tabletts mit Getränken und Wurstschnitten auf, bildete sich drum rum eine Menschentraube, die im Nu runterholte, was gerade draufgestellt worden war. Einerseits gilt zuerst: Wo Wurst ist, ist nichts Wurscht. Die Autoren des Wurstbuches, der Koch Vincent Klink und der Komiker Wiglaf Droste, waren wegen einer Krankheit (doppelte Wurstvergiftung?) nicht gekommen, weshalb die Wurstbuchvorstellung in den Händen des Graphikers Nikolaus Heidelbach lag. Das war den Leuten - unter ihnen der Schriftsteller Helmut Krausser, dem in diesem Bücherjahr der „Eros“ (so der Titel seines Romans) die Wurst auf dem Brot des Lebens ist - erst nicht, dann wahrscheinlich doch egal. Somit gilt andererseits: Die Wurst macht dann doch wurscht. (rtg)

Quelle: F.A.Z., 06.10.2006, Nr. 232 / Seite 33
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