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Buchmessen-Splitter (1) Netzträume und nasse Flecken

04.10.2006 ·  War Gandhi wirklich siegreich? Wohin schwärmt die Intelligenz? Warum führt die Volltextsuche zu Teresa Orlowski? Und wie macht man Männer stubenrein? Fragen und Antworten auf der Frankfurter Buchmesse.

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Manch Bemerkenswertes läßt sich ahnen, anderes zu finden ist das reine Glück. Redakteure der F.A.Z. werden auch in diesem Jahr in den Messehallen und auf den abendlichen Feiern unterwegs sein und in kleiner Form Kurioses, Merkwürdiges, aber auch Bemerkenswertes von der Frankfurter Buchmesse berichten. Hier die erste Folge der Buchmessen-Splitter, gesammelt von der F.A.Z.-Feuilleton-Redaktion.

Idol

Der Gast Shri Arjun Singh, Indiens Minister für Bildung, ein leiser, sanfter Greis, sagt fast wispernd über Mahatma Gandhi, dieser habe gesiegt „allein durch das zähe Bestehen auf den Menschenrechten und durch den Appell an Güte und Gerechtigkeit“. Gandhi, dessen Büste als indisches Geschenk für Frankfurt am ersten Messetag im Foyer der hochverdienten Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung im Beisein der Oberbürgermeisterin enthüllt wird, steht in der Tat für lauter würdige, weise und noble Dinge: Antiimperialismus, Emanzipation vom Kolonialismus durch Nationalstaatsgründung, Menschenrechtspolitik. Aber Antiimperialismus heute heißt Al Qaida, die neuesten Nationalstaaten sind balkanische, postsowjetische oder asiatische Massakersümpfe, und Menschenrechtspolitik bedeutet derzeit Bomben gegen Schurkenstaaten. Die mächtigsten Götzen der Gegenwart sind mit Palmöl gewaschen; aus den Pflugscharen Gandhis wird man noch scharfe Schwerter schmieden. Die Büste lächelt, als wüßte sie das längst. (dda)

Der Schwarm

Welch ein schönes Zeichen von abendländischer Toleranz, daß sich auf der Buchmesse auch ihre erklärten Feinde als Gäste fühlen dürfen. In Halle 4.2, wo die Wissenschaftsverlage zu Hause sind, präsentierten die Wikipedia-Macher ihr weltweit höchst erfolgreiches Konzept einer „freien“ Netz-Enzyklopädie, die langfristig den Lexikonverlagen das Wasser abgraben dürfte. Ideologisch angetrieben von einer graswurzeldemokratischen Internet-Utopie, wird dabei die stetig anwachsende „Schwarmintelligenz“ an die Stelle herkömmlicher verlegerischer und redaktioneller Mechanismen der Wissenssammlung, pardon: „content-Herstellung“ gesetzt, bei der jeweils ein Fachmann sein kleines Feld beackern darf. Auf dem Podium war davon jedoch wenig zu merken, da sich der Vortrag des offenbar durchaus spezialisierten Buchwissenschaftlers Christoph Bläsi in ermüdender Weise ebenjenes klassischen „Top-Down-Modells“ bediente, das die antiautoritären Kollektivautoren doch gerade zum alten Eisen werfen wollen. Ein Trost blieb also den Dinosauriern unter den Verlagen, als evolutive Nische sozusagen: Je spezieller der Inhalt, desto wichtiger (mangels Schwarm) die gute alte Expertenkultur. (rik)

Netzträume

Ein wenig unausgegoren wirkt die Sache noch, und auch wenn man sich bemüht, sich von der übergroßen Suchmaschinenkonkurrenz Google abzugrenzen (und mit ihr ins Geschäft zu kommen). Zunächst hätte ein Blick auf deren Seiten nicht geschadet. Dort findet man unter dem Kürzel „vto“ den Verlag Teresa Orlowski, den Verein für Tanzlehrer und Übungsleiter im orientalischen Tanz, den Verein der Thüringer Ornithologen und anderes mehr. Dabei zielt das unter dem holprigen Kürzel lancierte Projekt, das für „Volltextsuche online“ steht und das der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern vorstellte, schon aufs Große. Anders als die werbefinanzierten Suchmaschinen sollen bei „vto“ bald alle sechs Millionen deutschsprachigen Bücher, die seit Gutenberg veröffentlicht wurden, online zugänglich sein. Aber nach den Regeln der Autoren und ihrer Verlage. Sie sollen entscheiden, welche Buchinhalte, in welchem Umfang und zu welchem Preis online verfügbar sind. Daß das Hauptaugenmerk sich auf Neuerscheinungen richten muß, wenn man ein großes Publikum erreichen will, versteht sich noch nicht ganz von selbst. Das wird sich aber schnell zeigen, wenn „vto“ wie geplant von Februar 2007 an öffentlich zugänglich ist. Vielleicht doch besser mit einem griffigeren Namen? (hhm)

Nasser Fleck

Herrenwitze sind doof. Damenwitze auch. Mehr müßte man nicht sagen über die Buchmessen-Lesung der Autorin Désirée Nick aus ihrem jüngsten Werk „Was unsere Mütter uns verschwiegen haben“. Wäre am Ende nicht alles ein bißchen tragisch gewesen: Da saß die „Erfinderin des Damenwitzes“, wie die „taz“ sie nennt, in einer Frankfurter Bar bebrillt und adrett in ihrem tief dekolletierten, straßgesäumten kleinen Schwarzen vor zwei aus rotem Samt aufragenden Mikrophonen und artikulierte mit Augenaufschlag ein unappetitliches Detail nach dem anderen, Thema: „Töpfchentraining für den Mann“, Untertitel: „Wie man Männer stubenrein kriegt“. Problemfeld: der nasse Fleck, auf Klobrille wie Anzughose. Was macht man als Frau mit so einem Mann? Nach Hause zum Baden schicken? Slipeinlagen anraten? Und während sich das Kichern im Auditorium von Satz zu Satz steigert: „Wie kann er denn Verantwortung übernehmen, wenn es ihm nicht einmal gelingt, seinen Schniedelwutz unter Kontrolle zu kriegen?“, geht unter, daß Frau Nick ein Anliegen verfolgt. Sie will doch alles besser machen als alle die Kerle zusammen und vor allem ihren Mitschwestern Mut und Selbstbewußtsein vermitteln. Doch die Provokationskraft vorsätzlicher Schlichtheit hat Tücken - und wird am Ende als Zickentrash konsumiert. (B.S.)

Quelle: F.A.Z., 05.10.2006, Nr. 231 / Seite 37
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