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Buchmessen-Bilanz Man lese Doktor Oetker

09.10.2006 ·  Heimliche Stars, alte Recken, große Deals und wieder einmal viele geklaute Bücher: Die soeben zu Ende gegangene Frankfurter Buchmesse war heiter und unverbissen - trotz einer düsteren Bedrohung namens Google.

Von Edo Reents
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Es wurde wieder kräftig gestohlen auf der Frankfurter Buchmesse: „Chandra wird wahnsinnig viel geklaut“, sagte die Sprecherin vom Aufbau-Verlag, Barbara Stang. Tatsächlich ging nicht nur der Bombay-Krimi von Vikram Chandra weg wie das indische Essen, das für eine markante Duftnote sorgte. Bis auf die Toilette verfolgte einen das Curry. Daß hier wirklich so viel gegessen wurde, lag nicht nur am Gastland, sondern auch an der inzwischen fast schon lästigen allgemeinen Kocherei. Da wurde an vielen Ständen spontan etwas gebrutzelt, und der Dr. Oetker Verlag machte sich hier auch ganz schön breit.

Passend zu alledem referierte Günter Grass bei einer wahnsinnig langweiligen und nur wegen des sympathischen indischen Autors Amitav Ghosh erträglichen Diskussion seine Land- und Leseeindrücke auf dem Niveau schlechter, alter deutscher Hausmannskost - wörtlich: „Während meines Aufenthalts in Kalkutta hatte ich Gelegenheit, mit älteren Leuten zu sprechen.“ Es ging um eine von den Briten zu verantwortende, aber infam verschwiegene Hungersnot der vierziger Jahre, und Grass sagte dann sinngemäß: Das sei auch an den Betroffenen selber zu beobachten, daß sie über schlimme Dinge nicht oder erst spät sprechen könnten, das habe er auch in Deutschland beobachtet.

War nun alles gut?

Reflexe sind oft angeboren; aber man begreift es trotzdem nicht, wie aus dem Munde dieses Mannes immer noch so etwas kommen kann und man dabei nicht den Eindruck hat, daß er darüber auch einmal nachdenkt. Grass hatte, wie in einem Teil der Samstagsauflage gemeldet, wegen zweier nachgedruckter Briefe an Karl Schiller einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen diese Zeitung gestellt und sich bei einem von der „Zeit“ veranstalteten Gespräch spektakulär über sie beschwert (siehe: F.A.Z. weist Angriffe von Grass zurück). Wie anders dagegen der würdevolle, fast schmerzlich-wehmütige Auftritt Walter Kempowskis, der in einer Frankfurter Kirche aus seinem neuen Roman „Alles umsonst“ las: „War nun alles gut?“ lautet der letzte Satz, aus dem alle Skepsis, alle Skrupel sprechen, die ein bedeutender Schriftsteller nur haben kann.

Und Indien? Es gab vermutlich keine dem Gastland gewidmete Veranstaltung, bei der nicht gesagt worden wäre, daß es sich dabei ja um kein Land handele, sondern um einen Kontinent: Sprachen, Dialekte, Religionen - alles in großer Zahl vorhanden. Wenn man sich die Lesungen und Diskussionen mit den indischen Autoren ansah, dann fiel dieser unverbissene Ernst auf, mit dem das alles über die Bühne ging. Selbst wenn sie in ihrer eigentümlich knochenlos und doch recht sperrig klingenden Sprache etwas Unerfreuliches vortrugen, taten sie dies lächelnd, wie lässige, entspannte Prediger. Indien hat hier einen sehr guten Eindruck hinterlassen, auch wenn manche Verlage meinten, die logistisch zwingend erforderliche Zusammenarbeit mit der Botschaft habe zu wünschen übriggelassen. Der Messestand fiel ästhetisch hinter den koreanischen vom vergangenen Jahr zurück, aber das wurde mit literarischer Präsenz mehr als wettgemacht. Wohl jedem Besucher waren wenigstens ein paar Autorennamen geläufig, und man hatte das Gefühl, daß die indische Literatur die Leute wirklich interessiert.

Die bedrohliche Macht Google

Bedrohlicher erschien den etablierten Verlagen eine andere Macht: Google. Die Suchmaschine wird die Verlagslandschaft verändern wie zuvor vermutlich nur die Erfindung des Internet, daran konnte nach dem Auftritt ihrer Vertreter kein Zweifel bestehen. Die digitale Bücher-Erfassung macht beängstigende Fortschritte. Doch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels legt die Hände auch nicht in den Schoß: Seine „Volltextsuche Online“, mit der die Branche möglichst viele Titel unter Mitbestimmung der Verlage und Autoren elektronisch erfassen will, ist für Anfang des nächsten Jahres angekündigt. Die allgemeine Stimmung litt sowieso nicht unter der Präsenz der Suchmaschinenfirma, von der es nun auch noch heißt, sie wolle das überaus beliebte Internetvideoportal YouTube kaufen. Wenn das passiert, wäre das Zusammentreffen dieses Gerüchts mit der Buchmesse merkwürdig: In Frankfurt treffen sich fröhlich die Verlage, aber das ganz große Ding, das alles noch einmal neu durchrütteln könnte, wird ganz woanders gedreht.

Und was lief in Frankfurt? Wenig Spektakuläres, Schrilles, und man ist geneigt, das als angenehm zu empfinden. Es gibt wieder Verleger, die selbstbewußt über ihre Gesamtausgaben heute vergessener Autoren wie Johann Karl Wezel (1747 bis 1819) sprechen und ohne zu klagen eine Leserschaft von dreihundert anpeilen. Von Krise kaum eine Rede. Die eigentlichen Geschäfte werden vorher oder nachher gemacht, aber wenn man durch die Halle mit den Literaturagenturen geht, dann kommt man sich vor wie in einer einzigen, still-emsigen Legebatterie, die auch etwas abwirft: Auf 600 Millionen Euro schätzt die Messegesellschaft den Wert der unter 7272 Ausstellern (3288 deutschsprachigen) aus 113 Ländern (Rekord übrigens mal wieder) abgeschlossenen Geschäfte. Der Andrang war mit rund 284.000 Besuchern stabil, die sich von dem neuerdings kursierenden Unfug, wonach jetzt alles „buchaffin“ zu sein habe, nicht beeindrucken ließen (siehe: Buchmessen-Splitter (3): Hinter den Kulissen von Bollywood). Ein Überdruß an politischen Büchern und vor allem an historischen Romanen - die Schnittmenge heißt, im Zeitalter Guido Knopps, Heinrich Breloers und natürlich Günter Grassens, literarische Dokufiktion - ist aber nach wie vor nicht auszumachen.

450.000 Euro für Littell

Im Gegenteil - der größte Deal war Jonathan Littells in Frankreich schon ausgiebig diskutierter Roman „Les Bienveillants“ („Die Wohlwollenden“), eine neunhundertseitige SS-Verwurstung auf, wie man hört, erfreulichem Niveau. Die Sache ging an den Berlin Verlag, angeblich für 450.000 Euro. Der Verlag wollte das nicht bestätigen, verwies aber auf etwas Interessantes, das mit dem Niveau der Vorlage zu tun haben könnte: Es habe noch deutlich höher dotierte Angebote gegeben, aber Gallimard und Littell hätten einer Bewerbung den Vorzug gegeben vor Verlagen, die das deutsche Erscheinen hastig für die nächste Buchmesse zugesagt hätten, was seriös kaum zu schaffen ist.

Frische und weniger frische Gesichter gab's auch. Vielleicht darf man, ohne die Bedeutung von Messekrachern wie Eva Herman unterschätzen zu wollen, vielleicht Fiona Bollag erwähnen, die fast ein heimlicher Star war; eine Frau, die 1983 im Tessin gehörlos zur Welt kam, sich erst spät Hör-Chips einsetzen ließ. „Das Mädchen, das aus der Stille kam“ heißt ihr bei Ehrenwirth (Verlagsgruppe Lübbe) gerade erschienenes Buch, in dem sie die jedem Messebesucher sicherlich begreifliche Sehnsucht nach Stille äußert. Die setzte hier aus anderen Gründen ein: Oskar Pastiors Tod machte alle für einen Moment stumm. Und auch am Donnerstag gab es keinen Aufschrei: Der Nobelpreis - und das ist die Besonderheit dieser im Ganzen heiter-gelösten Messe - ist noch nicht vergeben worden.

Quelle: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 37
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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