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Veröffentlicht: 12.10.2013, 13:58 Uhr

Dave Eggers „The Circle“ Die aktuelle schöne neue Welt

Im Roman ist schon gelungen, woran die Internetgiganten des Silicon Valley heute noch arbeiten, die totale Datenkontrolle. Dave Eggers entführt in „The Circle“ die Leser in ein Unternehmen, aus dem es kein Entrinnen gibt.

von Stefan Schulz
© Archiv Dieses Gebäude ist nicht das Hauptquartier von „The Circle“, sondern der Entwurf von Apples neuer Unternehmenszentrale

Maebelline ist 24 Jahre alt, als sie begreift, wie viel Zeit ihres Lebens sie vergeudet hat. Das Verbrechen wurde nicht nur ihr persönlich angetan. Ihre stupide Arbeit im Gebäude 3B-Ost der Stadtwerke von San Vincenzo war vielmehr eine Verschwendung menschlicher Potentiale und Verrat am gesellschaftlichen Fortschritt. Aber auch eine Lehre. Sie könne ihr Schicksal nun in die eigene Hand nehmen, das verstand sie bereits am ersten Tag bei „The Circle“, ihrem neuen Arbeitgeber, einem Technologiegiganten des Silicon Valley, der sich die Welt unterworfen hatte und mächtiger wurde als Google, Facebook und Twitter in Summe.

Das zeigte zumindest der Börsenwert des Unternehmens, das seinen Vorsprung einer einzelnen Idee verdankt. „The Circle“ war gelungen, woran Google und Facebook im Wettstreit miteinander tatsächlich arbeiten: die Verknüpfung von search und social. Dave Eggers lässt in seinem Roman „The Circle“ Tayler „Ty“ Alexander Gospodinov den Funken im Datenfusionsreaktor zünden. Mit dem „Unified Operating System“, das dieser im Alleingang entwickelte, stieß er das Tor zur nächsten Gesellschaft auf. Alles, was fortan durch Tys Hand geschah, war welterschütternd, lebensverändernd und fünfzig Jahre voraus.

Ohne „TruYou“-Account hat das Internet keinen Sinn

Seine Maschine zwang er niemandem auf, er machte nur die Benutzung des Internets ohne „TruYou“-Account mühsam, zeitaufwendig und teuer. Die Erfindung setzte zudem einen Geist frei, der sich des Wichtigsten annahm: des Aufbrechens des feudalen Verhältnisses zwischen Produzenten und Konsumenten, der Entstehung würdevollen Wohnens in den ärmsten Ländern, der kartographischen Erkundung des Marianengrabens.

Für all das hatte Ty seine Leute. Die wirtschaftliche Verantwortung des Unternehmens übertrug er rechtzeitig vor Börsengang den Geschäftsleuten Eamon Bailey und Tom Stenton. Neben dem weltgewandten Visionär und dem gewissenhaften Analysten blieb Ty allerdings der Kopf der drei Weisen. Er wurde eine unscheinbare Legende. Womit er ein einzigartiges Privileg genoss. Die Anonymität aller anderen hatte er abgeschafft.

26276375 © AP Vergrößern Dave Eggers spielt in seinem neuen Roman „The Circle“ mit der Nähe zur Wirklichkeit

Eggers formte für die Erzählung nicht nur seine Figuren nach wahren Vorbildern. Womit er nicht der Erste ist, doch so vielfältig wie bei ihm sind die Leihgaben aus der kalifornischen Wirklichkeit selten. Der Campus, den der Leser mit Mae erkundet, ist ein seltsam vertrauter Ort. Er erinnert an die Lobpreisungen der beliebtesten Arbeitgeber der Welt, eine Liste, die die Technologiegiganten anführen. Bei Eggers allerdings schwingt der Zweifel von Beginn an mit. Die digitale neue Welt hat eine totale Ideologie im Schlepptau, die nicht nur diejenigen betrifft, die sich per Arbeitsvertrag mit ihr einverstanden erklären.

Geheimnisse werden Lügen, Privatsphäre wird Erlebnisdiebstahl, medizinische Sonden stecken in allen Körpern, Bildschirme an Handgelenken, Milliarden von Kameras wurden in der Welt verteilt, an jede Person und auf jede gerichtet. Technisch übertreibt es Dave Eggers nur an einer Stelle. Seine Silicon-Valley-Forscher haben mit einem neuen Batterietyp die Stromprobleme der digitalen Anhängsel behoben.

Zwei Milliarden digitale Augen, denen nicht verborgen bleibt

So wurde der Weg frei für „SeeChange“, kleine Kameras samt Mikrofon, die zwei Jahre lang senden können. Der Zehnjahresplan lautete: „2 Milliarden Kameras überall in der Welt“. Die offizielle Mission lässt keinen Zweifel zu: Nie wieder soll eine Errungenschaft, eine Handlung, eine Erfahrung oder ein Gedanke verlorengehen. Das Wort „optional“ wurde dafür endgültig gestrichen. Wer nicht auf Sendung ist, macht sich verdächtig. Wer länger als drei Minuten stumm bleibt, bricht die Regeln.

Eggers’ Weltentwurf, den er zügig offenbart, scheint zu radikal, um zum Nachdenken über die Gesellschaft anzuregen, in der das Buch entstand. Doch Eggers zieht die Schlinge langsam zu. Er denkt nicht in die Zukunft, entfaltet nicht die Unterscheidung von Utopien und Dystopien, er verzichtet auch auf eine plakative Moral. In „The Circle“ geht es um die akuten und aktuellen gesellschaftlichen Fragen, die wie unter Mikroskop im engen Rahmen elementarer Gespräche behandelt werden. Es sind nur eine Handvoll Personen, die vor den Augen des Lesers miteinander zu tun haben, wodurch der Wandel von Persönlichkeiten und Beziehungen umso mehr betont wird.

Die Welt dem Digitalen unterworfen

Ty wollte nichts anderes als ein höchstpersönliches Problem lösen, als er durch die Arbeit an einem Abend den Grundstein dafür legte, die Zivilisation im Internetchaos obsiegen zu lassen. Nun träumen die „Circler“ von einer neuen Welt, die sie nach ihrem digitalen Vorbild gestalten. Heilen durch Wissen, Wissen durch Teilen. Jedes Kind trägt einen ChildTrack-Chip im Knochen, jeder Erwachsene ist per CircleSearch auffindbar. Verbrechen sind unmöglich, Hass verbietet sich von selbst. Wenn sich Gangster nicht verstecken können, wird niemand zu einem.

Die Antwort auf die Frage, ob die Ziele aufgehen - ob der Kreis geschlossen werden kann -, lässt Eggers lange im Dunklen. Nur selten verlässt der Leser mit den Figuren den Campus des Unternehmens. Eggers nimmt den Leser geradezu gefangen, so wie sich auch Google und Facebook von ihren Ideen gefangennehmen lassen, während sich ihre eigene Nachbarschaft, das analoge Silicon Valley, gerade zum Dritte-Welt-Landstreifen entwickelt.

Alles, was nicht zählbar ist, hat keinen Wert

Allenfalls in Zahlen und Daten wird die Welt jenseits von „The Circle“ offenbart. Nur einmal sitzt Mae mit Fremden zusammen, trinkt Wein und redet über das Wetter und die Natur. Aus dem angekündigten Spaß ist nach ihrer Rückkehr längst mehr geworden, als sie dafür gemaßregelt wird, dass aus diesen Begegnungen nichts folgt, keine Fotos, keine Videos, keine Ratings - kein Erlebnis- und Lebensprotokoll. Passion, Partizipation und Transparenz werden gefordert. Alles, was nicht zählbar ist, wird wertlos.

Wie gruselig nahe das Buch der Realität tatsächlich kommt, zeigte sich just in den vergangenen Tagen, als bekannt wurde, dass Google nun mit Nachdruck daran arbeite, Personen allein anhand ihres Verhaltens zu erkennen. Menschen, die das Internet nutzen, geben sich nicht immer per Login zu erkennen und wechseln ständig die Geräte - ein Problem, das sich umgehen lässt, glaubt Google. „Lasst uns das machen, lasst uns das alles machen!“ So lautet der Satz, der die Circle-Fiktion mit der Google-Realität verschränkt. Dave Eggers hat sich mit diesem Buch verdient gemacht, nicht weil er Antworten liefert, sondern weil er für Klarheit sorgt.

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