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Zum Abschluss der Buchmesse 2015 : Seid politisch!

Symbolfigur einer Literatur, die politische und ästhetische Ansprüche verbindet: Salman Rushdie Bild: Reuters

Die vergangenen zehn Tage mit seinen bedeutenden Literaturpreisen und großen Reden von Schriftstellern haben es eindrucksvoll gezeigt: Literatur kann immer noch die Welt verbessern.

          Swetlana Alexijewitsch war nicht auf der Frankfurter Buchmesse. Die weißrussische Autorin hatte Berlin den Vorzug für ihren ersten Deutschland-Besuch nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises gegeben. Dort residiert ihr Verlag, dort hält sich die russische Exilszene auf. Das ist ein Rückschlag gewesen für die Buchmesse, die in diesem Jahr den Anspruch erhoben hatte, so politisch wie nie zuvor zu sein. Und ihn zumindest mit zwei Auftritten auch einlösen konnte, dem ersten und dem letzten.

          Salman Rushdie besuchte die Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse, hielt dort eine Rede, die an Klarheit und Entschiedenheit nicht zu überbieten war, flog aber danach sofort wieder ab. Wie schon vor siebzehn Jahren, als der seit 1989 durch Ajatollah Chomeinis Fatwa und ein iranisches Kopfgeld in Millionenhöhe mit dem Tod bedrohte britisch-indische Schriftsteller einmal nach Frankfurt gekommen war, sah er keine Messehalle von innen. Das mag den immer noch immensen Sicherheitsmaßnahmen zuzuschreiben sein, die jeder Gastgeber Rushdies ergreift, oder dem engen Zeitplan einer Weltberühmtheit. Doch wenn das Kompliment stimmt, das Rushdie der Buchmesse machte – sie sei die Verkörperung der Meinungsfreiheit –, dann braucht dieser Körper noch einiges an Muskelmasse mehr, um im Kampf mit den Feinden der Zivilisation bestehen zu können. Der Beschwörung von Redefreiheit müssen Freiheitsreden folgen. Und die tätige Demonstration von Freiheit. Nicht nur zu den Feierstunden, sondern konsequent während der ganzen Messe.

          Gewalt und Glaube

          Der zweite überaus beachtliche Auftritt eines politischen Schriftstellers war der gestrige des diesjährigen Friedenspreisträgers Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche. Seine Dankesrede gipfelte in einem Bittgebet für die Opfer des Kriegs in Syrien. So wird Literarisches politisch, ohne seine Kunstfertigkeit einzubüßen. Vom Tag der Bekanntgabe des Nobelpreises bis zur Verleihung des Friedenspreises haben wir zehn literarische Tage erlebt, die die Welt verbesserten. Nicht, weil man mit der Kraft des Wortes allein von Stockholm oder Frankfurt aus die politischen, militärischen und religiösen Schrecken bannen könnte, sondern weil es überhaupt wieder Schriftsteller gibt, die sich ins Weltgeschehen einmischen und dabei höchste ästhetische Ansprüche erfüllen.

          Insofern ist die kurzfristig aufgeflammte Debatte um die Berechtigung des Literaturnobelpreises für Swetlana Alexijewitsch, die sich darin erschöpfte, deren Büchern den literarischen Gehalt abzusprechen, weil es sich darin um Dokumente von Zeitzeugenschaft handelt und nicht um Fiktion, eine typisch deutsche Groteske. Schublade auf, Schublade zu – das ist einfacher, als die betreffenden Bücher zu lesen, sich Gedanken zu machen über formale Aspekte, literarische Traditionen oder gar die Notwendigkeit von Genregrenzüberschreitung in Fragen von solch archaischem Charakter wie Gewalt und Glaube. Die einheimische Parallele zur Missachtung des literarischen Ranges eines aus authentischen Zeugnissen geschöpften Erzählens ist die Rezeption von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ über das postsozialistische Bulgarien. Engagement in der Literatur ist bei Teilen der Kritik unerwünscht.

          Nicht aber beim Publikum, wie die Aufmerksamkeit zeigte, die Trojanow oder auch Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ über afrikanische Flüchtlinge in Berlin auf der Buchmesse fanden. Dass Erpenbecks Buch trotz Favoritenrolle nicht den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam, ist auch der Scheu der Jury zuzuschreiben, ein solch kontrovers diskutiertes Thema für eine Saison in den Mittelpunkt des literarischen Lebens zu stellen. Dass man in den diversen Festreden der Buchmesse trotzdem nicht darum herumkam, legte leider meist wenig Zeugnis von deren politischen Ambitionen ab. Es fehlte mit der Ausnahme Kermanis an der unmittelbaren Anschauung, ja Teilnahme, auf der Erpenbecks Roman beruht.

          Was die Literatur politisch zu leisten versteht, kann aber auch an weniger weltbewegenden Problemen vorgeführt werden. Die Abrechnung, die der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss in der F.A.Z. mit seinem Heimatland vornahm, hat dort bis zur gestrigen Wahl die öffentliche Debatte bestimmt. Darum muss es politischer Literatur gehen: um die Möglichkeit, miteinander zu streiten und dabei an wunde Punkte zu rühren, die keine schnelle Heilung erwarten lassen, aber bei Vernachlässigung unsere Gesellschaften vergiften. Das Russland der Bücher von Swetlana Alexijewitsch, das Syrien der Rede von Navid Kermani, das Bulgarien des Romans von Ilija Trojanow, das Deutschland des Romans von Jenny Erpenbeck, die muslimische und die westliche Welt der Rede von Salman Rushdie – wie könnten sie besser erzählt und gedeutet werden als von diesen Schriftstellern? Wir haben zehn Tage hinter uns, die die Welt deshalb verbessert haben, weil wir klüger geworden sind.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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