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Matthes & Seitz Berlin : Ein großes kleines Haus

Der Verleger Andreas Rötzer vor seinen Büchern Bild: Matthias Lüdecke

Zehn Jahre ist der der Verlag Matthes & Seitz Berlin nun alt - und der sehr erfreuliche Fall eines kleinen Verlags mit Charakter und stattlichem Programm. Eine Reverenz zur Buchmesse.

          „Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie ... zählen für uns nicht.“ Das Zitat stammt von Kurt Wolff, und wir setzen gleich noch ein anderes hinzu, ebenfalls von einem legendären Verleger, nämlich von Samuel Fischer: „Dem Publikum neue Werte aufzudrängen, die es nicht will, ist die wichtigste und schönste Mission des Verlegers.“

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Beide Maximen werden gerne genutzt, um den Auftrag traditionsreicher Verlage ins rechte Licht zu setzen. Selbstverständlich auch und gerade dann, wenn sich diese kulturelle Mission dem Programm nicht so ohne weiteres entnehmen lässt. Ab einer bestimmten Größe der Verlagshäuser ist das auch schwer möglich: Wer ein großes Haus finanzieren muss, kommt um die Titel nicht herum, die nach den vermuteten oder ausgetesteten Neigungen eines großen Publikums gehen.

          Das kann zwar dann immer noch auf möglichst gediegene Weise geschehen. Aber es ändert nichts daran, dass die Sachbuchprogramme – die Literatur lassen wir hier beiseite – vieler Häuser wenig Profil zeigen. Einzelne Titel mögen immer wieder hervorstechen, exzellente Editionen mitunter auf den Weg kommen, aber ein wirklich charaktervolles Programm liegt jenseits der Möglichkeiten.

          Das ist vielmehr die Chance kleinerer Verlage, obwohl da wiederum andere Gefahren drohen: das Abgleiten in Liebhabereien und allzu enge Segmente, die Bescheidung auf zu schmale Programme, die zu große Abhängigkeit von vorfinanzierten Projekten. Was es braucht, ist vielmehr ein kleines Haus, das durchaus professionell, also gut kalkulierend, die Vorteile seiner im Vergleich zu den größeren Häusern bescheidenen Gemeinkosten und geringeren notwendigen Durchschnittsauflagen nützt – und zwar für ein stattliches Programm mit Profil und Überraschungen.

          Die Facetten eines Programms

          Womit wir beim Verlag Matthes & Seitz Berlin angekommen sind, der mittlerweile zehn Jahre alt ist. Denn auf ihn passt unsere Beschreibung: ein kleines Team rund um den Verleger Andreas Rötzer macht ein exzellentes, facettenreiches und anspruchsvolles Programm, dessen Titelzahl mittlerweile fast mit Hauptprogrammen großer Häuser gleichzieht. Es ist ein Programm, in dem vieles zusammenkommt. Die Verbindungen zum alten Münchner Verlag Matthes & Seitz, der Autoren pflegte, die nach der reinen Lehre der zweiten Frankfurter Schule zumindest als verdächtig zu gelten hatten, wurden durchaus nicht einfach gekappt. Die Tradition ist spürbar, auch in der Aufmerksamkeit für französische Autoren, hat aber alle Verbissenheit verloren. Zumal gleichzeitig vieles andere hinzugekommen ist.

          Da stehen ältere und neue philosophische Titel neben Wiederentdeckungen französischer Literatur, Wissenschaftsgeschichtliches neben einer breit angelegten Essay-Reihe, ambitionierte Analysen gesellschaftlicher Tendenzen neben Büchern über Literatur (mit Übergängen ins literarische Programm) und Kunst und zur jüngeren Geschichte. Große Editionen gehören dazu, wie die Werkausgabe von Warlam Schalamov oder auch die ungekürzte  Ausgabe von Jean-Henri Fabres „Entomologischen Erinnerungen“. Und natürlich die „Naturkunden“, für die Fabre schon ein Auftakt war, und die ein gut gewähltes thematisches Segment mit Sinn für exzellente Ausstattungen verknüpfen.

          Die Tugend der Nüchternheit

          Kurz, es ist ein Verlag, wie man ihn sich wünscht, offen für vielfältige Entdeckungen, die sich doch zu einem Gesamtprogramm fügen, das seinerseits die Titel trägt. Zehn Jahre ist gar keine lange Zeit, um einen solchen Effekt zu erreichen. Und weil dieser Erfolg für sich spricht, muss der Verleger auch gar nicht zu abgenutzten missionarischen Maximen wie den eingangs angeführten greifen. Er besticht vielmehr durch Nüchternheit.

          Dass der promovierte Philosoph, der schon während des Studiums Erfahrungen – noch dazu international – mit dem Buchgeschäft sammelte, als Buchhalter bei Axel Matthes begann, gehört dazu. Bei einem Zeitungsinterview fiel einmal die mitleidvolle Frage, wie er das denn ertragen habe. Darauf der mittlerweile mit einigen Preisen geehrte Verleger: „Ich fand es schön. Buchhaltung muss aufgehen. Tut sie es nicht, haben Sie einen Fehler gemacht. Aber dieser Fehler ist auffindbar. Sie können ihn korrigieren. Das ist etwas sehr Schönes.“

          Monsieur Teste als Verleger? Auf jeden Fall zerstoben, als wir diese Antwort lasen, noch die letzten Zweifel über die Zukunft dieses Verlags – und wir gratulieren spät, aber immerhin im Messetrubel, und mit einer tiefen Reverenz zum zehnten Geburtstag.

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