http://www.faz.net/-hmh-88yhp

Weltliteratur bei Youtube : Ohne Video wäre mein Abitur im Eimer

Aus dem „Werther“: „Sag mal Lotte, wer ist eigentlich dieser Albert? Ein junger Mann, mit dem ich so gut wie verlobt bin!“ Bild: Youtube

Wir haben weder Zeit in Ruhe zu Essen, noch die Ruhe im Sitzen zu Trinken. Da wird man wohl kaum Zeit für einen 800 Seiten dicken Roman haben. Am besten wird auch der gleich „to go“ serviert: Nachgespielt mit Playmobil auf Youtube.

          In der Reclam-Ausgabe umfasst Theodor Fontanes 1894 veröffentlichter Roman „Effi Briest“ 347 Seiten, die sich nicht kurzerhand weglesen lassen. Michael Sommer erklärt den Inhalt auf seinem Youtube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“ anhand von Playmobilfiguren und wechselnden Bühnenbildern in kurzweiligen elf Minuten. Geschmeidig in den Alltag integrierbare Literaturvermittlung! Was sich hinter dem Begriff „to go“ verbirgt, klingt ungefähr so: Effi ist süße siebzehn, sie hat super, super Eltern, die sie total abgöttisch lieben. Dann kommt der Baron von Innstetten, ein ehrgeiziger Landrat, auch supertoll. Er will Effi heiraten, und Effi findet, solange Innstetten adlig ist, gut aussieht und Karriere macht, sei doch alles klar, Daumen hoch, es wird geheiratet. Es geht also bei Fontanes Roman um „love and marriage - oder besser: Ehe ohne Liebe, aber mit Moral“.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dann gibt’s noch den „Ladies Man“ Major Crampas. Als Effi und Crampas einmal in einer Kutsche sitzen und durch einen dunklen Wald fahren, geschieht es: Der Major fällt über sie her. Bald aber ziehen Innstetten und Effi nach Berlin, wo Innstetten dummerweise Crampas’ Liebesbriefe an Effi findet, sich mit dem Major duelliert und kurzerhand von Effi scheiden lässt. Die stirbt an gebrochenem Herzen, woraufhin ihre Eltern „ein bisschen blöd gucken“.

          Oder nehmen wir Goethes Werther, den Michael Sommer in zehn Minuten abhandelt. Eine der besten Szenen ist der Auftritt Klopstocks - verkörpert von einer Playmobilfigur mit weißem Haupthaar, grüner Weste und roter Hose, die vor einem Landschaftspanorama steht: „Äh, guten Tag, meine Name ist Klopstock und in meiner Ode ,Die Frühlingsfeier‘, um die es hier Werther und Lotte geht, geht es um die erhebende Erfahrung eines Frühlingsgewitters, darum, wie ein Tropfen am Rand eines Eimers hängt, um die Frage, ob Käfer eine Seele haben und ob der Blitz jetzt in unser Haus einschlägt oder nicht, vielen Dank.“

          „Sommers Weltliteratur to go“ entstand aus einem Zufall heraus: Im Herbst 2013 sah sich Sommer, Regisseur, Autor und Dramaturg, mit der Aufgabe konfrontiert, am Theater Ulm zur Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ eine Einführungsveranstaltung zu halten, den Inhalt des Stücks zu erklären, kurz und unterhaltsam. Wie spielerische Wissensvermittlung anhand von Playmobilfiguren funktioniert, wissen wir, seit Harald Schmidt es Ende der neunziger Jahre in seiner Show geradezu genial vorgeführt und beispielsweise die Eroberung des Mondes sowie die Französische Revolution mit allem Drum und Dran nachgespielt hat.

          Michael Sommers kleinen Film jedenfalls sahen sich immer mehr Menschen begeistert an, die Zahl stieg auf knapp dreißigtausend, und im vergangenen Januar begann schließlich „Sommers Weltliteratur“-Reihe. Seit kurzem arbeitet Sommer mit dem Reclam-Verlag zusammen, nun soll jede Woche ein neues Video hinzukommen. Die To-go-Version von Homers „Odyssee“ - „Ah, Sirenen, alle Ohropax in die Ohren und mich an den Mast binden!“ - ist nicht unter vierzehn Minuten zu haben. Und für James Joyce („Ulysses“) muss man bereits neunzehn Minuten investieren, was freilich immer noch ein Klacks ist. Dafür lernt man die „Buddenbrooks“ in lächerlichen neuneinhalb Minuten kennen.

          Wer er selbst ist und wer sein Zielpublikum, erklärt Sommer in einem Video, während auf seinem Schoß ein Hund sitzt. Theater und Literatur seien schön, sagt er, für den Hausgebrauch aber deutlich zu lang. Würden wir noch im neunzehnten Jahrhundert in Schweden oder sonstwo abgeschnitten von der Zivilisation leben, hätten wir vielleicht Zeit, einen 800 Seiten starken Roman zu lesen, in dem noch nicht einmal eine Fantasy-Figur vorkomme. Wonach sich der gehetzte Mensch demnach sehnt, selbst in der Welt der Literatur, deren Kern der To-go-Kultur zuwiderläuft, ist die totale Vereinfachung. „Verhackstücktes“ nennt Sommer selbstironisch seine Videos.

          Leseerlebnis oder Lesequal?

          Den überforderten Menschen, der ein treuer Fan von „Sommers Weltliteratur to go“ ist, stellt man sich am besten als Schüler vor, dessen Alltag durchgeplant ist, weshalb ihm die Lese- und überhaupt die Zeit ständig davonzulaufen scheinen. „Wir brauchen eine knackige Kurzversion, die alles Wichtige enthält und sich mit bunten Bildern in unsere Großhirnrinde einbrennt“, sagt Sommer. Seine Gemeinde dankt es ihm und postet Kommentare wie: „Vielen, vielen Dank für dieses Video :D Das hat mir meinen Lektüretest auf jeden Fall gerettet“, oder: „Sehr schön, dass es diese Zusammenfassungen gibt! Ich habe da nämlich echt Probleme derartige Bücher zu verstehen. Also ich bin auch wirklich nicht lese-faul oder so ;-) gäbe es dieses Video nicht, dann wäre meine Abiturnote völlig im Eimer nur wegen meiner Deutschnote.“

          Der eine oder andere Bildungspessimist wird sich bei der Vorstellung von Schülern, die sich Schiller oder Goethe per Playmobilfiguren erklären lassen - in einem Tempo, in dem man nicht einmal ein Big-Mac-Menü vertilgen würde -, gewiss die Haare raufen. Natürlich kann man sich fragen, ob bei dieser unerhörten Weltliteraturverhackstückung das Leseerlebnis (oder ebendie Lesequal), das Erarbeiten eines komplizierten Stoffes, das tiefe Eintauchen und die ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Werk nicht auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig gilt, dass für Interpretationsfragen in erster Linie der Unterricht da ist.

          Deutlich anregender als Wikipedia, wo Schüler häufig schnelle Erklärungshilfe suchen, sind Sommers Videos allemal. Sie sind geistreich, witzig, unterhaltsam und mit Akribie sowie einem großen Visualisierungsgespür gedreht. Man werfe nur einmal einen Blick in die Folge „Homo Faber to go“, für die Sommer unter anderem ein Papierflugzeug gebastelt, darauf die Typenbezeichnung Super-Constellation geschrieben und es dann vor einem Bild mit Sanddünen plaziert hat. Selbst Harald Schmidt, dem Meister des Playmobilspiels vor der Kamera dürfte das gefallen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Glyphosat, angezählt

          Streit um Herbizid : Glyphosat, angezählt

          Ein brisantes Thema der vergangenen Jahre könnte in der kommenden Woche ein Ende finden. In Brüssel stimmen die Staaten über die weitere Zulassung für das Herbizid ab. Bleibt Deutschland Enthaltungsweltmeister? Die Befürworter von Glyphosat in der EU werden weniger.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.