F.A.Z.-Buchmessekrimi 1/3 : Der Duft der Bücher: Die Wahrheit im Morgenlicht
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„Der ganz alte Mann und die Mär“ – der erste, zutiefst beleidigende Schuss vor den Autorenbug gleich in der Überschrift. Denn niemals könne ein solcher oder ähnlicher Verlag wie der vorliegende, auch nur in die Nähe dessen kommen, was man ansatzweise als Literatur bezeichnen könne. Weiter ging es mit widerlichen Vokabeln wie „selbstverliebtes Geschreibsel eines liebestollen Zausels“, „dilettantische Diarrhöe“ oder „fehlertriefendes Fastdeutsch“. Dann kamen Sprüche wie „nur ein kleiner Sprung vom Pathos zur Pathologie“, „aber auch bei der Erotik entwickelt de Boucher seinen ganz eigenen Stil: erinnert sehr an die Klappentexte von Porno-Videos…“ und „leidenschaftlichere Momente und noch größere Gefühle habe ich nur beim Anfertigen meiner letzten Steuererklärung erlebt“.
Eine Unverschämtheit!
Gab es denn niemanden mehr bei diesen Medien, denen eine ehrliche Besprechung am Herzen lag? In was für einer traurigen Welt lebte er bloß?
„Eine Eloge auf die Liebe, nobelpreisverdächtig erzählt“ – DAS wäre die seinem Roman angemessene Überschrift gewesen.
Es war ja nicht nur so, dass er das schriftstellerische Einmaleins im Schlaf beherrschte. Spiel mit der Sprache, bildhaftes Erzählen, alles Quatsch, die Leser wollten Subjekt, Prädikat, Objekt und klare Worte. Gerne hier und da mit einer schnörkelhaften Formulierung versehen, solange die nicht vom Inhalt ablenkte.
Eine wundervolle Frau behängte man ja auch nicht über und über mit teuren Fetzen und Klunkern, nein, man ließ ihre natürliche Schönheit strahlen, half bestenfalls an einigen, nicht ganz perfekten Stellen dezent nach. Eine Schreckschraube hingegen blieb eine Schreckschraube. Ganz gleich, in was man sie hüllte.
Gérard de Boucher blickte zu der Frau im unscheinbaren Kleid und mit einem billigen Koffer, die sich anschickte, sein Abteil zu betreten. Er starrte sie böse an. Die Frau zog die Tür zum Abteil schnell wieder zu. Er nickte. Entschlossen.
Diese Schmach würde er nicht ungesühnt lassen. Die Tage des Herrn Möchtegern-Kritikers, an denen er seine Gülle über kostbare Bücherschätze wie den seinen ausschüttete, waren gezählt.
Allein um Amélies Willen. Seine große Liebe und die Hauptfigur in seinem zukünftigen Bestseller. Bevor er ihr begegnete, hatte er nicht an die Existenz von Engeln geglaubt. Nun wusste er, wie falsch dies gewesen war.
De Boucher schloss die Augen, er atmete genüsslich ein, sein Herz wummerte und in seinen Lenden machte sich ein Frühlingsgefühl breit. Exakt so hatte er es in seinem Weltklasseroman ausgedrückt.
Amélie, das zarteste Wesen, zarter als die Cremefüllung seiner Nachtschokolade.
Amélie, die Frau mit einem Teint, so weiß wie die frisch geschlagene Sahne auf seinen Erdbeertörtchen.
Konnte man es lyrischer sagen?
Gérard de Boucher schüttelte seinen massigen Schädel. Er hatte die richtigen Worte gefunden, weil er wusste, dass Liebe durch den Magen ging. Nicht seine Schuld, wenn die rothaarige Furie des Möchtegern-Kritikers lieber Dinkelkekse buk, statt ihrem Mann ein richtiges Steak in Pfanne zu hauen und so dessen Sinne für das Wahre und Schöne im Leben verkümmern ließ.
Solche Leute gehörten nicht an die Tastatur. Oh nein! Und dieses Getue mit dem Nase-im-Buch, bevor es losging. Was für eine abgeschmackte Masche. Aber auch perfekt für seine Idee…
De Boucher grinste vielsagend, nahm seine Reisetasche auf den Schoß und tätschelte sie. Solche Leute gehörten aus der Literaturwelt getilgt, wie wucherndes Unkraut aus dem Blumenbeet.
Und er, Gérard de Boucher, würde das Vernichtungsmittel sprühen.