http://www.faz.net/-hmh-7uy9j

Bilanz der Buchmesse 2014 : Autoren müssen zum Glück nicht diplomatisch sein

Da freuten sich viele mit: Jo Lendle, seit Anfang dieses Jahres verlegerischer Geschäftsführer des Hanser Verlags, kurz nach der Bekanntgabe des Nobelpreises für Patrick Modiano, den Autor seines Hauses Bild: Röth, Frank

Die Buchmesse zeigt sich in diesem Jahr einig: in der Freude über den Literaturnobelpreis, im Ärger über Amazon, im Protest für die Klagenfurt-Jurorin Daniela Strigl. Und alle bewundern Finnland.

          Es sind wirtschaftliche und politische Themen, die in diesem Jahr Gespräche und Podien der Buchmesse dominieren. Dass die Eröffnungsveranstaltung mit Finnland, einem eigentlich eher friedlichen Völkchen, nicht in unpolitischer Putzigkeit untergeht, ist vor allem der finnisch-estnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen zu verdanken. Kleine Länder und kleine Sprachen können ihr Nischendasein ins Unerträgliche glorifizieren, wie es auch in den ersten unabhängigen Republikjahren mit der „Finnlandisierung“ geschah. Und wer oder was echt finnisch oder, noch schlimmer, unfinnisch ist, das entscheiden doch immer die Falschen. Das sei jedoch, so Oksanen, kein Grund, alles im Sinne einer Imperienbildung niederzuwalzen. Denn nur wer in seiner Sprache spricht und schreibt, verschafft sich als Kulturvolk Gehör.

          Die finno-ugrischen Völker, die momentan das Pech haben, auf russischen Bodenschätzen zu siedeln, können das nicht, denn jede kulturelle Eigenständigkeit werde ihnen in Moskau als Angriff auf den Staat Russland ausgelegt. Allenfalls ein bisschen Trachtentragen sei ihnen erlaubt, berichtet Oksanen, womit die Kultur zur Kulisse verkomme.

          Oksanen macht aus ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Politik Putins keinen Hehl. Man müsse ihn auf seinem Kurs unbedingt stoppen - das gilt in ihren Augen nicht nur für die angesprochenen finno-ugrischen Minderheiten, sondern auch für die Ukraine. Heute zweifelt niemand mehr Finnlands Eigenständigkeit an, und doch hat das Land über Jahrhunderte hinweg abwechselnd zu Schweden und zu Russland gehört und lange um seine Identität ringen müssen. Diese Eigenständigkeit soll auch der Ukraine zugestanden werden, da ist Oksanens Haltung klar. Schriftsteller hätten den großen Vorteil, nicht diplomatisch sein zu müssen, sagt sie bei einem Mittagessen ihres Verlags Kiepenheuer und Witsch. Und sie nimmt sich bei jedem Gespräch auf der Messe die Freiheit, sich so deutlich zu äußern, wie es ihr angemessen erscheint.

          Erst im finnischen Pavillon, einer minimalistischen Eishöhle aus Stoff und Licht, wird es mit den Mumins der Schriftstellerin und Illustratorin Tove Jansson doch wieder ein bisschen putzig. Aber das nimmt man ebenso gern hin wie den Rest der gastlandflankierenden Sauna- und Wodkaklischees inklusive des ewigen Tangos. Ein Finnland-Auftritt ohne Mumins und Wodkas wäre ja doch eine allzu traurige Angelegenheit. Angesichts der polarisierenden Rede Sofi Oksanens einerseits und der Mumins andererseits bleibt dieses Jahr auch sämtliches Gebrummel in Sachen „Das mit dem Gastland ist doch eh überholt“ aus. Man könnte auch sagen: Finnland hat einen ziemlich überzeugenden Auftritt hingelegt.

          Der Netz-Konkurrent Amazon

          Das zweite große Thema, das sich bereits im Vorfeld andeutete und in mehreren Eröffnungsreden manifestierte, ist der Umgang mit dem Großmonopolisten aus dem Internet. Dieses Netz hat es ja so an sich, Branchen vor Herausforderungen zu stellen. Eine der eher stärker herausgeforderten Branchen sind Buchverlage und Buchhändler, und zwar gleich an mehreren Fronten. Der Großmonopolist aus dem Internet nämlich würde sie am liebsten gleich alle miteinander ersetzen, zudem hat sich noch keine wirklich befriedigende Lösung in Sachen E-Books herausgebildet. Zwar wird die Tolino-Allianz immer größer, zuletzt holte man auch Libri mit ins Boot, aber ob sie sich gegen den übermächtigen Konkurrenten Amazon mit seinem Kindle-Rundumpaket durchsetzen kann, bleibt fraglich.

          Auch bei Autoren und Verlagen macht sich Amazon gerade nicht sehr beliebt. Dazu kann man zum Beispiel Tobias Kiwitt befragen. Er ist Vorstandssprecher des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen und einer der Verfasser eines offenen Briefes an Amazon. „Autorinnen und Autoren für einen fairen Buchhandel“ nennt sich die Initiative, die von dem Internet-Großhändler ein Einlenken im Konditionenstreit fordert. Zur Erinnerung: Amazon fordert einen fünfzigprozentigen Anteil an E-Book-Erlösen, und wer dagegenschießt, wird sanktioniert - die Verlagsgruppe Bonnier, die nicht mehr als dreißig Prozent abgeben will, muss etwa mit tagelangen Lieferverzögerungen zurechtkommen. Auch in den Empfehlungslisten - die beliebte Spalte „Das könnte Sie auch interessieren“ - tauchten Bonnier-Bücher für einige Zeit nicht auf.

          Angebote für Selbstverleger

          „Das spüren die Autoren“, sagt Kiwitt. Beim Bonnier-Verlag Carlsen etwa seien gerade viele junge Autoren auf diese digitalen Empfehlungen angewiesen. Inzwischen haben die Initiatoren um die zweitausend Unterschriften gesammelt, noch auf der Buchmesse soll der offene Brief an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters übergeben werden. Amazon schweigt derweil vornehm zu allen Anwürfen und möchte sich auch auf keinem Podium zu dieser Angelegenheit äußern.

          Unterdessen bemüht sich der Internetbuchhändler redlich, den E-Book-Markt in seine Hände zu bekommen. Besonders aktiv ist er in Gestalt der Tochterfirmen Kindle Direct Publishing („Da laden Sie ein Word-Dokument rein und drücken auf ,Veröffentlichen‘“) und des Dienstleisters Create Space. Beide rühren die Werbetrommel auf der Selfpublisher-Plattform der Messe, einem bunten Eck, in dem sich rührend Selbstgedichtetes neben Fanfiction tummelt, während gleich daneben zahlreiche Anbieter Professionalisierung in Sachen Lektorat, Gestaltung und Marketing anbieten. Die Bühne wird in schöner Regelmäßigkeit von „erfolgreichen Autoren“ bespielt, deren Namen man, bis auf Nele Neuhaus vielleicht, noch nie gehört hat. Sie geben ganz rührende Tipps fürs eigene Buch: immer jemanden drüberlesen lassen, bei Autorenforen im Internet anmelden, das Cover lieber nicht selbst malen, auch wenn man sich für begabt hält. Es ist eine naive, sich ständig widersprechende Mischung aus Marktgängigkeit und Eigensinn. „Qualität fängt für mich in dem Moment an, wo ich überlege, was für ein Buch schreibe ich jetzt?“, sagt etwa der Autor Daniel Morawek auf einem dieser Podien. Ja, es ist sicher schön, wenn man sich das vorher überlegt.

          Lob für die Nobelpreisentscheidung

          Schön ist es auch, wenn sich Verleger freuen. Besonders schön freute sich Jo Lendle, seines Zeichens Chef des Hanser Verlags, über den Literaturnobelpreis. Eigentlich habe er ja noch am Vortag auf ihn wetten wollen, sagt er, aber so etwas kann man hinterher ja immer sagen. Er hat nicht gewettet, er hat nicht einmal Bücher des Autors am Stand gehabt, was aber alsbald nachgeholt wurde. Kaum jemand hatte den französischen Schriftsteller Patrick Modiano auf dem Plan, aber alle, die etwas von ihm gelesen haben, lobten ihn in den höchsten Tönen. So herrschte an der Nobelpreisfront seltene Einigkeit und eitel Sonnenschein.

          Aber gibt es denn keine schönen Skandale aus der Literaturwelt? Für literaturaffine Menschen besteht der größte Skandal der Messe natürlich im Rücktritt der Literaturkritikerin Daniela Strigl aus der Jury des Bachmann-Preises. Wie man aus wohlinformierten Kreisen hören konnte, hat es sich wohl so zugetragen, dass Strigl im Frühjahr der Vorsitz der Jury angetragen worden sei. Nach nur kurzer Zeit der Ziererei habe Strigl zugesagt. Kurze Zeit später lud man sie wieder aus. Inzwischen, so ließ der ORF verlautbaren, habe ja auch schon ihr Jurykollege Hubert Winkels für den Vorsitz zugesagt. Winkels hingegen sagt selbst, er habe gar nichts zugesagt. Der ORF steht nun ohne Juror da, hat zwei Kritiker brüskiert und sich selbst hübsch blamiert. Das Schlimmste aber ist der Verlust von Daniela Strigl, einer stets fairen und ausgewogenen Kritikerin.

          Der Auftritt Helmut Kohls

          Die protestgestählten Fans des Wettbewerbs, die bereits eine vollständige Abschaffung erfolgreich verhindern konnten, zögerten auch diesmal nicht lange. Ein offener Brief wurde verfasst, Kathrin Passig und Clemes J. Setz dichteten Lobpreisgedichte auf La Strigl, und der halbe deutsche Literaturbetrieb noch nicht ganz verrenteten Alters unterschrieb - allen voran Hubert Winkels. Die Situation scheint verfahren, aber vielleicht schafft es der ORF, sich noch erweichen zu lassen. Am Bewerb schraubt man nicht herum, den Bewerb erhält man! Frau Strigl zumindest ließ ausrichten, sie habe sich über die Solidaritätsadresse sehr gefreut.

          Natürlich schwemmte es im Rahmen fragwürdiger Publikationsprojekte auch eine ganze Menge Menschen auf die Buchmesse, die auf eine jenseits des Betriebs gültige Prominenz verweisen können. Der Rapper Cro etwa lief herum. Die Sängerin LaFee trällerte an irgendeinem Ständchen vorbei. Und dann war da noch das mit großem Abstand unwürdigste Spektakel, das die Messe seit langem gesehen hat: der Auftritt von Helmut Kohl am Droemer-Stand. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Fototermin sein, aber bereits eine halbe Stunde vorher war schon alles dicht, die Fotografenmasse lappte bis in den Rowohlt-Stand hinein und legte das Geschehen in Halle 3.1 für längere Zeit lahm. Der Altkanzler wurde im Rollstuhl hineingeschoben, zur Rechten seine Gattin Maike Kohl-Richter, zur Linken Kai Diekmann von der „Bild“-Zeitung.

          All das war nicht so schlimm wie die anschließende Ansprache Kohls, die kaum jemand verstand, zu undeutlich spricht der schwerkranke Altkanzler mittlerweile. Der Applaus war höflich, das Schweigen betreten, die Scham, die alle Anwesenden erfasste, groß. Es war eventuell keine gute Idee des Droemer-Verlags, das Best-of der Kohl-Erinnerungen mit der Hauptperson zu bewerben, sorgte aber für viel Wirbel. Es wäre schön, wenn es darauf nicht ankäme. Es wäre schön, wenn es vielmehr auf Form und Würde ankäme. Und natürlich auf Inhalte, um mit der Lieblingsforderung der letzten Jahrzehnte zu schließen. Eine Forderung, die die Buchmesse aber vermutlich nie einlösen wird, denn sie ist ja doch eine Verkaufsveranstaltung. Wenn es gelingt, den Verkaufsprozess wenigstens ohne unwürdige Auftritte über die Bühne zu bringen, wäre das fürs Erste schon ein Fortschritt.

          Weitere Themen

          Sie kann sich an überhaupt nichts erinnern

          „Homecoming“ bei Amazon : Sie kann sich an überhaupt nichts erinnern

          In der dystopischen Thrillerserie „Homecoming“ spielt Julia Roberts so groß auf, wie wir es von ihr aus dem Kino gewohnt sind. Die Geschichte handelt vom Umgang Amerikas mit seinen Veteranen, einer Verschwörung und Gedächtnislücken. Sie basiert auf einem Podcast. Dessen Klangwelt setzt die Serie kongenial um.

          Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum Video-Seite öffnen

          Trubel auf dem Römer : Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum

          Zahlreiche Schaulustige warteten auch dieses Jahr am Römer auf den Frankfurter Weihnachtsmarkt. Das 30 Meter hohe Prachtexemplar kommt diesmal aus dem Spessart. Auch die Einsatzkräfte zeigten sich zufrieden. Das Aufstellen gelang reibungslos.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Gesines Geist

          Amerika entdeckt Uwe Johnson : Gesines Geist

          Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ wurde 48 Jahre nach Erscheinen ins Englische übersetzt, und das Goethe-Institut macht großen Bahnhof in New York. Eine Figur wie Gesine Cresspahl kommt dort gerade zur rechten Zeit.

          Topmeldungen

          Alice Weidel lehnt einen Rücktritt wegen der illegalen Spenden ab.

          Geld aus der Schweiz : Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende

          Alice Weidels Sprecher bestätigt die bewusste Verwendung des Geldes. Die illegale Spende soll für die Finanzierung von Facebook-Likes und für einen Medienanwalt genutzt worden sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.