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Veröffentlicht: 07.10.2014, 12:32 Uhr

Zum Tod von Siegfried Lenz Ein Virtuose der Nachsicht

Scheitern und Vergeblichkeit waren seine Motive, frei vom jedem Zynismus: Siegfried Lenz, Autor der „Deutschstunde“, Freund von Marcel Reich-Ranicki und Helmut Schmidt, ist tot. Ein Nachruf.

von Wolfgang Schneider
© Barbara Klemm Siegfried Lenz, 17. März 1926 bis 7. Oktober 2014

Fünfundzwanzig Millionen Exemplare soll die Gesamtauflage seiner Werke betragen. „Ohne Siegfried Lenz ist keine Bestsellerliste komplett“, seufzte ein Kritiker vor dreißig Jahren. Ja, es ist wahr, zum Lenz-Tonfall hatten viele Leser Vertrauen. Es ist ein gemütvoller Ton, der die Schicksale von nicht allzu außerordentlichen Menschen ernst nimmt. Die Figuren werden in Situationen der Bewährung geführt, in denen sie meist scheitern zum didaktischen Gewinn des Lesers. Wie Böll und Grass hat Siegfried Lenz den Roman zur moralischen Veranstaltung gemacht. In ihm „wohne ein geheimer Pädagoge“, meinte er einmal. Der blieb allerdings nicht lange geheim, sondern gab bald seine Deutschstunden in einem Klassenraum mit Millionen Lesern.

Bilder aus seinem Leben Freunde fürs Leben: Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki 1999 in der Frankfurter Paulskirche © Barbara Klemm Bilderstrecke 

Im Jahr 1968 veröffentlicht Lenz einen Roman, der den zentralen Konflikt der Studentenunruhen – den Protest gegen die Vätergeneration – ins literarische Bild setzt, mit einem Polizisten, einem Künstler-Verfolger, Malverbot-Überwacher in einer Hauptrolle. „Deutschstunde“ war eine neuartige Darstellung des Alltags im Dritten Reich, sie kam, wie die New York Times rühmte, ohne marschierende SS-Männer und plakatives Parolengebrüll aus: Die Nazizeit als friesisches Kammerspiel zweier Jugendfreunde, die durch die Zeitläufte zu Gegenspielern wurden. Wobei der Polizist Ole Jepsen kein bloßer Finsterling ist und der verfolgte Künstler Max Ludwig Nansen (nach dem Vorbild Emil Noldes gestaltet) durchaus seine Schattenseiten hat. Es ging Lenz um moralische Fragen, die sich am scheinbar abseitigen Schauplatz parabelhaft vergegenwärtigen ließen: Macht und Ohnmacht des Einzelnen, „Freuden der Pflicht“ und Spielräume des Widerstands, Schuld und Sühne. Dabei war „Deutschstunde“ im Tiefsten ein versöhnliches Buch, weil es die symbolische Zerschlagung literarischer Form nicht mitmachte und im altmeisterlichen Ton die Themen aufgriff, die die Jungen bewegten. Erst in diesem Frühjahr hatte eine Frankfurter Nolde-Ausstellung die Diskussion neuerlich entfacht, inwieweit die unkritische Haltung des Malers zum Nationalsozialismus den Roman von Lenz diskreditiere.

Eine vergessene Pioniertat

Eine leicht paradoxe Grundanlage hat auch der zweite große Roman von Siegfried Lenz. Mit überbordender Detailfülle errichtet der Erzähler Lenz ein literarisches Heimatmuseum. Doch schon auf der ersten Seite legt die Hauptfigur Zygmunt Rogalla Feuer an ihre masurische Sammlung, und der Roman liefert auf achthundert Seiten die Begründung, warum Rogalla seine mühsam über die Flucht geretteten Bestände lieber in Brand steckt, als sie den Vertriebenen-Organisationen zu überlassen.

Auch „Heimatmuseum“ war ein großer Erfolg beim Publikum. Aber die Kritik bewahrte keine Erinnerung an dieses Werk, sonst hätte sie nicht 2002 „Im Krebsgang“ von Günter Grass als Pionierleistung in der Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung rühmen können. Schon in Lenz’ Roman wird mit grausigen Eindrücken die Elendsfahrt eines Flüchtlingstrecks durch den eisigen Winter 1945 geschildert: das Chaos an der vereisten Ostsee, das furchtbare Gedränge im Kampf um einen Platz an Bord, die Bombardierungen. Schließlich schaffen es die Bürger der Kleinstadt Lucknow auf zwei Schiffe, eines wird kurz nach der Ausfahrt versenkt: „In der Feuerstille hörten wir den Schrei, einen einzigen Angst- und Weltuntergangsschrei.“

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