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Elif Shafak auf der Buchmesse : Patriarchat für Fortgeschrittene

Auf die eine Wange geschlagen, auf die andere geküsst – und zwar gleichzeitig: So fühlt es sich an, türkische Schriftstellerin zu sein. Bild: Helmut Fricke

Elif Shafak wird von ihren Landsleuten entweder geliebt oder gehasst: mit der momentan wichtigsten türkischen Autorin auf der Frankfurter Buchmesse.

          Für den „Spiegel“ ist Elif Shafak „die emotionale Stimme einer gespaltenen Nation“ (2015), für die „NZZ“ die „wichtigste weibliche Stimme der türkischen Gegenwartsliteratur“ (2013). Im „Independent“ wurde die Schriftstellerin „die Stimme der türkischen Literatur“ genannt, in der „New York Times“ die „bedeutendste weibliche literarische Stimme der Türkei“ (2015). Und nun steht ein älterer Herr mit schwarzer Fliege vor Elif Shafak und sagt: „Ich habe Sie an Ihrer Stimme erkannt“. Ömer Gezer stammt aus Ankara und ist Barchef im „Steigenberger Hotel Frankfurter Hof“. Formvollendet wie es sich hier gehört, hat er Elif Shafak gerade einen Tee serviert, ohne seinem Gast direkt ins Gesicht zu schauen. Doch nun, sie will gerade gehen, spricht er sie an.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er verehre sie, sagt Ömer Gezer, und es erfülle ihn mit Stolz, dass es türkische Schriftsteller wie sie gebe. Er habe alle ihre Bücher gelesen, nur für jenes, das gerade erschienen ist, habe bisher die Zeit gefehlt. Elif Shafak, eine elegante Erscheinung mit rotbraunem Haar und grau-grünen Augen, lächelt, ihre Freude über diese Begegnung ist echt. Nicht sie, die eigentlich schon längst in einem Taxi unterwegs zur Buchmesse sein sollte, beendet schließlich das Gespräch, sondern Gezer, er muss zurück hinter die Bar. Elif Shafak verspricht, ihm abends, wenn sie ins Hotel zurückkommen wird, ein Exemplar von „Der Geruch des Paradieses“ an die Bar zu bringen.

          Was eine Frau auf ihrem Kopf trägt, ist egal

          Elif Shafak hat eine warme, klare Stimme. Sie ist eine Stimme, die im Gedächtnis bleibt, nicht nur literarisch. In der Türkei gehört sie zu den meistgelesenen Autorinnen, ihre Werke wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Shafak, die 1971 geboren wurde und in Istanbul und London lebt, schreibt auf Türkisch und auf Englisch – über die Liebe, über Minderheiten, über Frauen im Patriarchat, und sie schreibt über die Möglichkeit von Gott. Sie ist eine der wenigen türkischen Intellektuellen, die sich um die Überwindung der gesellschaftlichen Polarisierung in der Türkei bemühen. Beispiel Kopftuch: Anders als den meisten Menschen in der Türkei geht es Shafak nicht darum, was eine Frau auf dem Kopf trägt, sondern was darin geschieht.

          Wir steigen in das Taxi, es ist die nächste Begegnung mit einem Deutsch-Türken auf engem Raum. Vielleicht erkennt auch er die Schriftstellerin, vielleicht auch nicht. Er schaut kurz in den Rückspiegel und schaut wieder weg. Von Türken wird Elif Shafak leidenschaftlich geliebt oder leidenschaftlich gehasst, je nachdem, ob sie liberal oder ob sie nationalistisch und islamistisch sind. „Türkische Schriftstellerin zu sein bedeutet, ständig das Gefühl zu haben, auf die eine Wange geküsst und auf die andere geschlagen zu werden – und zwar gleichzeitig“, sagt Shafak.

          Als 2006 ihr „Der Bastard von Istanbul“ erschien, ein Roman, dessen Thema die Vertreibungen, Schikanen und der Völkermord an den Armeniern ist, tobten türkische Nationalisten, durch Shafaks Adern fließe armenisches Blut, und zerrten sie wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ vor Gericht. Shafak wurde freigesprochen. Auch „heimliche Jüdin“ und „heimliche Kurdin“ wurde sie schon genannt, neuerdings auch „Pornostar der britischen Imperialmächte“. Der Grund: Ihr 2014 erschienenes Buch „Der Architekt des Sultans“ zeigt auf dem Cover einen Elefanten. Und der ist nun einmal ein Symbol des Britischen Empires – so funktionieren verschwörungstheoretische Gedankengänge in der Türkei.

          Was eine Frau auf dem Kopf trägt, ist egal – wichtig ist für Elif Shafak, was darin geschieht.
          Was eine Frau auf dem Kopf trägt, ist egal – wichtig ist für Elif Shafak, was darin geschieht. : Bild: Helmut Fricke

          Ist das nicht unglaublich ermüdend? Shafak seufzt: „Natürlich. Wie soll Redefreiheit existieren, wenn man als Autor ständig Gefahr läuft, derart angegriffen zu werden? Frauen in der Türkei haben es besonders schwer. Als männlicher Schriftsteller ist man einfacher Schriftsteller. Als Frau ist man jedoch als Erstes Frau, und dann erinnern sich die Leute vielleicht noch daran, dass diese Frau ja auch noch Schriftstellerin ist. Ich habe erlebt, wie Literaturkritiker, die nicht älter sind als ich, mich in ihren Rezensionen als „meine Tochter“ anredeten. Frauen sollen in der Türkei kleingehalten werden.“

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