http://www.faz.net/-hmh-88ykw

Rushdies Rede : Seid nicht sklavisch

Fanatismus der Gefühle ist auch dem Westen nicht fremd: Salman Rushdies mahnende Worte gelten auch uns. Bild: Frank Röth

Salman Rushdies Plädoyer für die Meinungsfreiheit als Zentrum der Menschenrechte zielt auf den Irrtum, dass Freiheit ein Merkmal privater Handlungen sei. Selbst Sklaven können feiern.

          Die Worte, mit denen Salman Rushdie die Frankfurter Buchmesse eröffnet, berühren eine politische Kernfrage. Wie stark machen wir uns in dem, was wir tun und sagen, abhängig von dem, was andere womöglich darüber denken?

          Der Kampf um die Meinungsfreiheit, der mit religiösen Eiferern ausgetragen wird, die ihre eigene Empfindlichkeit zum Maßstab aller Kommunikation erheben wollen, bietet nur das drastischste Beispiel. Fanatismus der Gefühle ist auch dem Westen nicht fremd. Ihm galt Rushdies Hinweis auf amerikanische Diskussionen darüber, ob Bücher mit beunruhigendem Inhalt nicht entsprechend gekennzeichnet werden sollten. In New York bewiesen jüngst Jurastudenten, wohin die Unfähigkeit zu sachlichen Einstellungen führt. Sie protestierten gegen Kurse über den Straftatbestand der Vergewaltigung, weil schon das Wort „rape“ Empfindungen verletzen könne. 2008 war ein Student aus Indiana des Rassismus bezichtigt worden, weil auf einem Buch, das er las, Mitglieder des Ku-Klux-Klans abgebildet waren - es handelte sich um ein Buch gegen den Ku-Klux-Klan. An der Rutgers Universität haben Studenten im vergangen Jahr verlangt, vor Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ zu warnen, weil darin ein Selbstmord vorkommt. An der Columbia Universität ereilten Ovids „Metamorphosen“ dasselbe Schicksal: zu viele sexuelle Übergriffe (von Göttern auf Menschen).

          Alles nur akademische Exzesse, die außer „political correctness“ auch noch emotionale fordern? Salman Rushdies Plädoyer für die Meinungsfreiheit als Zentrum der Menschenrechte zielt nicht auf Randerscheinungen - sondern auf den Irrtum, dass im Zentrum der Menschenrechte das Wohlergehen und das gute Leben stehen, in dem jeder möglichst viel von dem tun kann, was er will. Rushdies Landsmann, der Ideengeschichtler Quentin Skinner, hat darauf hingewiesen, dass das auch die Sklaven in den römischen Komödien können. Sie führen den Haushalt, gehen einkaufen, feiern Partys. Und bleiben dabei doch immer Sklaven, weil alles unter dem Vorbehalt steht, dass der Herr ihrem Treiben zustimmt.

          Freiheit, heißt das, ist kein Merkmal privater Handlungen, sondern das eines politischen Zustands. Genau darum ist die Meinungsfreiheit der Testfall: weil mit dem Eindruck, es gebe politisch Wichtigeres, die Selbstversklavung beginnt.

          Frankfurter Buchmesse : Salman Rushdie appelliert an die Meinungsfreiheit

          Weitere Themen

          Autokorso für Journalist Yücel Video-Seite öffnen

          Free Deniz : Autokorso für Journalist Yücel

          Die Bundesregierung hatte wiederholt die Freilassung Yücels verlangt. Amnesty International und die Demonstranten, sehen in seiner Inhaftierung einen Verstoß gegen die Menschenrechte.

          Paris kriegt nasse Füße Video-Seite öffnen

          Hochwasser : Paris kriegt nasse Füße

          Land Unter in Villeneuve-Saint-Georges, rund 16 Kilometer vom Zentrum der französischen Hauptstadt Paris entfernt. Starke Regenfälle haben die Pegel der Seine und ihrer Nebenflüsse stark ansteigen lassen.

          Topmeldungen

          Amokläufe : Trump regt Bewaffnung von Lehrern an

          Der Präsident sieht in der Bewaffnung von Schulpersonal ein geeignetes Mittel gegen Amokläufe. Auf Angreifer müsse zurückgeschossen werden können, sagte er zu Überlebenden des jüngsten Massakers.
          Der Prototyp Hyperloop One

          Mit dem Hyperloop : Von Washington nach New York – in 29 Minuten?

          Tesla-Chef Elon Musk lässt jetzt buddeln: Für ein futuristisches Verkehrskonzept darf der Visionär jetzt testweise in Amerikas Hauptstadt bohren. Es geht um nicht weniger als eine Revolution.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.