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Friedenspreis für Jaron Lanier : Ein „neuer Humanismus“ für die digitale Welt

Jaron Lanier, Liebhaber archaischer Instrumente, gibt bei der Preisverleihung eine Kostprobe an der laotischen Khaen-Flöte Bild: dpa

Dialektik der Hoffnung: Jaron Lanier nimmt in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Seine Dankesrede schwankt zwischen Furcht und Optimismus.

          Ungewohnte Töne erklangen an diesem Sonntagmorgen zum Ende der Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche: Jaron Lanier, der frisch gekürte Friedenspreisträger und leidenschaftliche Sammler alter Musikinstrumente, entlockte sie einer laotischen Khaen-Flöte aus Bambusrohren; es waren orgelhaft einlullende, teils aber auch verstörend dissonante Klänge.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war nicht ohne Hintersinn: In dem siebentausend Jahre alten Instrument nämlich erkennt Lanier eine Vorstufe des Computers und somit der digitalen Kultur, zu deren Pionieren er selbst gehört und zu deren großem Kritiker er sich mittlerweile entwickelt hat.

          Aus dieser also auch biographisch fundierten Grundspannung entwickelte er in seiner Dankesrede eine Dialektik des Digitalisierungszeitalters mit vielen teils bedrohlichen, teils erheiternden Szenarien und einprägsamen Sprachbildern, die wiederholt zu Zwischenapplaus führten.

          Gegen das reduktionistische Maschinendenken: Lanier bei seiner Dankesrede

          Zu seinen dunkelsten Ängsten gehöre die vor einem sogenannten „Rudelschalter“, der, wenn er umgelegt wird, den Menschen zum Wolf macht. Diese Rudelmentalität sei eine der größten Gefahren des Internets, sagte Lanier, und er verortete die Angst vor ihr auch im Rückblick auf seine eigene Familiengeschichte, in der viele Opfer des Holocaust zu verzeichnen sind: Die Rückschau auf den Nationalsozialismus verstärke seine Sorge, dass „das Internet als überlegene Plattform für plötzliche Massengewaltausbrüche von Rudeln oder Clans dienen könnte.“

          In einem technik- und ideengeschichtlich weiten Ausgriff versuchte Lanier in seiner Rede nicht weniger als eine Synthese im  Konflikt zwischen Fortschrittsoptimismus und tiefer Skepsis gegenüber der digitalen Kultur, der in seiner eigenen Lebens- und Publikationsgeschichte sichtbar wird und sich zuletzt auch in wichtigen Debattenbeiträgen für diese Zeitung sowie in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ manifestiert hat.

          Lanier thematisierte in der Paulskirche insbesondere die Veränderung des Mediums Buch, das von einem Erkenntnis- zu einem Überwachungsinstrument zu mutieren drohe: „Bücher haben uns immer geholfen, die Probleme zu lösen, die wir uns aufgehalst haben. Jetzt müssen wir uns selbst retten, indem wir die Probleme erkennen, die wir den Büchern aufhalsen.“ In Laniers Rede überwog aber doch die Hoffnung: Digitaler Kulturoptimismus sei trotz allem nicht verrückt, sagte er.

          Sand im Getriebe

          Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, hatte zuvor in seiner Laudatio Lanier als bedeutenden Vordenker und Analysten unserer Zeit gewürdigt und dies mit einem Appell für die Menschenrechte in der digitalen Welt verbunden.

          Zuvor hatte Heinrich Riethmüller, Vorstehender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Lanier in die Tradition des Lyrikers Günter Eich gestellt, in dessen Gedicht „Wacht auf“ es heißt: „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“.

          Mehr als Maschinen

          Der Geehrte selbst widmete seinen Preis ausdrücklich auch Frank Schirrmacher, dem im Juni gestorbenen Mitherausgeber dieser Zeitung, der erst wenige Wochen zuvor bei einer Gedenkveranstaltung in der Paulskirche geehrt worden war. Lanier nannte Frank Schirrmacher „eine Quelle des Lichts in unserer Zeit“ und sagte: „Er wird uns schrecklich fehlen.“

          In seiner Rede kam Lanier zuletzt auch auf die Idee zu sprechen, dass der Mensch seine digitalen Daten zu einem Mikro-Zahlungsmittel machen könnte - eine Idee, von der der Geehrte selbst einräumte, dass sie sehr kontrovers diskutiert werde.

          Immer wieder unterstrich Lanier jedoch sein Credo, dass Menschen „mehr sind als Maschinen und Algorithmen“, und er schloss, sichtlich bewegt, mit dem Satz: „Lasst uns die Schöpfung lieben.“

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