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Frankfurter Buchmesse : Mein erstes Mal

Ein großes Durcheinander: Messe-Neulinge fühlen sich schnell erschlagen. Bild: dpa

Der allererste Tag auf der Buchmesse fühlt sich an wie ein einziges überdimensionales, immer wieder von vorne beginnendes Daumenkino. Zum Lesen kommt hier nur eine.

          Ich war noch nie auf der Buchmesse. Hab’ noch nie so vielen Büchern den Rücken gekehrt, noch nie an so vielen Büchermenschen vorbeigeschaut. Bin noch nie auf dem Weg zu einem aserbaidschanischen Lyrik-Verlag falsch abgebogen und in eine Kochshow für Assistenzhunde geraten, hab’ noch nie beim Karl May Verlag nach der Auflage gefragt oder jemanden vom blauen Sofa aufstehen sehen. Und ein Taxi zum Frankfurter Hof, morgens um halb drei, hab’ ich auch noch nie genommen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber jetzt bin ich da. In Frankfurt. Beim größten Klassentreffen des Literaturbetriebs. Zum achtundsechzigsten Mal findet es statt. Wolf Biermann ist auch gekommen. In einer glänzenden Lederjacke steht er bei der Eröffnungsfeier im VIP-Bereich, seine vielseitigen Memoiren unterm Arm. Bücher helfen die Welt zu sortieren, säuselt vorne der Messedirektor, sie machen es einem leichter, Vielfalt, Auflösung und Überlappung zu akzeptieren. Leser können keine Wutbürger werden, verspricht Martin Schulz, ausgebildeter Buchhändler und Präsident des Europaparlaments, denn aus Literatur lerne man, welches Handeln gut und richtig sei. Feine Eröffnungsprosa fürs Protokoll. Wohlfeile Sätze, die dem Leser schon am ersten Tag auf die Nerven gehen. Aufregend ist Literatur doch gerade dann, wenn sie wilder ist, als es die Polizei erlaubt. Wenn sie auf gefährliche moralische Abwege führt, mit Konventionen bricht und voller Lust auch mit dem Falschen geht. Als handzahme Ordnungshüterin, Galionsfigur der Anständigen, schläfert sie sich nur selbst ein. Und ihre Leserschaft gleich mit.

          Dazu passt, dass laute Musik auf der Buchmesse untersagt ist. Rollschuhe sind auch verboten. Zumindest bei der Fortbewegungsart soll Gerechtigkeit herrschen: Wenn schon die einen in herrschaftlichen „areas“ mit integrierter Espressobar residieren, während die anderen sich in winzige Kabuffs ohne Bestuhlung zwängen müssen, sollen wenigstens die vielen Kilometer, die der durchschnittliche Messebesucher an den fünf Tagen zurücklegt, für alle gleich schweißtreibend sein. Seit den frühen Morgenstunden rennen die Menschen also von Halle zu Halle. Grußlos stolpern sie auf Rollbändern aneinander vorbei. Alle haben es furchtbar eilig, jeder fühlt sich ein bisschen wichtiger als der Vordermann, unersetzlicher als die Nebenfrau. Im ganzen Messegebäude herrscht Flughafenatmosphäre: Durchsagen dröhnen, Handkoffer rattern, und der Milchkaffee kostet drei Euro. Einen Großteil ihres Marketingbudgets investieren Verlage dafür, überhaupt hier zu sein. Um Umsatz kann es nicht gehen, und auch über Buchverträge und Lizenzen wird meistens schon vorher per E-Mail verhandelt. Worum es wirklich geht, ist Selbstvergewisserung. Einmal im Jahr stärkt sich hier eine Branche, der es schon lange nicht mehr gutgeht, indem sie tagsüber stolz ihre Cover präsentiert und abends Visitenkarten miteinander tauscht. „Lagerfeuer-Gefühl“ nennt das ein junger Lektor. Und eine erfahrene Pressefrau sagt: „Das meiste, was wir auf der Messe machen, machen wir eigentlich für uns selbst.“

          Zum Lesen kommt hier sowieso keiner. Nur die Garderobiere vor Halle fünf ist in ihr Taschenbuch vertieft. Und ein paar Mitarbeiter vom Simon-Wiesenthal-Institut soll es geben, die inkognito auf der Suche nach antisemitischer Hetze sind. Die lesen auch. Alle anderen lassen sich lieber Plots erzählen, am besten in drei Sätzen und mit einem Prädikatssiegel versehen. Oder sie setzen sich in eine der vielen Kurzlesungen, um Autoren live zu erleben.

          In der schönen Gastlandhalle der Niederlande und Flanderns kann man sich dafür in großartig designte Leseliegen fallen lassen. Aber vor allem die Zukunft interessiert natürlich alle. Am Stand von Amazon erfährt man, dass das erfolgreichste Thermomix-Kochbuch ohne Direct Publishing nie auf den Markt gelangt wäre. Im Bildungsareal in Halle vier kann man „social robots“ zusammenbauen, in der neuen Kreativabteilung der Messe einen 3D-Drucker beim Drucken beobachten. Wirklich zukunftsträchtig für die Branche aber ist nur einer: „Buchmaxe“. Die Plattform aus Darmstadt organisiert den Ankauf von gebrauchten Büchern.

          Und sonst? Am Stand des Porsche-Museums gibt es unerklärliche Farbflecke auf dem Teppichboden, bei Ullstein wird einem sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden ein Buch über die Adenauer-Zeit empfohlen, und bei Suhrkamp unterhalten sich Thomas Meinecke und Marcel Beyer über das traurige Schicksal anderer Autoren.

          So geht die Zeit rum: wie ein einziges überdimensionales, immer wieder von vorne beginnendes Daumenkino. Meinen ersten Tag auf der Buchmesse hab ich mir anders vorgestellt. Geheimnisvoller und aufregender. Ich dachte, dass hier Bücherwelten aufeinandertreffen, Kritiker und Autoren miteinander in Streit geraten oder zumindest einmal das W-Lan ausfällt. Aber jetzt weiß ich: Wenn der Betrieb zusammenkommt, werden die Bücher zur Betriebsmasse. Jetzt gehör’ ich auch dazu, bin Teil vom Kreis der großen Daumendreher. Heute Nacht sitze ich sicher in einem Frankfurter Taxi und sortiere meine Visitenkarten.

          Quelle: F.A.Z.

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