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Buchmessen-Gastland 2015 : Indonesien als literarische Schatzkammer

Bild: Andreas Brand

Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse: Indonesien wird 2015 als Gastland seine Literatur präsentieren. Sie ist besonders - vor allem in ihrer Darbietung.

          In einer zusammenwachsenden Welt gibt es immer weniger, das sich exotisch anfühlt. Selbst Neuseeland, von Deutschland fast so weit entfernt wie es nur geht, sorgte als Ehrengast der Buchmesse 2012 mit seinem Haka-Tanz für eher mildes Interesse. Schließlich kennt man ihn von sportlichen Wettkämpfen aus dem Fernsehen. Und auch die Darbietung von Literatur unterscheidet sich nur in wenigen Fällen von der hierzulande üblichen: Ein Mensch sitzt da und liest vor.

          Im nächsten Jahr bekommt die Buchmesse es aber mit einem Gastland zu tun, in dem das nicht die Regel ist. Auch fristet die Lyrik dort nicht nur ein Orchideendasein. „Die Lyrik ist ein besonders populäres Genre der modernen indonesischen Literatur“, erklärt der Malaiologe Berthold Damshäuser, der indonesische Sprache und Literatur an der Universität Bonn lehrt und für das indonesische Lyrikmagazin „Jurnal Sajak“ arbeitet. „Lyriklesungen finden häufig vor Hunderten von Zuhörern statt.“ Das Erfolgsgeheimnis dieser Veranstaltungen ist ihr Unterhaltswert: Die Lyriker deklamieren mit viel Pathos, und die Lesungen kommen fast einer szenischen Umsetzung gleich. „Sehr populär ist auch die Musikalisierung von Lyrik, in deren Rahmen Texte von Bands vertont werden“, sagt Damshäuser.

          Diese Musikalisierung durften die Besucher auf der diesjährigen Buchmesse gleich mehrfach erleben. Eine kleine Band spielte Lieder aus Java, bei denen das Publikum sogar mitsang. Und die balinesische Sängerin und Performerin Ayu Laksmi brachte die Geschichte „Arjunawiwaha“ zu Gehör: ein Stück Literatur aus dem elften Jahrhundert, das von den Verführungen handelt, denen der Prinz Arjuna während seiner Versenkung in die Meditation zu widerstehen hat. Sie spielte dazu auf einem vor allem in Java verbreiteten Instrument namens Penting, dessen neun Saiten mit einem  Plektrum angeschlagen werden. Die Tonhöhe hingegen erzeugt der Spielende mit Tasten. Dazu sang Ayu Laksmi die Verse, die anschließend von einer Dame ins Deutsche übersetzt wurden. Es klang gedehnt und melancholisch, ungewöhnlich und anmutig.

          Die Körperlichkeit, mit der die indonesische Literatur häufig vorgetragen wird, findet bei Afrizal Malna ihre Entsprechung beim Verfassen. „Wenn ich über einen Schritt schreiben will, muss ich meinen Körper fragen, wie das geht – und den Schritt einfach machen“, erzählte der 1957 in Jakarta geborene Schriftsteller auf der Messe. Dort brachte er auch seine Sorge um das nachlassende Interesse der Jugend an Literatur zum Ausdruck: „Für die jungen Leute sind Chatrooms das Wichtigste. Sie haben noch nicht gemerkt, wie wichtig es ist, die Welt um sich herum wahrzunehmen.“ Tatsächlich sind die Auflagen indonesischer Bücher für ein Land mit etwa 250 Millionen Einwohnern gering. So gut die Literatur als mündliches Genre angenommen wird, so schwierig hat sie es in gedruckter Form. Die Alphabetisierung spielt dabei keine Rolle; sie liegt bei mehr als neunzig Prozent. Der Roman „Die Regenbogentruppe“ von Andrea Hirata hält den Rekord als meistverkauftes indonesisches Buch – mit etwa fünf Millionen im eigenen Land verkauften Exemplaren.

          Dabei ist die Konkurrenz aus dem Ausland in Indonesien gering: Es wird wenig übersetzt. „Die deutsche Literatur zum Beispiel ist nur mit ein paar Dutzend Büchern vertreten“, berichtet Damshäuser. An sich ist die indonesische Literatur ohnehin vielfältig genug. Schließlich besteht das Land aus etwa 17.000 Inseln, in denen sich ganz unterschiedliche Kulturen entwickelt haben. „Indonesien ist eine literarische Schatzkammer. In dem Vielvölkerstaat gibt es Hunderte verschiedener Sprachen und Literaturen, darunter auch etwa ein Dutzend schriftsprachliche Literaturen mit zum Teil tausendjähriger Tradition wie etwa die javanische Literatur“, erklärt Damshäuser.

          Umgekehrt hat auch die Übersetzung indonesischer Literatur ins Deutsche, die gerade für einen Gastlandauftritt von großer Wichtigkeit ist, ihre Tücken. Das Indonesische entstand hauptsächlich aus der malaiischen Sprache und  wird häufig für einfach gehalten, weil es weder Modus noch Tempus aufweist. Doch das ist zugleich die Crux. Damshäuser, der selbst Literatur übersetzt, nennt ein Beispiel: „‚Ibu datang‘ kann grundsätzlich bedeuten: eine Frau, eine Mutter, die Frau, die Mutter oder die Mütter kommt, kommen, kam(en), werden oder würden kommen.“

          Was im Alltag die Verständigung vereinfacht, bedeutet für die Literatur eine semantische Diffusität. „Die Ambiguität des Indonesischen kann einen Übersetzer zur Verzweiflung treiben“, sagt Damshäuser. „Er ist zudem stets gezwungen, bei einer Übersetzung ins Deutsche die Bedeutungsvielfalt des Indonesischen einzuschränken. Implizites wird gezwungenermaßen explizit.“

          Die Verlagslandschaft in Indonesien ähnelt wiederum der deutschen: Einige große Häuser stehen neben vielen kleinen, die sich auf Literatur spezialisiert haben. Insgesamt sind es mehr als 1400 Verlage. Einen Unterschied gibt es dennoch: „Manche Schriftsteller haben einen Sponsor, der die relativ geringen Produktionskosten übernimmt“, erklärt Damshäuser. Unter den erfolgreichen Autoren sind zunehmend Frauen, die viele Bestseller der letzten Jahre verfasst haben. Die wohl bekannteste heißt Ayu Utami. Auch Dorothea Rosa Herliany ist mit ihrer feministischen Lyrik populär, die das Frauenbild in der indonesischen Gesellschaft in sehr direkter Sprache anprangert. Kein ganz erwartbares Erfolgsrezept für ein zu großen Teilen muslimisches Land. Indonesien steckt eben voller Überraschungen.

          Der gesellschaftskritische Lyrikband „Schenk mir alles, was die Männer nicht besitzen“ von Dorothea Rosa Herliany wird vom Ulme-Mini-Verlag in Verbindung mit einer multimedialen CD-ROM vertrieben Bilderstrecke
          Buchmessen-Gastland 2015 : Empfehlungen aus der indonesischen Literatur

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