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Finanzierungsmodell „Crowdfunding“ : Blaucrowd bleibt Blowkraut

  • -Aktualisiert am

Eine Speise mit Pudelgesicht kann Berge versetzen: Beim Krautfunding suchen Fans sich aus, was sie finanzieren wollen Bild: Colourbox.com

Crowdfunding bietet Interessierten die Möglichkeit, Kunst im Entstehungsprozess zu finanzieren. Ein Modell für den Buchmarkt?

          Schwarmfinanzierung wäre wohl die korrekte Bezeichnung für dieses Phänomen, das in Amerika Karriere gemacht hat. Durch die deutschsprachige Internetkultur allerdings geistert ein anderer Begriff: „Krautfunding“. Ein erschreckend treffsicherer Kalauer. Die digitale Kleinstinvestition in Kunstprojekte jeder Art spielt in der deutschen Musik-, Film-, Fotografie- und Spielebranche inzwischen eine beachtliche Rolle: 350 Millionen Euro sammelt voraussichtlich allein die erfolgreichste Internetplattform dieser Art im Jahr 2013 ein.

          Das Prinzip ist denkbar einfach: Künstler stellen ihre Ideen mit Hilfe eines Videos vor. Dem Film fügen sie eine Kalkulation sowie ein gestaffeltes Spendenmodell hinzu: Wer den Minimalbetrag zahlt, bekommt die Normalversion des geplanten Werkes. Wer mehr gibt, dem winken signierte Ausgaben, Sondereditionen oder andere Gaben. Ist der Aufruf erfolgreich, gehen fünf Prozent der Gesamtsumme an den Plattformbetreiber. Das Geschäft blüht. Die Masse macht’s.

          Lohnt sich Schwarmfinanzierung in der Buchbranche?

          Der Buchmarkt hat mit diesem Finanzierungsmodell bislang so gut wie nichts zu tun. Nur ein paar vereinzelte Krauts haben sich der Sache verschrieben. Wenn man deren Spuren zu den ersten Diskussionen auf der Buchmesse folgt, könnte die Schwarmfinanzierung innerhalb der Buchbranche allerdings tatsächlich einmal eine Rolle spielen. Grundsätzlich gilt: Die Gefahr, dass die Masse immer nur Massengeschmack produziert, ist existent. Und eine Revolution des Buchmarktes - wie sie mancher Anhänger dieser Finanzierungsform vielleicht erhofft - wird ausbleiben.

          Autoren, die sich und ihre Arbeiten selbst präsentieren und vermarkten, sind mit den Prinzipien der marktwirtschaftlichen Selbstoptimierung quasi imprägniert. Die Erwartungen an die Schwarmfinanzierung müssen eine Nummer kleiner ausfallen. Falls sie eine Zukunft haben sollten, werden sie die bisherigen Finanzierungsformen in zwei Szenarien ergänzen.

          Für die Arbeit des einzelnen Autors, der sein Buchprojekt in Eigenregie verwirklichen möchte, könnte die Schwarmfinanzierung wie ein Enzym wirken. Die Hindernisse und Wartezeiten zwischen Schreiben und Publikation nehmen ab. Doch warum sollte jemand, der seine Arbeit in Windeseile und ohne Kostenaufwand als E-Book veröffentlichen kann, auf Schwarmfinanzierung warten?

          Selbstvermarktung zur Fremdfinanzierung

          Andrea Kamphuis, freie Lektorin und Übersetzerin aus Köln und Mitgründerin des Verlags „Krautpublishing“, glaubt daran, dass sich auch beim Self-Publishing mittelfristig ein Qualitätsbewusstsein durchsetzen wird. Sie sieht in der Vorfinanzierung eine Chance. Autoren könnten auf diese Weise ein freies Lektorat finanzieren. Obwohl sie außerhalb der etablierten Verlagsstrukturen publizieren, würden sie dann auf Qualität setzen.

          Und noch einen Vorteil sieht sie: „Crowdfunding schließt Marketing immer schon mit ein.“ Der Autor spricht seine Leser direkt an. Er ist bereits während der Produktion mit ihnen in Kontakt. Die Identifikation mit einem Buch ist viel größer, wenn man seine Entstehung erst mit ermöglicht und dort vielleicht sogar namentlich erwähnt wird.

          Das leuchtendste Beispiel dieser Art ist derzeit Le van Bos „Hartz IV Möbelbuch“. Es sammelt Anleitungen und Ideen, wie man mit wenig Geld Möbel selbst baut. Der Autor hat alle anfallenden Kosten bis hin zum Vertrieb mit Hilfe der Schwarmfinanzierung gedeckt. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Der Verlag Hatje Cantz hat das Buch jetzt in seine Reihen aufgenommen.

          Das Beispiel zeigt bereits: Dieses Finanzierungsmodell richtet sich nicht unbedingt gegen die Verlage. Tatsächlich scheint das Konzept ebenso wirkungsvoll, wenn Verlage es in ihre Arbeit integrieren. In diesem Fall handelt es sich - darauf haben bereits mehrere Krauts hingewiesen - um die Neuauflage der Subskription im digitalen Zeitalter. Gerade für kleinere Verlage, die keine Mischfinanzierung betreiben, könnte dieses Modell erneut rentabel werden. Zumal die Spendenaufrufe ja auch Veranstaltungen oder Lesereisen betreffen können.

          Schlaflose Branche

          An diesem Punkt werden sogar die großen Verlage hellhörig. Das sei schon interessant, „sich beispielsweise im Bereich Kinderbuch über solche Modelle Gedanken zu machen“, so Carolin Rosen vom S. Fischer Verlag. Das könnte also doch etwas werden mit dem Crowdfunding und der Buchbranche - wenn denn jemand den Anfang machte.

          Vielleicht aber tut sich gerade für die kleineren Verlage ein dritter Weg auf. Der Unsichtbarverlag hat sich auf deutschsprachige Gegenwartsliteratur spezialisiert. Viele Titel stammen aus der regen Poetry-Slam-Szene in Deutschland. Fragt man Andreas Köglowitz, was er von Crowdfunding hält, schaut er entsetzt: „Warum sollte ich einer Plattform fünf Prozent meines Umsatzes abgeben? Ich setze absolut auf die Crowd innerhalb des Internets und auf die Kommunikation in den sozialen Foren. Ich brauche dafür aber keine externe Plattform.“ Köglowitz bietet seine Bücher über seine Homepage an.

          Seine Facebook-Gemeinde umfasst inzwischen 7200 Fans. Und er lässt sich ganz selbstverständlich von diesen die Produkte vorfinanzieren. „So hoch sind die Kosten ja auch nicht. Ich verstehe mich einfach als eine neue Art von Verleger.“ Die Branche schläft also nicht. Relativ aufregungslos geht sie mit der neuen, altbekannten Finanzierungsform um. Das klingt nach einer Veränderung ohne das übliche Getöse. Vielleicht erweist sich das als Stärke. Sicher sprechen wir bei der kommenden Buchmesse wieder über die Krauts.

          Quelle: F.A.Z.

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