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Empörung über Erziehungsratgeber : Jede Mami kann schreien lernen

  • -Aktualisiert am

Seit sechzehn Jahren empfiehlt der Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“ übernächtigten Eltern ein Durchschlafprogramm. Jetzt machen gut vernetzte Mütter gegen den Bestseller mobil, der sich mehr als eine Millionen Mal verkaufte.

          Hups, so schnell hat man einen hormongesteuerten Mob am Arm: In den sechzehn Jahren, in denen Annette Kast-Zahns Erziehungsratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“ zum Bestseller geworden ist, gab es immer wieder Kritik an der Empfehlung, nimmermüde Zwerge planmäßig schreien zu lassen, bis der Schlaf kommt. Aber so wie jetzt? Wo das Smartphone die Helikopter-Mütter dieser Republik in Echtzeit vernetzt, kann aus der Empörung über die Neuauflage eines alten Buchs sogleich ein veritabler „Shitstorm“ werden. Beim Verlag Gräfe und Unzer jedenfalls liegen die Nerven auf der Frankfurter Buchmesse blank. Einige Mitarbeiter sollen sich sogar eine zweite Garderobe ins Gepäck gelegt haben, um gegen die farbbeutelschwenkenden Aktivisten gerüstet zu sein, die es nicht bei Schimpftiraden im Internet belassen möchte. Jeder Besucher wird unter Femenverdacht stehen.

          Aber so weit muss es ja nicht kommen. Denn Tanja Wiemann aus Stuttgart ist nur besorgt. Sie ist Besitzerin von zwei „Hundis“, Veganerin und Mutter, und was sie umtreibt, erfährt man auf den Seiten ihres Blogs „Tannis Welt“: die Vorzüge eines Familienbettes aus Europaletten zum Beispiel, Rezepte mit Auberginen und alles, was irgendwie mit den Rechten von Tier und Kind zusammenhängen könnte. Als Frau Wiemann Annette Kast-Zahns Schlafratgeber gelesen hatte, stellte sie fest: „Es ist noch viel furchtbarer, als ich es mir vorgestellt habe.“ Also muss es weg, dieses furchtbare Buch: „Jetzt wird gehandelt“, schrieb sie, setzte ein „Chakka!“ dran und über „Change.org“ eine Petition auf, die seit Mitte September mehr als viertausend Eltern unterschrieben haben: „Das Buch muss zum Schutz der Eltern und Kinder vom Markt verschwinden.“

          Nicht auf Dialog aus

          Dass zu den Unterstützern die RTL-Nanny Katia Saalfrank zählt, dürfte der Sache dabei nicht geschadet haben. Ganz im Gegenteil: „Die Babys haben Todesangst. In jeder Sekunde“, sagte sie der „Bild“, während die Versuche von Verlag und Autorin, den Vorwürfen sachlich entgegenzutreten, ins Leere griffen. Zunächst ließ man noch wissen, „mit unseren Babyratgebern Eltern verschiedene Ansätze anbieten“ zu wollen, und die Autorin suchte mit einem freundlichen, mit Fachliteraturhinweisen angereicherten Brief zurechtzurücken, was ihr in der Zwei-Zeilen-Empörung der Aktivisten schief vorkam: „Ich ermutige die Leser ausdrücklich, nichts zu tun, was gegen die Intuition spricht.“ Oder: „Die Eltern sollten immer in der Nähe sein. Aber brauchen Babys nachts sieben Fläschchen? Nächtliche Autofahrten?“ Doch dann zog man sich zurück. Weil diese Mütter nicht auf Dialog aus sind. Ihre Bitte, das Buch „umgehend“ vom Markt zu nehmen, hat vielmehr dieselben bedrohlichen Züge wie der fortlaufende Hinweis der Initiatorin, sie wolle „keine Hetzjagd“, sondern „friedlichen Protest“.

          Frotzeleien, ob man nicht gleich auch andere Bücher oder gar die gesamte Ratgeber-Literatur verbieten solle, sind in den Online-Echokammern zum Thema selten. Stattdessen werden die Kommentare auf der Facebook-Seite „Schluss mit JKKSL“ mittels der Aufforderung abgeschlossen, die negative Bewertung bei Amazon nicht zu vergessen. Oder mit dem Link zu anderen Petitionen, einer zum Betreuungsgeld etwa. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich die Mütter erheben. Wer hat die überhaupt ans Smartphone gelassen? Und noch weiß niemand, was passiert, wenn der Protest die erhofften 5000 Unterstützer erreicht hat. Derzeit sind es 4400.

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