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„Kruso“ und andere Wenderomane : Die DDR als sicherer Bucherfolg

Schauplatz einer Robinsonade: Blick von Hiddensee auf die Ostsee Bild: Picture-Alliance

Die Veröffentlichung von Lutz Seilers Roman „Kruso“, frisch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist eine Punktlandung. Und das Genre des Wenderomans eine eindeutig ostdeutsche Männerangelegenheit.

          Die Frankfurter Buchmesse hat begonnen: An diesem Mittwoch öffnet der weltweit größte Handelsplatz für Bücher seine Tore, und schon am Montagabend ist der Deutsche Buchpreis verliehen worden. Gewonnen hat ihn Lutz Seiler für „Kruso“, - einen Roman, der vom Untergang der DDR erzählt. Das darf man eine literarische Punktlandung zum fünfundzwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls nennen. Doch „Kruso“ ist schon der dritte Roman über das Leben in der scheiternden DDR, der mit dem erst 2005 begründeten Buchpreis ausgezeichnet wurde. Vor sechs Jahren ging die vielbeachtete Auszeichnung, die regelmäßig sechsstellige Verkaufszahlen für die prämierten Bücher garantiert, an Uwe Tellkamp für „Der Turm“, 2011 an Eugen Ruge für „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

          Die drei Bücher stammen von Männern, was bemerkenswert genug ist, weil der Deutsche Buchpreis bislang häufiger von Autorinnen gewonnen worden ist. Wäre nicht gleich zum Auftakt Arno Geiger mit seiner österreichischen Familiengeschichte „Es geht uns gut“ prämiert worden, könnte man den Schluss ziehen, deutsch schreibende Männer hätten als Schriftsteller nur ein erfolgsträchtiges Thema. Noch interessanter ist, dass sowohl Tellkamp als auch Ruge und Seiler aus der DDR stammen. Das Genre des sogenannten Wenderomans ist also eine eindeutig ostdeutsche Angelegenheit. Dazu passt auch der vierte - und früheste, noch vor Buchpreiszeiten erzielte - große Verkaufserfolg des Genres Wenderoman: Thomas Brussigs 1995 erschienenes Buch „Helden wie wir“.

          Woran liegt das? Offenbar erwarten wir als Leser fiktionaler Literatur über die DDR einen erfahrungsgesättigten Hintergrund, den die Biographie der Verfasser legitimieren soll. Die kommerziellen Siegeszüge von „Helden wie wir“ und „Der Turm“ verdankten sich dem westdeutschen Publikum, dessen Begeisterung sich in beiden Fällen früher entwickelte als in Ostdeutschland. Dem Westen viel Neues - so könnte man auf eine Formel bringen, was diese Bücher den in der Bundesrepublik aufgewachsenen Lesern boten. Und das Bedürfnis ostdeutscher Schriftsteller, sich ihre biographischen Erfahrungen von der Seele zu schreiben, ist aus nachvollziehbaren Gründen größer als bei den westdeutschen Kollegen, die 1989 zwangsläufig nicht mehr als Zuschauer sein konnten.

          Kein Mut

          Deshalb ist es nur konsequent, dass der bislang einzige erfolgreiche Wenderoman, den ein Westdeutscher geschrieben hat, „Herr Lehmann“ von Sven Regener aus dem Jahr 2001, zwar auf die Maueröffnung vom 9. November 1989 hinausläuft, sein Titelheld davon aber völlig überrascht wird, weil ihn angesichts privater Probleme die politische Entwicklung gar nicht interessiert, obwohl er in West-Berlin lebt. Regener hat in seinem Roman mit traumwandlerischem Geschick eine West-Generation porträtiert, die es sich in der Teilung behaglich eingerichtet hatte, und dürfte damit die Mehrzahl der Bundesbürger des Jahres 1989 gut getroffen haben. Selbstzufriedenheit, die überdies noch belohnt wurde durch den als Sieg empfundenen Kollaps des Sozialismus, konnte kein guter Antrieb für einen mitreißenden Roman sein - es sei denn, er ist wie „Herr Lehmann“ eine Komödie.

          Erst kürzlich hat Uwe Tellkamp in einem Gespräch zur zehnten Verleihung des Deutschen Buchpreises eine „Liefermentalität“ der deutschen Literaturkritik beklagt: „Wir sind die Auftraggeber, und ihr Autorensäcke habt gefälligst zu liefern. Wenn ihr das nicht macht, dann kriegt ihr von uns im Feuilleton gezeigt, wo die wahre Macht der Worte liegt. Ich finde, da muss eine Jury auch den Mut haben zu sagen: Nein, wir küren jetzt ein Buch, das untersucht, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Politisch völlig irrelevant.“ Diesmal tat sie es nicht.

          Eine Masche

          Tellkamp hat aber auch leicht reden als derjenige, der den bislang erfolgreichsten - und besten - Vertreter des Genres „geliefert“ hat. Spätestens seit „Der Turm“ gehört denn auch noch etwas zu einem erfolgreichen Wenderoman, das der autobiographischen Kompetenz zu widersprechen scheint: die Mystifikation. Tellkamp hat aus der DDR ein phantastisches Staatsgebilde gemacht - eine Komponente seines Buchs, die in der Rezeption gegenüber den realistischen Schilderungen und Schlüsselfiguren ebenso zuverlässig untergegangen ist wie bei der Verfilmung des Romans. Für seinen Erfolg aber ist sie entscheidend, weil damit dem Eindruck vorgebeugt wird, man läse „nur“ ein Sachbuch. Bei Brussig war es die Komik, die das verhinderte, bei Ruge die chronologische Verschachtelung.

          Lutz Seiler hat sich für „Kruso“ geradezu sklavisch am Tellkamp-Rezept orientiert und das am Rande der DDR gelegene Hiddensee, das schon im „Turm“ einen markanten und trotz der dortigen Kürze vielschichtigeren Auftritt als Handlungsort hat, zur „Insel der Freiheit“ im sozialistischen Staat verklärt, wie es Tellkamp weitaus zurückhaltender für das Dresdner Villenviertel „Weißer Hirsch“ vorgemacht hat. Beide Bücher sind Robinsonaden, worauf „Kruso“ direkt im Titel und Tellkamps Buch im Untertitel „Geschichte aus einem versunkenen Land“ anspielt. Was wir so begeistert lesen und die Buchpreis-Jury so begeistert auszeichnet, sind Abenteuerromane. Dagegen ist nichts zu sagen, aber eine Masche ist es mittlerweile schon.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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