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Deutscher Buchpreis für Lutz Seiler : Eine zweifelhafte Entscheidung

Lutz Seiler bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises am Montagabend im Frankfurter Römer Bild: dpa

Mit „Kruso“ gewinnt pünktlich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ein Roman den kassenträchtigsten Buchpreis für deutschsprachige Literatur, der von den letzten Monaten der DDR erzählt. Ort der Handlung: die Insel Hiddensee. Literarischer Rang: eher zweifelhaft.

          Die Überraschung ist ausgeblieben. Mit Lutz Seilers im September bei Suhrkamp erschienenen Roman „Kruso“ gewann jener Titel den Deutschen Buchpreis, den fast alle angesichts der zuvor schon zuverlässig ausgesonderten ernsthaften Konkurrenz zum Favoriten erhoben hatte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf der noch sechs Bücher umfassenden Shortlist kamen drei Romane (Angelika Klüssendorfs „April, Gertrud Leuteneggers „Panischer Frühling“, Heinrich Steinfests „Der Allesforscher“) schon aus Traditionsgründen nicht in Frage, weil in den zehn Jahren seiner Existenz noch nie ein im Frühjahr erschienenes Werk den Buchpreis gewonnen hat, und Thomas Melles „3000 Euro“ war zu harmlos. Blieb also nur noch Thomas Hettches „Pfaueninsel“. Aber die preußische Vergangenheit ist uns eben nicht so nahe wie die deutsch-deutsche, von der Seiler in „Kruso“ erzählt, dessen Handlung während der letzten Monate der DDR auf der Insel Hiddensee spielt.

          Die Jury sah über Schwächen hinweg

          Lutz Seiler ist ein fabelhafter Lyriker, aber sein Roman wirft Fragen sowohl der Konzeption – das angehängte Kopenhagen-Kapitel entzaubert das Vorangehende – als auch der sprachlichen Überladung auf. Just die „ins Magische spielende Sprache“, die in der Preisbegründung genannt wurde, ist eine Schwäche des Buchs. Die Jury, bewundert wenig, dafür diesmal viel gescholten, hat beides nicht davon abgehalten, ihm den mit 25.000 Euro dotierten Preis zuzusprechen, der aber viel mehr wert ist, weil sich noch kein Preisträgerroman weniger als hunderttausend Mal verkauft hat. Uwe Tellkamps „Der Turm“, in vielem inhaltlich eine Art Folie für Seilers Buch, wenn auch literarisch weitaus anspruchsvoller, hat es mittlerweile fast auf eine Millionenauflage gebracht. Der Deutsche Buchpreis ist als solcher eine Erfolgsgeschichte, und für die Gewinner ist er es noch viel mehr.

          In diesem Jahr wurde kampagnenartig kritisiert, dass Autorinnen in der Auswahl unterrepräsentiert seien, nur fünf von den zwanzig der Longlist, dann noch zwei unter den sechs Finalisten der Shortlist, aber davon hat die Jury sich auf der Zielgeraden nicht beirren lassen. Das ist gut so, sonst wären fortan nur noch die literarischen Krawallmacher am Zuge. Das etliche der meistgerühmten Romane aus den vergangenen zwölf Monaten unberücksichtigt blieben, wiegt allerdings schwerer. So hatte man diesmal im Finale den Eindruck eines B-Endlaufs.

          Das tat Seilers Freude bei Bekanntgabe seines Siegs keinen Abbruch. Im Kaisersaal des Frankfurter Römers waren schon vorab die meisten Kameraobjektive auf den einundfünfzigjährigen Schriftsteller in der fünften Reihe gerichtet, und wenn man im Saal noch weniger überrascht gewirkt hätte als der Autor selbst, so wäre das als die größte Überraschung des Abends zu bezeichnen gewesen.

          Suhrkamps wackere Heizer

          Nach ausgiebigem Herzen der begleitenden Suhrkamp-Crew hielt Seiler mit forschem Schritt auf die Bühne zu und eine sauber vorformulierte Dankesrede, in der er ausgehend vom Bild des „großen Bahnhofs“, den ein solcher Preis für ihn, den Lyriker, bedeute, ein ganzes eisenbahnerisches Metaphernfeld entwickelte, das schließlich zum Höhepunkt jene 128 Heizer beschwor, die „die alte Suhrkamp-Lokomitive“ feuern. Für Suhrkamp ist es seit Tellkamps „Turm“ der erste Buchpreisgewinn. Den erwartbaren Erfolg wird der immer noch durch Inhaberquerelen gebeutelte Verlag gut gebrauchen können.

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