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Literaturauszeichung : Bodo Kirchhoff gewinnt den Deutschen Buchpreis

Bild: dpa

Diese Auszeichnung soll nach dem Willen des Buchhandels das Aushängeschild des Literaturjahres sein. Mit „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff geht der Deutsche Buchpreis erstmals nicht an einen Roman, sondern an eine Novelle. Zu Recht.

          Bevor der Deutsche Buchpreis vor elf Jahren vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum ersten Mal verliehen wurde, kam es im Frankfurter Literaturhaus, damals noch in der Bockenheimer Landstraße, zu einer interessanten Diskussion über die künftige Auszeichnung. Auch Bodo Kirchhoff war zugegen. Der 1948 geborene Frankfurter Autor hatte da bereits ein umfangreiches und erfolgreiches Werk zu bieten, und er verteidigte den neuen Preis gegen die damals recht zahlreichen Skeptiker, die darin nur ein Marketinginstrument sehen wollten. Einen Fehler allerdings sah auch Kirchhoff bei der Konzeption der Ausschreibung: Die Auszeichnung hätte Deutscher Romanpreis statt Deutscher Buchpreis heißen sollen, damit wäre doch allen besser gedient gewesen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Heute wird Kirchhoff glücklich sein, dass seinerzeit niemand auf ihn gehört hat. Denn sein jetzt mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnetes Werk „Widerfahrnis“ ist nicht als Roman ausgewiesen, sondern als Novelle. Damit widerspricht sie im Grunde genommen den Ausschreibungsbedingungen, die den Preis als Wettbewerb „um den besten Roman in deutscher Sprache“ definiert, doch mit Jonas Lüschers „Frühling der Barbaren“ stand 2013 schon einmal eine dezidiert als Novelle klassifiziertes Buch auf der Longlist. Dieser Präzedenzfall machte der aktuellen Jury ihre Entscheidung für den schon zuvor als Favoriten gehandelten Kirchhoff leichter. Sein Buch ist das Beste unter den letzten Sechs gewesen.

          Ein subtiles literarisches Spiel

          Mit Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ gab es allerdings noch einen zweiten heißen Favoriten, doch dessen Wahl hätte den Buchpreis in ein echtes Dilemma gestürzt. Denn Melle verzichtet bei seinem Erfahrungsbericht über die eigene bipolare Störung auf jede Gattungsbezeichnung, aber an einem lässt er von Beginn an keine Unklarheit aufkommen: dass in seinem Text nichts fiktionalisiert ist. Damit wurde der Buchpreis für Memoiren geöffnet, bis zum Sachbuch ist es da nicht mehr weit. Mit diesem Problem wird sich der Wettbewerb künftig herumschlagen müssen. Hätte „Die Welt im Rücken“ gewonnen, wäre das ein noch größerer Affront gegen die Wettbewerbsausschreibung gewesen.

          Bei Kirchhoffs Buch dagegen hätte sich immerhin niemand gewundert, wenn es als Roman bezeichnet worden wäre, denn mit 220 Seiten ist es eine sehr umfangreiche Novelle, und auf der viertägigen Reise durch ganz Italien, von der darin erzählt wird, passiert auch mehr als genug für einen Roman, jedenfalls noch weitaus mehr als nur die „unerhörte Begebenheit“, die seit Goethe als Kriterium für eine Novelle dient. Kirchhoff schildert die gemeinsame spontane Fahrt eines im Ruhestand lebenden Buchhändlers und einer auch schon älteren Autorin, die er zufällig kennenlernt, nach Sizilien, und auf der Reise lernen sie nicht nur sich selbst besser kennen, sondern werden auch mit der europäischen Flüchtlingskrise konfrontiert. Der Thematisierung des Scheiterns der persönlichen Annäherung steht das Engagement für eine hilflose afrikanische Familie gegenüber, aber es ist kein politischer Appell, der „Widerfahrnis“ seine Qualität verleiht, sondern das subtile literarische Spiel, das Bodo Kirchhof hier veranstaltet.

          Die anderen vier Nominierten der Shortlist – Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“, André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“, Eva Schmidts „Ein langes Jahr“ und Philipp Winklers „Hool“ – galten vor der Verleihung schon als aussichtslos. Mit „Widerfahrnis“ gewinnt nicht nur das beste Buch dieser Auswahl, sondern auch der erfahrenste Autor. Für Bodo Kirchhoff, der mit „Schundroman“ und „Infanta“ Erfolge bei Publikum und Kritik hatte und mit dem Drehbuch zu dem Spielfilm „Manila“ ein Meisterwerk der Dialogführung schuf, ist das der größte Literaturpreis in seiner fast vierzigjährigen Karriere.

          Quelle: FAZ.NET

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