http://www.faz.net/-gqz-7ie54

Michael Krüger in Frankfurt : Meine letzte Messe

  • -Aktualisiert am

Michael Krüger am Freitagabend beim Buchmessenempfang der F.A.Z. in der Siesmayerstraße Bild: Helmut Fricke

400 Hände geschüttelt, 80 Küsse verteilt, 76 Manuskripte gelesen, 4 Angebote, meine Memoiren zu schreiben, und noch einmal „Frankfurter Hof“. Ein Tagebuch des Abschieds, bis auf weiteres.

          7. Oktober

          Im Zug nach Frankfurt. Wahrscheinlich wird es mein letzter Messebesuch; auf jeden Fall mein letzter für den Hanser-Verlag. Auf meinem kleinen Fremdsprachencomputer, der bezeichnenderweise „Ex-word“ heißt, habe ich mir englisch, französisch, italienisch den Satz übersetzt: „Dies ist meine letzte Messe. Wahrscheinlich werden wir uns nie mehr in diesem Leben begegnen. Ich werde demnächst Rentner sein (senior citizen; retraité). Ich wünsche Ihnen und Ihren Büchern alles Gute für die Zukunft!“ Natürlich hoffe ich, meine Freunde Carol Janeway von Knopf oder Peter Mayer von Overlook oder Roberto Calasso von Adelphi oder Robbert Ammerlaan von De Bezige Bij noch einmal wiederzusehen, in einem Museum in Amsterdam oder New York, aber die Chancen schwinden. Inge Feltrinelli, das muss sein. Die angenehme Internationalität, die ich mir seit vierzig Jahren aufgebaut habe, wird zerfallen wie der Zucker im Kaffeebecher, den mir der lustlose Service-Kellner auf meine Papiere gestellt hat. Also nie wieder Lachen mit Philip Roth oder Milan Kundera, nie wieder das zerknautscht-freundliche Gesicht von Michael Ondaatje sehen oder mit der lustigen Yasmina Reza plaudern? Man ist froh, dass es auch ein paar deutsche Freunde gibt, die man mit der für Rentner ermäßigten Bahncard erreichen kann. Und hoffentlich schickt einen das Goethe-Institut noch einmal nach Rom, damit ich Durs Grünbein und Roberto Zapperi auf einen Espresso wiedersehe.

          *

          Kollegen von anderen Verlagen kommen vorbei und nicken mir milde-freundlich zu. Irre ich mich, oder grüßen sie bereits einen Ausgeschiedenen? Auf jeden Fall wird er nicht mehr mitbieten, denken sie wahrscheinlich, und er wird nicht mehr öffentlich spotten können über all den Mist, den wir als Bücher verpacken.

          Ich lächle milde-freundlich zurück.

          *

          In Würzburg steigen einige Nonnen zu mit großem Gepäck. Wahrscheinlich auch Buchmesse. Während sich die Kirchen leeren und nur noch für Kunstinteressierte offen gehalten werden, nehmen die Bücher zu theologischen Fragen zu. Die abwesenden Götter werden für das Überleben unserer Branche sorgen, das ist beruhigend. (Auch wenn die Bücher oft so hässlich aussehen wie der Koran, den mir kürzlich ein Islamist auf dem Marienplatz in die Hand gedrückt hat! Wie schön dagegen der Korankommentar von Angelika Neuwirth bei Suhrkamp. Der Imam sollte in Deutschland drucken lassen, in den unterirdischen Druckereien in Schwaben.)

          *

          Wir rauschen an Hanau vorbei. Mindestens dreihundertmal in meinem Leben bin ich in Hanau nicht ausgestiegen. Wahrscheinlich wäre ich in Hanau glücklich geworden. Hätte sich Kafka zum Beispiel in eine Hanauerin verliebt, sähe die Welt heute anders aus.

          *

          Gleich sind wir in Frankfurt. Wird mich im „Frankfurter Hof“ wieder Herr Carl begrüßen, der belesene Empfangschef? Er ist so alt wie ich, wird aber noch gebraucht. Ich werde ihn fragen, wer im nächsten Jahr in meinem Bett schlafen wird (Zimmer 605?? 507??); wahrscheinlich ein erstklassig vernetzter E-Book-Schnösel; hoffentlich kostet die Flasche Mineralwasser dann fünfzehn Euro aufwärts.

          *

          Deutscher Buchpreis, im „Römer“. Ich drücke natürlich Reinhard Jirgl die Daumen, dem Außenseiter. Terézia Mora gewinnt. Muss ich lesen, aber wann. Böttiger berichtet, der Jury hätten mehr als zweihundertfünfzig Romane vorgelegen. Glückliches Deutschland! Irgendwas stimmt mit diesem Land nicht. Weiß man noch, wie die besten Romane des Frühjahrs hießen? Die Runde schweigt. Ja, doch, wie hieß der noch, bei Rowohlt, das Buch mit der Niere, das war doch gut. Wagner hieß der Typ.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Er ist der Herrscher der „neuen“ Türkei: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

          Zur Lage in der Türkei : Warum sind Atatürks Enkel so wütend?

          Der Journalist Baha Güngör hat ein Buch über die Türkei geschrieben. Er will Verständnis für die Entwicklung des Landes schaffen. Wie erklärt der einstige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle das Phänomen Erdogan?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.