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Michael Krüger : Der Kaiser geht

  • -Aktualisiert am

Genug der Bücher, jetzt einmal zu zwei Kugeln Eis. Bild: Röth, Frank

Fast ein halbes Jahrhundert war Michael Krüger beim Hanser Verlag. Ende des Jahres tritt er ab. Ein Spaziergang mit dem Verleger über seine letzte Buchmesse.

          Wenn man mit Michael Krüger über die Messe geht, muss man alle zwei Meter stehen bleiben: Küsse werden verteilt, Hände geschüttelt. „Ich kenne hier sicher 8000 Menschen“, sagt Krüger, und jetzt bleibt er schon wieder stehen, obwohl wir gerade keinen der Achttausend treffen. Eher scheint es, als würde Krüger – der in doppeltem Sinne große, strahlende Macher des Literaturbetriebs – sich für ein paar Momente besinnen. Das tut er vermutlich in diesen Tagen relativ häufig. Es ist seine letzte Buchmesse. Ziemlich schwer vorstellbar.

          Auch wenn Krüger jetzt das Gegenteil behauptet: Jede Wette, dass man ihn auch in den kommenden Jahren hier sehen wird, als Autor, als Präsident der Akademie der Künste, als Strippenzieher. Aber er wird eben nicht auf seinem angestammten Platz am Hanser-Stand sitzen, wo stets ein Tisch für ihn reserviert ist, an dem er Hof halten kann. 1968 wurde der 1943 geborene Krüger Lektor bei Hanser. Seit 27 Jahren leitet er den Verlag. Drei Monate bleiben ihm noch, dann muss das Büro für seinen Nachfolger Jo Lendle geräumt sein.

          Mächtig viele Bücher

          „Fünftausend Bücher stehen da“, sagt Krüger und schreitet weiter durch Halle 3, ein echtes Schreiten in typischer Krüger-Manier, das Jackett halb angezogen, halb über die Schulter gehängt, halb lässig, halb erhaben. „Verstehen Sie, was das bedeutet? Eine Katastrophe. Wo sollen die alle hin? Wer will die alle haben?“ Er spricht immer noch von den Büchern, die sich im Laufe seines Hanser-Lebens im Verlag angesammelt haben. Dann macht er eine unspezifische Handbewegung, die den Stand, den wir gerade passieren, oder auch die ganze Halle, womöglich die ganze Messe meinen könnte.

          „Was ist das hier? Salat-Bücher!? Jedes Jahr erscheinen zehn Salat-Bücher. Ach was, 30. Mindestens. Warum interessiert die Leute so was?!“ Vermutlich ist es ganz sinnvoll, ein wenig Unmut zu sammeln gegen das Treiben in Frankfurt, um sich fortan viel intensiver dem eigenen Schreiben widmen zu können. Seit Jahren, erzählt Krüger, hat er Notizen für einen Roman gesammelt: „Der muss dick werden, sehr, sehr dick.“

          Ein Kollege kommt vorbei und will noch rasch eine Wette zum Nobelpreis abschließen, der an diesem Messetag verliehen wird. Krüger blickt auf die Uhr. Sechs Minuten vor eins. „Kommen Sie, wir müssen mal kurz zum Stand“. Nach ein paar Schritten dreht er sich noch einmal um: „Munro.“ Dichtes Gedränge am Hanser-Stand, Kollegen, Fernsehkameras. Man will live dabei sein, falls in diesem Jahr die Entscheidung aus Schweden wiedermal auf einen Hanser-Autor fällt. Pressechefin Christina Knecht schimpft. „Verleger, das geht nicht, eine Minute vor eins.“

          Krüger grinst und setzt sich an seinen Tisch, schenkt uns etwas zu trinken ein. Dann ein kollektiver Seufzer. Nicht die ebenfalls hoch gehandelte Swetlana Alexandrowa Alexijewitsch bekommt den Preis – sondern: Alice Munro. Krüger breitet die Arme aus und grinst noch breiter. „Fragt mich doch einfach“, sagt er. „Fragt mich doch.“ Und man kann kaum umhin, aus diesen Worten auch ein wenig Melancholie herauszuhören darüber, dass er hier bald nicht mehr so häufig gefragt werden wird.

          „Kommen Sie“, sagt Krüger, „ich will jetzt Eis essen gehen. Es muss doch Eis geben auf dieser Messe.“ Als wir ins Freigelände zwischen den Hallen treten, weht ein scharfer Wind. Aber dadurch lässt Krüger sich nicht von seiner Idee abbringen und schreitet mit wehendem Jackett durch die kalte Oktoberluft. Zwei Kugeln will er. Eine Stracciatella, dazu Nuss, vielleicht auch Krokant.

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