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Rechte Verlage auf Buchmesse : Lückenfüller

Die Kommunikation mit Rechten Verlagen auf der Buchmesse erweist sich als schwieriger als gedacht. Bild: Frank Röth

Rechte Verlage auf der Buchmesse und eine „ideale Sprechsituation“ scheint unmöglich. Es geht um Migranten versus Deutsche, Lügenpresse versus Wahrheitsfinder, Konsensstörer versus Establishment.

          Als Jürgen Habermas sich auf die Suche nach dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ begab, wusste er gewiss, dass die „ideale Sprechsituation“, wie sie ihm vorschwebte, in der Realität höchst selten anzutreffen ist. Allen Widrigkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation zum Trotz nach dem zu streben, was nahezu unmöglich scheint, mag im Privaten naiv sein, gewinnt im Politischen aber geradezu vorbildhaften Charakter. Nur im politischen Dialog, der innerhalb der Grenzen des Rechts eine Vielfalt an Meinungen akzeptiert, kann Frieden gedeihen.

          Die ideale Sprechsituation ist in dieser Hinsicht inklusiv. Dass aber die Kommunikation des „Establishments“ ganz im Gegenteil unter Ausschluss von „Andersdenkenden“ erfolge, ist ein alter Vorwurf von Systemkritikern jeder Couleur, den sich nun die Neue Rechte zu eigen gemacht hat. Einige ihrer Fürsprecher schickten sich auf der Buchmesse an, ein prominent gewordenes Beispiel der gefühlten kommunikativen Exklusion – in solchen Kreisen auch gerne „Zensur“ genannt – in einer öffentlichen Veranstaltung aufzuarbeiten: Götz Kubitschek und Erik Lehnert, Leiter des rechtsgerichteten Instituts für Staatspolitik, traten an, um den von ihnen so bezeichneten „Feuilleton-Skandal“ um das Buch „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle zu analysieren.

          Charakter einer Selbstbeweihräucherung

          Den Auftakt machten beide Redner mit einem triumphierenden Bericht über das mediale Aufgebot, das sie auf der Buchmesse erfahren hätten. „Wir sind das Amalgam im Mund der BRD“, sagte Kubitschek (der offensichtlich schon länger keinen Zahnarzt mehr aufgesucht hat). „Nichts ist interessanter als die Lücke, das sollte das Establishment langsam begreifen.“ Einer Störung waren solche Sätze offenbar nicht wert.

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          Anders als bei den Veranstaltungen des Antaios-Verlages am Samstag, bei denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppierungen gekommen ist, verlief das dem Fachpublikum vorbehaltene Sieferle-Podium reibungsfrei. Der Besucherandrang hielt sich hier noch in Grenzen. Von einer Analyse des unterstellten Skandals, geschweige denn der Positionen Sieferles, war dann aber wenig zu erkennen. Nicht einmal über den Inhalt des Buches „von so unfassbarer Gelehrigkeit“, wie Kubitschek befand, wurde präzise geredet, selbst dann nicht, als es um das für die Rechten zentrale Thema des „Migrationsproblems“ ging. Die Veranstaltung hatte den Charakter einer Selbstbeweihräucherung, die eines gerade nicht suchte: das bessere Argument.

          Die Grenzlinien, die paradoxerweise im Namen der Meinungspluralität gezogen wurden, waren demgegenüber klar markiert: Migranten versus Deutsche, Lügenpresse versus Wahrheitsfinder, Konsensstörer versus Establishment. Lehnert ereiferte sich über den „Drecksjournalismus“: „Leute ohne Rückgrat wollen uns vorschreiben, was wir zu lesen haben.“ Doch ihre Rechnung sei nicht aufgegangen. „Wir haben gerade einen Lauf“, pflichtete Kubitschek ihm bei, der sich über die „Einfallslosigkeit“ seiner Gegner mokierte: „Als kämen sie mit Messern zu einer Schießerei.“ Sieht so der vernunftorientierte Dialog aus, den die Protagonisten der Neuen Rechten einfordern? Jeder, der glaubt, mit Beschimpfungen ein sinnvolles Gespräch führen zu können, hat grundlegende Regeln einer gelungenen Kommunikation nicht verstanden. Eine ideale Sprechsituation wird umgekehrt aber auch verwirkt, wenn die Stände rechter Verlage beschädigt werden. Mit Argumenten kann man den Anhängern der Neuen Rechten die Bühne entziehen. Mit Sachbeschädigung und einem riesigen Aufgebot an Kameras nicht.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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