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Georgiens Literatur : Die Jahre, die wir nicht kannten

Sich literarisch vergewissern, was da eigentlich vorgefallen ist: die sanierte Altstadt von Tiflis Bild: dpa

Lange konnte man sich auf Deutsch kein angemessenes Bild der Literatur Georgiens machen. Der Gastlandauftritt auf der Buchmesse ändert das alles.

          „Berge, Sonne und Wein, Blutrache, eine Welt, die durch Ferne und Exotik anzieht“, das also ist Georgien, jedenfalls wenn man dem Klappentext zur Anthologie „Der ferne weiße Gipfel“ glaubt, die 1983 im DDR-Verlag Volk und Welt erschienen ist. Das ist so herrlich blöd, dass man sich fragt, wen dieser ja werblich gemeinte Text eigentlich ansprechen soll, und die im Band versammelten georgischen Erzählungen lösen das Versprechen all dieser Klischees auch gar nicht ein. Zugleich aber war diese Anthologie eine der ganz wenigen, die sich bis dahin überhaupt auf Deutsch mit der Literatur des Landes beschäftigten, und es ist bezeichnend, dass mehr als die Hälfte der Erzählungen nicht etwa aus dem Georgischen, sondern über den Umweg des Russischen übersetzt worden waren – bis heute mangelt es, trotz der verdienstvollen Arbeiten etwa von Heinz Fähnrich, Ruth Neukomm, Kristiane Lichtenfeld oder Rachel Gratzfeld, an Übersetzern aus dem Georgischen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Trotzdem stellte „Der ferne weiße Gipfel“, zusammen mit Ruth Neukomms Anthologie „Georgische Erzähler der neueren Zeit“ von 1970, eine Pionierleistung dar, und bis vor wenigen Jahren war es für deutsche Leser kaum möglich, sich ein angemessenes Bild der georgischen Literatur zu machen.

          Ausgesprochen fruchtbar

          Dass sich das durch zahlreiche Neuerscheinungen der letzten Jahre gründlich geändert hat, ist dem Gastlandauftritt des Landes bei der morgen beginnenden Frankfurter Buchmesse geschuldet, ein Auftritt, der traditionell auch von einem Förderprogramm für Übersetzungen begleitet wird. In diesem Fall erweist es sich als ausgesprochen fruchtbar – kaum zu glauben, dass ein früherer Buchmessendirektor allen Ernstes den Länderschwerpunkt abschaffen wollte. Einer Bibliographie zur seit 1852 ins Deutsche übersetzten georgischen Literatur zufolge, die gerade im Shaker-Verlag erschienen ist, wurden mehr als ein Viertel aller dort erfassten Titel erst in den vergangenen acht Jahren publiziert, darunter einige Klassiker und zahlreiche heutige Autoren, deren Blick auf das eigene Land nicht selten von einer literarischen Moderne geformt ist, die weit über dessen Grenzen hinausreicht.

          Solche Berührungen sind kein Phänomen der jüngsten Zeit: So einzigartig Sprache und Schrift des Landes seit jeher sind, so auffällig ist zugleich die Übernahme literarischer Formen wie der Chronik oder der Heiligenlegende in den ältesten überlieferten Texten des Landes. Die zauberhafte Liebes- und Eifersuchtsgeschichte „Wis und Ramin“, verfasst im 12. Jahrhundert, geht auf eine persische Vorlage zurück, und zur selben Zeit, als man in Westeuropa höfische Artusromane rezipierte, schuf in Georgien um 1200 der Dichter Schota Rustaweli das in manchen Zügen verblüffend daran erinnernde Versepos „Der Ritter im Panterfell“, ein Werk, das noch immer Pflichtlektüre in georgischen Schulen ist und nach dessen Verfasser nicht nur die prächtigste Straße von Tiflis, sondern auch der Hauptstadtflughafen benannt ist.

          Aufmüpfige Jugend im Kommunismus

          Heutige georgische Autoren setzen sich überraschend oft mit diesem Text auseinander – ob das Naira Gelaschwili ist, die in ihrem Roman „Ich bin sie“ das Liebeskonzept Rustawelis gegen das Rilkes hält, oder Lasha Bugadze, der in „Der Literaturexpress“ zwei georgische Lyriker der Gegenwart zu ihrem Nachteil mit Rustaweli vergleicht, Aka Morchiladze, der Episoden des Versromans eigenen Texten zugrunde legt, oder Datu Turaschwili, der in „Westflug“ eine aufmüpfige Jugend im Kommunismus darauf anspielen lässt.

          Aber gerade „Westflug“ zeigt bei so viel Traditionsbewusstsein noch eine andere, viel auffälligere Tendenz in der georgischen Literatur der vergangenen zwei Dekaden: Die Autoren wenden sich der von zahlreichen jähen, oft auch blutigen Umschwüngen geprägten jüngeren Geschichte ihres Landes zu, wie um sich literarisch zu vergewissern, was da eigentlich vorgefallen ist, und das zu einem Zeitpunkt, wo die Freiheit der Rede und des Schreibens nach siebzig kommunistischen Jahren erst erprobt werden muss. „Ich hatte“, schreibt Turaschwili zu Beginn seines Romans, der 2008 erschien und dokumentarisch eine reale Flugzeugentführung in der Endphase der Sowjetunion schildert, „eigentlich nicht mehr vorgehabt, dieses Buch zu publizieren“, weil er die dort geschilderte „bittere“ Zeit als endgültig vergangen angesehen hatte: „Inzwischen zeigt sich jedoch, dass diese Vergangenheit zurückzukehren droht, und zwar vor allem, weil wir uns nicht von ihr verabschieden.“

          In ähnlicher Weise blickt Lasha Bugadze in „Der erste Russe“, erschienen im vergangenen Jahr, auf die Zeit kurz nach der Jahrtausendwende zurück, als er selbst wegen einer Erzählung, in der mit Königin Tamar eine Ikone der georgischen Geschichte von einer höchst menschlichen Seite gezeigt wird, bedroht und drangsaliert wurde. Guram Odischarias Tatsachenroman „Der Pass der Flüchtlinge“ erzählt von der lebensgefährlichen Flucht der Zivilisten aus Abchasien im Jahr 1993, Lewan Berdsenischwili von seiner Haft in einem sowjetischen Lager. Andere Autoren schildern eine intolerante, homophobe Gesellschaft und knüpfen dies – wie Davit Gabunia in seinem Roman „Farben der Nacht“ – an reale Ereignisse der vergangenen Jahre, wie um ihren Realitätsanspruch zu unterstreichen. Wo dies auffällig fehlt, etwa in Tamta Melaschwilis Kriegsroman „Abzählen“ von 2012, entsteht ein überzeitliches Panorama einer gefährdeten Zivilgesellschaft samt der sich notwendig einstellenden Verrohung angesichts permanenter Lebensgefahr – der letzte Krieg in Georgien liegt gerade einmal zehn Jahre zurück.

          Vielfalt und literarische Souveränität

          Unter denjenigen, die diese Hinwendung zur Zeitgeschichte mit einem avancierten literarischen Anspruch verbinden, ist der 1966 geborene Aka Morchiladze an erster Stelle zu nennen. Erfreulicherweise sind nun eine ganze Reihe seiner Werke auf Deutsch lieferbar. Den Anfang machte bereits 2006 der verspielte, in 36 Heften publizierte und in beliebiger Reihenfolge zu lesende Roman „Santa Esperanza“, zuletzt folgten „Obolé“, der Kriegs-, Drogen-, Reise- und hoffnungslose Liebesroman „Reise nach Karabach“ und schließlich „Der Filmvorführer“, weniger wuchtig und verzweifelt, aber ebenfalls vor dem Hintergrund eines Krieges angesiedelt, dessen Gewalt die Protagonisten ebenso schutzlos ausgeliefert sind. Dass es dabei nicht egal ist, wie man durchkommt, und dass es in einer verworrenen Zeit unerwartet Halt im anderen geben kann, zeigt dieser Roman aus dem Jahr 2009 so dezent wie unabweisbar.

          Auch der junge Domenico in Guram Dotschanaschwilis Roman „Das erste Gewand“ macht diese Erfahrung, dies aber in einer weder örtlich noch zeitlich konturierten Umgebung, die fast allegorisch in verschiedene Gesellschaftssysteme unterteilt ist und im letzten Teil des Romans zum Schauplatz einer Freiheitserhebung und ihrer Niederschlagung wird, was auch die schwierige Publikationsgeschichte des vielfach ausdeutbaren Buchs bestimmte – angeblich soll sich Eduard Schewardnadse für dessen Erscheinen Ende der siebziger Jahre eingesetzt haben. Sein Werk ist erst jetzt für deutsche Leser zu entdecken, ebenso wie der Medea-Roman „Der Garten der Dariatschangi“ von Otar Tschiladse, unter den vielen großartigen Büchern des Autors das beste, und auch die ungekürzte Ausgabe von „Das fürstliche Leben des Kwatschi K.“ des unter Stalin ermordeten georgischen Klassikers Micheil Dshawachischwili erscheint nun im Vorfeld der Buchmesse, zusammen mit einer ganzen Reihe erstmals ins Deutsche übersetzten Novellen des Autors.

          Er ist in seiner Vielfalt, literarischen Souveränität, seinem Witz, seiner Eleganz und nicht zuletzt der tiefen Menschlichkeit seines Werks eine der beglückendsten Entdeckungen, die diese Messe bereithält. Da ist keine Dogmatik, keine aufgesetzte Botschaft, alles erwächst beiläufig aus der Schilderung: So werden die Abenteuer des Hochstaplers Kwatschi angemessen farbig und schwungvoll erzählt, überraschend und immer an der Grenze zum Scheitern, während nur kurz, doch unabweisbar, das Leid derer in den Blick gerät, die um ihren Besitz, ihr Ansehen oder ihre soziale Sicherheit gebracht werden, die betagte Witwe, die ihr Haus verliert und nicht weiß, wohin, das junge Mädchen, das – von Kwatschi schwanger – auf einmal als Hure dasteht, oder der gehörnte Ehemann, der auf Kwatschis Intrige hin seine Heimat verlassen muss. Oder wenn in Dshawachischwilis früher Erzählung „Tschantschura“, enthalten in dem Band „Das Samtkleid“, ein Krüppel geschildert wird, der sich unter prekären Bedingungen am Leben erhält und dabei von allen, die mit ihm zu tun haben, mit gedankenloser Grausamkeit behandelt wird.

          Manches Buchmessengastland ist in den vergangenen Jahren gekommen und gegangen, ohne unsere literarische Neugier allzu sehr zu wecken. Dieses verspricht, uns noch lange zu beschäftigen. Nicht durch Ferne, Exotik oder Blutrache, sondern durch eine Literatur, deren Reichtum wir gerade erst entdecken.

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